Zeitung Heute : Arbeitsteilung unter Brüdern

Wenn es darauf ankommt, müsse eben der mit dem „schlechten Charakter“ ran, sagt Polens Regierungschef Jaroslaw Kaczynski. Der Mittwoch war wieder so ein Tag

Knut Krohn[Warschau]

Jaroslaw Kaczynski gibt ein Radiointerview, er sagt, er verfüge über eine überlegene Urteilskraft, „es gibt Leute, die die Welt etwas genauer wahrnehmen“, sagt er. Zu diesen Leuten zählt er sich. „Gott hat ihnen diese Gabe verliehen. Und es gibt solche, die damit größere Schwierigkeiten haben. Die Letzteren sind meistens die Mehrheit. So hat Gott die Welt eben erschaffen.“

Jaroslaw Kaczynski, 58, ist Polens Regierungschef, und er demonstrierte seine Fähigkeiten auch während jenes kürzlich gegebenen Interviews. Er analysierte das deutsch-polnische Verhältnis. In Deutschland würde sich ein neues Bewusstsein entwickeln, sagte er, das „für uns wirklich sehr gefährlich ist“ und vor dem er schon immer gewarnt habe. Für Kaczynski sind die Deutschen offenbar im Grunde ihres Herzens bis heute Nazis geblieben. Und er versucht, Beweise dafür zu liefern: Deutschland will schließlich gerade Kunstschätze von Polen zurückhaben.

Damit hatte der Premier die politische Landkarte zumindest in der Außenpolitik wieder einmal deutlich abgesteckt. Offensichtlich versagt hat die ihm verliehene Gabe der Hellsicht allerdings, als Jaroslaw Kaczynski vor einem Jahr seine Regierungskoalition zusammenstellte. Die Regierung taumelt seither von Skandal zu Skandal und versinkt in diesen Tagen vollends im Chaos. Am gestrigen Mittwoch schließlich wurde der Innenminister entlassen, und Kaczynski sprach sich für Neuwahlen aus. „Ich persönlich bin dafür“, sagte er.

Es ist das vorläufige Ende einer Regierungskrise, die vor einem Monat ihren Anfang nahm – ebenfalls mit der Entlassung eines Ministers: Andrzej Lepper, Chef der kleinen Bauernpartei Samoobrona (Selbstverteidigung), Politik-Rabauke und bis dahin Chef des Landwirtschaftsressorts.

Ihm wurde vorgeworfen, gegen Bezahlung an der Umwandlung von Ackerland in wertvolles Bauland beteiligt gewesen zu sein. Beweise dafür gibt es allerdings nicht. Inzwischen sind Berichte aufgetaucht, dass der Korruptionsverdacht, den Kaczynski zum Anlass für Leppers Entlassung genommen hat, nur das Ergebnis einer sorgfältig ausgedachten Inszenierung war. Das von der Kaczynski-Regierung gegründete Zentrale Antikorruptionsbüro, das die wichtigste Waffe bei der versprochenen „moralischen Reinigung“ des Staates sein sollte, soll durch verdeckte Agenten versucht haben, Lepper in eine Bestechungsfalle zu locken. Die gestrige Entlassung des Innenministers Janusz Kaczmarek wiederum wird damit begründet, dass er vertrauliche Informationen weitergegeben und damit eben jene – womöglich inszenierten – Ermittlungen gegen den Landwirtschaftsminister Lepper behindert haben könne.

Lepper selbst hatte von Anfang an von einer „politischen Provokation“ gesprochen und forderte die Auflösung der Antikorruptionsbehörde. „Sie handeln wie Feuerwehrmänner, die etwas anzünden, um es hinterher zu löschen“, sagte er. Der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit und deren Premier Kaczynski warf er vor: „Sie betrachten Polen als ihren privaten Gutshof.“ Am Sonntag schließlich hat Lepper seine Partei aus der Koalition zurückgezogen und kündigt einen Gegenschlag an. Er will Tonbandaufnahmen veröffentlichen, die beweisen sollen, dass Jaroslaw Kaczynski gezielt an der Vernichtung politischer Gegner arbeite. Im Eifer des Gefechts bezeichnete er den Premier als „Diktator“ und „politisches Ungeheuer ohne Menschlichkeit“.

In diesem wilden Kampf zeigt allerdings auch Jaroslaw Kaczynski, was tatsächlich in ihm steckt. Kalten Blutes arbeitet er seit Wochen an der Demütigung und Demontage des Samoobrona-Führers. Denn neuer Landwirtschaftsminister wurde ein Erzfeind Leppers: der Schweinezüchter und Gewichtheber Wojciech Mojzesowicz, einst Schulfreund, Weggefährte, dann verachteter und viel geschmähter Deserteur aus den Reihen von Leppers Bauernpartei. Das Ziel Kaczynskis ist offensichtlich: Er will seinem ehemaligen Koalitionspartner die politische Basis entziehen, indem er die verunsicherten Abgeordneten der Samoobrona zum Überlaufen bewegen will – und das tut er mit einem Geschick, das selbst Machiavelli in Beifallsstürme ausbrechen ließe.

Wenn es hart auf hart komme, hat der Regierungschef einmal gesagt, müsse man denjenigen nach vorne schicken, der einen „schlechten Charakter“ habe. Niemand wusste in diesem Augenblick, ob dies ein Witz war oder eine Drohung. Auf jeden Fall aber war es eine ziemlich präzise Umschreibung der Arbeitsteilung zwischen ihm und seinem Zwillingsbruder Lech. Denn Lech, Polens Präsident, gilt als der Umgänglichere von beiden, der gesellige Familienvater, der für deutsche Literatur schwärmt und mit den Staatsoberhäuptern der Welt lieber am Strand vor seinem Ferienhaus auf der Halbinsel Hel spazieren geht, als mit ihnen über die krude Alltagspolitik zu verhandeln.

Dabei schien es einmal, dass das Leben der beiden Kaczynskis einen völlig anderen Verlauf nehmen sollte. In Polen berühmt wurden die Zwillinge nicht als Politiker, sondern als Filmstars. In den 60er Jahren spielten sie in der Verwechslungskomödie „Von den beiden, die den Mond gestohlen haben“ zwei kleine Lausbuben, die ihren Mitmenschen mit allerlei Streichen das Leben schwer machten. Heute wünschen sich viele Polen, die beiden wären bei der Schauspielerei geblieben.

Doch sie studierten Jura und legten hervorragende Examen ab, näherten sich danach der Oppositionsbewegung und gehörten zur Gewerkschaft Solidarnosc, als diese im Jahr 1989 die Regierung übernahm. Jaroslaw und Lech Kaczynski waren damals die Strippenzieher, die in zähen Geheimverhandlungen mit den kleinen Parteien die Regierungsmehrheit gegenüber dem starken Block der Kommunisten sicherten.

Dann aber überwarfen sie sich mit dem Gewerkschaftschef Lech Walesa, der nach ihrer Ansicht mit einer zu großen Kompromissbereitschaft gegenüber den früheren Kommunisten auftrat. Walesa seinerseits – gerade zu Polens Präsident gewählt – setzte die beiden Staatssekretäre vor die Tür und soll entnervt geraunt haben, mit „Leszek“ könne man ja noch reden, nur mit „Jarek“, mit dem nicht.

Dieses Zerwürfnis war der Anfang einer wunderlichen Feindschaft, die zuletzt in bizarren Vorwürfen gipfelte. Zur Belustigung der meisten Polen warf Jaroslaw seinem ehemaligen Mentor Walesa jüngst vor, dieser stehe möglicherweise hinter einem Mordanschlag auf ihn. Im Jahr 1992 habe der Geheimdienst das Ventil eines Reifens seines Wagens beschädigt, so dass es zu einem Unfall gekommen sei. Beweise für diese abenteuerliche Geschichte blieb der Regierungschef schuldig.

Einmal aber in der letzten Zeit legte Jaroslaw Kaczynskis seinen Panzer ab. Der Grund dafür ist eine Frau. Jolanta Szczypinska verwandle den steifen Premier „in einen warmen Romeo“ jubilierte im vergangenen Jahr die Boulevardpresse, erleichtert darüber, endlich über eine bisher unentdeckte Seite Jaroslaw Kaczynskis berichten zu können. Vor den Objektiven der Fotografen hatte die Parlamentsabgeordnete den Premier mit einer ebenso zärtlichen wie langen Umarmung begrüßt. Die einzige Frau in dessen Leben schien bis dahin seine 80-jährige Mutter zu sein, mit der er noch immer zusammen wohnt. Sie verwaltet auch seine Geldgeschäfte, denn der Junggeselle verfügt über kein eigenes Bankkonto.

Auch die geschiedene Parteifreundin Szczypinska lebe bei ihrer Mutter, schrieben die Zeitungen. Schließlich gab die Blondine Interviews, in denen sie freimütig von „Jareks“ Sinn für Humor und seine Einfühlsamkeit schwärmte.

Die Zuneigung scheint in gewisser Weise auf Gegenseitigkeit zu beruhen, denn Jaroslaw Kaczynski bekannte in einer Biografie: „Jolanta hat mich nie enttäuscht.“ Aber auch in amourösen Angelegenheiten scheint sich der Regierungschef nicht auf irgendwelche Gefühle, sondern auf den ihm von Gott gegebenen, überlegenen Intellekt zu verlassen. Im Gegensatz zu Jolanta Szczypinska hat Kaczynski Gerüchte von einer möglichen Liebesheirat stets weit von sich gewiesen. „Dazu bin ich zu alt“, sagt er.

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