Zeitung Heute : Arbeitsmarkt: Joblos in New York

Rita Neubauer,Hendrik Vöhringer

Der Internet-Boom bescherte Magazinen der New Economy ein bombiges Geschäft. Doch die jüngsten Probleme der US-Wirtschaft hinterlassen auch im Verlagswesen ihre Spuren. Stellenkürzungen und Umstrukturierungen kündigen einen Ausleseprozess an.

Vergangenen Juni schlug "Red Herring" alle Rekorde: das Magazin hatte 628 Seiten und war mehr als ein Kilo schwer. Red Herring, das über die Neue Wirtschaft, das Internet und neue Technologie berichtet, profitierte von einer Flut von Anzeigen aus genau diesem Sektor.

Die goldenen Zeiten sind nun jedoch vorbei. Das Januar-Heft schrumpfte auf 148 Seiten zusammen, und auf einer Diskussionsveranstaltung im kalifornischen Santa Clara musste Chefredakteur Jason Pontin jüngst nüchtern das Ende des Anzeigen-Booms eingestehen. "Es waren abnormale Zeiten".

Für den Bereich seines Internetangebotes hat das auch das US-Medienunternehmen New York Times Co erkennen müssen. Das Wachstum der Ausgaben für Online-Anzeigen bei der New York Times Digital habe sich verlangsamt, teilte das Unternehmen mit. Allein in den ersten neun Monaten des letzten Jahres verlor der Ableger bei einem Umsatz von 37 Millionen Dollar rund 46 Millionen Dollar. Grund genug für das Unternehmen, den für Oktober geplanten Börsengang der New York Times Digital zu stoppen. Jetzt zog man eine weitere Konsequenz aus den erschwerten Marktbedingungen: in der Internetabteilung wurden gestern 69 von 400 Stellen gekürzt.

Damit steht die New York Times Co im Online-Bereich keineswegs alleine da. Auch Rupert Murdochs News Corporation hat sich entschlossen, seine Internetaktivitäten zurückzufahren und größere Stellenkürzungen durchzuführen. Betroffen davon sind vor allem die Online-Komponenten Fox.com, Foxnews.com und Foxsports.com. Die Internetabteilung News Digital Media, die 1997 mit dem Ziel angetreten war, redaktionelle Inhalte für die Internetangebote zu liefern, wird komplett aufgelöst. Insgesamt gehen mehrere hundert Arbeitsplätze im Online-Bereich des Unternehmens verloren.

Auch 54 Mitarbeiter des Magazins Red Herring kriegten das Ende des Anzeigen-Booms zu spüren. Ihnen wurde gekündigt. Red Herring, seine Rivalen Upside, Wired, Industry Standard und Business2.0, griffen in den vergangenen Monaten zu überlebenswichtigen Anpassungsmassnahmen.

Sie reduzierten die Belegschaft, strukturierten die Spitze um und kippten Projekte. Der Industry Standard stellte nach nur fünf Ausgaben seine Sonderausgabe Grok ein. Für Fuse, die Beilage von Business2.0, kam das Aus bereits nach dem Debut. Der Verleger, Imagine Media, schrieb zweieinhalb Jahre Arbeit und Investitionen in Millionenhöhe in den Wind.

"Das Problem waren nicht wir. Wir waren kein Magazin für die New Economy", behauptet Chefredakteurin Lisa Gabor. "Das Problem ist, dass Imagine Media ein Unternehmen der Neuen Wirtschaft ist."

Und diese kam in den vergangenen Monaten gewaltig ins Stottern. Seit im April die Börse für Internetwerte einbrach, und Aktien von Startups von ihrem Höhenflug auf den Boden der Tatsachen zurückkehrten, hat sich das Klima dramatisch verändert.

Mehr als 150 Dot-com-Unternehmen machten dicht. Über 30 000 Arbeitsplätze gingen in der Internet-Industrie verloren, und viele Investoren verloren schlagartig ihr Vertrauen in einen Wirtschaftszweig, der erst einmal beweisen muss, dass er Profit machen kann.

Die Folge: nicht nur Börsengänge werden verschoben - viele Startups kämpfen auf Grund fehlender Anschlussfinanzierung ums Überleben, einst sprudelnde Werbeetats trocknen aus. Vor zehn Monaten steckten Dot-com-Unternehmen Millionen in die Anzeigenwerbung, um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen und Kunden anzuwerben.

Nicht nur schwammen alteingesessene Puplikationen wie Forbes oder Fortune im Geld, neue Magazine schossen vor allem in San Francisco wie Pilze aus dem Boden. Der phänomenale Boom der Zeitschriftenbranche kam auch den Journalisten zugute. Der Industry Standard erhöhte sein Redaktionsteam in nur zwei Jahren von 45 auf 380 Leute. Wirtschaftsjournalisten waren plötzlich heiß begehrt und konnten kräftige Lohnzuschläge verlangen.

All dies war anfänglich kaum ein Problem, da alle Zeitschriften von dem Boom profitierten. Da ihre Leserschaft jedoch die gleiche ist, müssen sich die Magazine nun verstärkt von der Konkurrenz abheben und ein eigenes Profil schaffen. Der Kampf um die Anzeigenklientele nimmt ebenfalls zu.

Denn mit dem Wegbrechen der Dot-com-Unternehmen stürzen sich nun alle wie wild auf die Großen der Alten Wirtschaft: Autohersteller, Versicherungsunternehmen, die Juwelierbranche und Warenhäuser. "Auch wir müssen zukünftig mehr diversifizieren", meint Jerry Borrell, Chefredakteur von Upside, einer der ältesten Zeitschriften in Sachen Neuer Medien.

Ein unschöner Ausleseprozess wird erwartet, vor allem unter den Newcomern. Aber auch Magazine wie Upside sind nicht vor Unbill gefeit, da ihm ein mächtiges Mutterhaus wie Time Warner (ECompany), Conde Nast (Wired) oder International Data Group (Industry Standard) fehlt. Die Hände reiben sich schon jetzt Leute wie Dennis Kneale. "Es ist vorbei, Schluss aus für eure Zeitschriften", feixte der Chef von Forbes ungeniert bei der Podiumsdiskussion in Santa Clara. Mit ein Grund für seine Schadenfreude: die Neuen jagten seiner Zeitschrift einst die Redakteure mit dickeren Gehältern ab.

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