Zeitung Heute : Arbeitsmarkt: Wie werden wir morgen arbeiten?

"Wir können noch kein Fazit ziehen, wenn wir noch unterwegs sind" hat der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux (1901 - 1976) gesagt. Aber schon heute lässt sich ablesen: Die Revolution der Arbeitswelt hat nicht erst begonnen - wir sind mittendrin. Wir sind aus dem Raum der politischen in den der technischen Revolutionen übergegangen. Subjekt der Revolution ist nicht das Proletariat, sondern das Kapital, die Technik.

Dabei stehen wir zweifellos erst am Beginn eines explodierenden globalen Wettbewerbs. In den 60ern waren sieben Prozent der amerikanischen Industrie internationalem Wettbewerb ausgesetzt; in den 80ern waren es 70 Prozent. Vor allem aber ist auch die individuelle Ebene betroffen. Durch die Informationstechnologien konkurrieren indische Software-Entwickler mit holländischen oder deutschen Berufskollegen. Deutsche Bauarbeiter konkurrieren mit Portugiesen, Polen, sogar britischen Kleinanbietern von Arbeit. Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, wird neben dem höheren Ausbildungsgrad ein höheres Maß an Eigeninitiative und unternehmerischem Geist die höheren Löhne rechtfertigen müssen. Folgende Tendenzen sind absehbar:

Die alte Idee des Arbeitsplatzes, auf dem jemand sitzt und Akten bearbeitet, wird hinfällig. Die "Abteilung" löst sich auf. Die Informationstechnologien sprengen die Abteilungsgrenzen. Sogar die Unternehmensgrenzen. Die Unternehmen werden fortwährend - wirklich permanent - ihre Organisation, aber auch ihren Daseinszweck, ihr Produkt und ihren Markt neu definieren. Und das wird jeder Mitarbeiter auch tun müssen. Nur so werden diese in der Lage sein, sich den globalen Marktveränderungen mit der gebotenen Geschwindigkeit zu assimilieren.

Die Arbeit, für die Mitarbeiter zukünftig bezahlt werden, wird höherwertig sein. Die primäre Arbeit, traditionelle Produktionsjobs werden sterben. Weil sie schlicht unbezahlbar werden. Dabei geht es weniger darum "Stellen zu besetzen". Man stellt für bestimmte Projekte ein. Leute sind ihrem Projektteam verantwortlich, das wiederum einem größerem Projektteam verantwortlich ist. Wenn das Projekt beendet ist, wandern die Mitarbeiter zu anderen Projekten.

Insgesamt wird die für Japan und Deutschland typische langfristige Bindung zwischen Mitarbeiter und Unternehmen abnehmen. In zehn Jahren wird voraussichtlich nur noch jeder zweite der heute Angestellten eine feste Dauerarbeitsstelle haben. Der Rest wird mehr oder wenig "flockig" angestellt sein. Das Gehalt wird zum Honorar.

Neue Formen der Selbstständigkeit werden die Folge konsequenter Outsourcing-Aktivitäten und der Konzentration auf eine kleine Kern-Mannschaft von Festangestellten sein. Man kauft sich Dienstleistung nach Bedarf und "rein", ohne sich mit den menschlichen "Komplexitätskosten" zu belasten. Nike hat alles entlassen, was nicht zum Entwicklungs- und Marketing-Nukleus gehört. Was am Ende zählt, sind die Wissensarbeiter, ihre Ausbildung und bis zu einem gewissen Grad ihr Preis. Der moralische Vertrag wird deshalb nicht mehr Arbeitsplatzsicherheit gegen Leistung heißen, sondern Leistung gegen Investition in die zukünftige Arbeitsmarktfähigkeit.

Es wird immer weniger Aufgaben geben, die ein Einzelner inhaltlich beherrscht. Daher wird der Trend zur Gruppenarbeit anhalten. Eine systemtheoretische Notwendigkeit: Die Komplexität des problembewältigenden Systems (Unternehmen) muss größer sein als die Komplexität des zu bewältigenden Problems (am Markt). Job übergreifende Fachkompetenz, soziale und kommunikative Kompetenz werden an Bedeutung entsprechend wachsen.

Es wird daher auch weniger Führungskräfte geben. Die Verantwortung wandert zum shop floor. Das Rollenmodell von Führung wird sich wandeln: Es geht nicht mehr um die Motivierung unselbstständiger Schlafmützen, nicht mehr darum, fachlicher oder menschlicher Vorturner zu sein.

Das aktiv interventionistische Rollenmodell hat ausgedient; man ist als Führungskraft nicht "über", sondern "anders". Bei der Gehaltsfindung wird entsprechend der Arbeitsmarktwert den hierarchiebedingten Arbeitsplatzwert überflügeln. Karriere wird immer weniger mit Grading und Statussymbolen zu tun haben.

Nicht mehr der beste Schraubendreher wird zum Chef aller Schraubendreher gemacht, sondern jener, der die Rolle des Mentors, des Moderators, des Facilitators durchaus in einem minimalistischen "Nachtwächter"-Sinne professionell ausüben kann.

Was bedeuten diese Tendenzen für junge Menschen, die sich in der Arbeitswelt der Zukunft zurechtfinden wollen?

Globalisierung und Enttraditionalisierung stellen das Nationale in Frage, öffnen die Märkte, fordern unser Zusammenleben heraus und befreien den Einzelnen aus den kulturellen Vorgaben von Herkunft und Üblichkeit. Diese Freiheit bringt aber auch Widersprüche, Unsicherheit. In Deutschland reagieren wir darauf mit Zögern, Mutlosigkeit - und erstarren in pessimistischem Festhaltenwollen. Wir übersetzen die Herausforderung in Bedrohung. Das gilt leider auch allzu oft für junge Menschen.

Aber Spiele werden im Kopf gewonnen. Durch unsere innere Einstellung. Lebe ich oder werde ich gelebt? Bin ich Beifahrer oder steuere ich mein Lebensauto? Bin ich Opfer der Umstände oder Herr meiner Möglichkeiten? Bin ich mächtig oder ohn-mächtig? Passiv oder aktiv? Meine Kernprognose ist: Die Jobs von morgen werden ein extrem hohes Maß an Selbstverantwortung erfordern. Unternehmergeist, Eigeninitiative und kompetitiver Ehrgeiz werden schlicht "überlebens-notwendig". Die Beschäftigten von morgen sind Unternehmer in eigener Sache.

In der Arbeitswelt der Zukunft stehen in einem ganz normalen Leben viele Optionen zur Entscheidung an, die früher weitgehend von Tradition, Ausbildung und Berufsweg eingeschränkt wurden. Wir stehen vor einer Situation, in der die wechselseitigen Wahl-Möglichkeiten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer explodieren. So geht uns natürlich nicht die Arbeit aus, aber für viele Menschen die traditionelle Sicherheit eines ein Mal gewählten und dann von der Wiege bis zum Grab ausgeübten "Berufs". Wir müssen mit dieser Unsicherheit leben lernen.

Das feste Kooperationsverhältnis Chef-Mitarbeiter wird sich auflösen. Ebenso wird der feste äußere Rahmen der Arbeitsstruktur, die "Firma", als Ort verschwinden. Auch die Karriere als hierarchischer Kaminaufstieg wird an Bedeutung deutlich verlieren. Für die (wenigen) Festangestellten wird Karriere heißen: Nicht mehr Höhe, sondern Fläche gewinnen.

Permanente Selbstaktualisierung

Wer in dieser Lage darauf wartet, vom Chef oder von einem Belohungssystem "motiviert" zu werden, wird lange warten. Die Motivation speist sich auch nicht mehr aus der Karriere-Erwartung, sondern die Menschen werden auf sich selbst zurückgeworfen: Der Spaß an der Arbeit selbst ist energetisierend, muss es sein. Die Leistungsbereitschaft wird in die Verantwortung des Einzelnen gestellt.

Die Notwendigkeit der Eigeninitiative und der Selbst-Motivierung wird in bisher nicht erlebtem Maße wachsen. Schon heute heißt es in den Unternehmen nicht mehr "Wer ist zuständig?", sondern: "Wer kann es am besten?" In Zukunft wird niemand mehr auf seinen Arbeitsplatz pochen können und genauso wird sich niemand mehr auf formale Stellenbeschreibungen zurückziehen können. Ein neues Projekt bekommt nur noch jener, der sich einen guten Ruf aufgebaut hat. Wer diese Wahl nicht gewinnt, wird schlicht "abgewählt".

Je mehr aber der Beruf zum Job wird, desto häufiger wird auch die Notwendigkeit (und auch die Chance!) zum Jobwechsel bestehen. Die Denkfigur, dass jemand eine Ausbildung macht und danach bis ins Rentenalter einen entsprechenden Beruf ausübt, verliert an Bedeutung. Dementsprechend wird der Einzelne auch für die Entwicklung und Erhaltung seiner Leistungsfähigkeit, für sein Wissen und seine Fertigkeiten selbst sorgen müssen. Lernen als selbstgesteuerter Prozess, die Bereitschaft und Fähigkeit zum lebensbegleitenden Lernen, das "Lernen lernen" wird die Aufgabe permanenter Selbstaktualisierung.

Die nahezu unbeschränkte Verfügbarkeit von Informationen erfordert künftig (noch) weniger Anhäufung von Spezialwissen als vielmehr bestimmter Schlüsselqualifikationen: die Fähigkeit, mit jenen Instrumenten und Techniken umzugehen, die es ermöglichen, sich das jeweils benötigte Wissen in kürzester Zeit verfügbar zu machen. Angesichts der Datenflut wird die "Urteilskraft" größte Bedeutung bekommen, die Fähigkeit, Informationen einzuordnen, zu gewichten und zu beurteilen. Unser Kopf bleibt das wichtigste Instrument. Informationsnetze nehmen uns das Denken jedenfalls nicht ab. Damit wird Bildung für die Wettbewerbsfähigkeit auf globalen Ideenmärkten immer bedeutender. Urteilskraft durch Bildung leistet die notwendige Reduktion der Komplexität zur Entscheidungsfindung. Denn Informationen machen Entscheidungen nicht leichter, sondern schwerer.

Die Fähigkeit der Zukunft wird es sein, Informationen zu filtern. Und dazu bedarf es der Bildung. Es wird zukünftig weniger auf die Realisierung rationaler Intelligenz ankommen. Das kann das Internet besser. Es geht darum, Lebenswissen zu lernen. Die weichen Faktoren von heute werden die harten von morgen sein.

Der Einzelne wird also, buchstäblich, zum Entscheidenden. Er entscheidet für sich selbst, wie sein Leben aussehen soll. Ob wir wollen oder nicht: Jeder Einzelne muss selbst wählen, welche Bindung er neu eingeht. Selbstverantwortlich entscheidet er, mit wem er zusammengeht und für was er eintritt. Manchem mag das beschwerlich erscheinen. Aber ist das nicht auch eine wunderbar beflügelnde Idee? Sie ermöglicht den Neuanfang, die Neuerschaffung durch das Individuum, unabhängig und frei von kollektiven Zwängen. In der Arbeitswelt von morgen brauchen Menschen eine aktivere, selbstverantwortlichere Einstellung, bei der Jobsuche wie in allen Fragen der Lebensführung und des Selbstbildes. Wenn in Deutschland jeder Dritte länger als ein Jahr arbeitslos ist, in Amerika aber nur jeder Zehnte, dann zeigt das überdeutlich: In der Arbeitswelt von morgen wird ein erheblich höheres Maß an Eigeninitiative nötig sein. Ohne Entschiedenheit, ohne das, was man früher "Biss" oder neudeutsch "Drive" genannt hat, wird das nicht gehen. Gewinnen wird nur, wer gelernt hat, sein Leben in die Hand zu nehmen, wer gelernt hat, das Leben für sich zu entscheiden. Das Schöne an der Zukunft ist, dass wir sie gestalten können.

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