Zeitung Heute : "Archäovision": Per Paternoster durch die Zeit

Kurt Sagatz

Am Anfang stand ein Kindheitstraum. "Der Kampf um Troja" hatte es Steffen Kirchner angetan. Diese Entführung in die griechische Sagenwelt war das erste umfangreichere Buch, das der inzwischen 37-Jährige in seiner Jugend verschlang und das ihn später vom Physikstudium zur Archäologie wechseln ließ. Sein Hauptfach wurde die Archäologie im Sudan, wo er an Ausgrabungen bei den "Schwarzen Pharaonen" teilnahm. Bei der Berufswahl gab jedoch sein zweites Ausbildungs-Standbein den Ausschlag. Das Informatik-Zweitstudium führte ihn zur Berliner Multimedia-Firma art+com, einer der ersten Adressen zur Echtzeit-Visualisierung mittels moderner Computertechnik.

Wenn Steffen Kirchner heute sein Troja besucht, beginnt die Reise in einer Höhe von 36 000 Kilometern mit einem Blick auf die blaue Erdkugel, der sonst nur den Satelliten da oben vorbehalten ist. Einige Tausend Kilometer tiefer werden die erste Umrisse der einzelnen Kontinente sichtbar.

Zielsicher steuert Kirchner auf die Meerenge zwischen Europa und Asien am Bosporus zu, bis er schließlich zu der historischen Stätte gelangt, die einst den Namen Troia trug.

Seine virtuelle Reise dauert nur ganz wenige Minuten und wirkt doch so real wie die vielen, vielen Fernseh- und Kinobilder von den großen Weltraumabenteuern der Menschheit. Man denke zum Beispiel nur an Stanley Kubricks Meisterwerk "2001 - Odyssee im Weltraum".

Fast könnte man vor der über zwei Meter hohen und sicherlich sechs Meter breiten Leinwand vergessen, dass alles nur Simulation ist. Dass die Bilder in Wirklichkeit nur aus dem Computer stammen, allerdings einem sehr leistungsfähigen.

Denn was der Betrachter nur wenige Meter vom Berliner Breitscheidplatz entfernt im art+com-Showroom sieht, existiert nur im Rechner, als visualisierte Datenmasse von unzähligen geografischen Koordinaten. Erst aus diesem Zusammenspiel von Computertechnik und wissenschaftlichen Daten werden in Echtzeit die fotorealistisch anmutenden Bewegtbilder.

Das im Hintergrund bleibende System trägt den schlichten Namen Archäovision. Außer dem imposanten Sturzflug auf die Türkei der Antike ist von Troja derzeit allerdings noch wenig zu sehen. Das burgähnliche Gebilde auf den historischen Anhöhen offenbart nur eine Ahnung der weitreichenden Möglichkeiten.

"Dies ist nur der erste Prototyp", erklärt Kirchner und verweist auf mehrere Screenshots auf seinem Laptop. Die Fotografien von Computerbildschirmen zeigen, was die Archäovision leisten soll, leisten kann. Auf den Bildern zu sehen ist eine recht schattenhaft angedeutete Familie, die vor einer ähnlichen Leinwand steht wie am Berliner Breitscheidplatz. Es könnte ein Museum sein. Vater und Kind stehen links und schauen auf die Riesen-Leinwand. Die Mutter bedient ein großes Pult, das hauptsächlich aus einem großen Flachbildschirm besteht.

Mehrere Fenster mit Gesamtplan, Detailansicht, verschiedenen Funden und einer Skala von Römisch I bis IX teilen sich den Platz auf dem Screen. Die Zahlen auf der Skala stehen für die verschiedenen Perioden Trojas. Um zwischen ihnen zu navigieren, wird das Pult auf einem Stativ nach oben oder unten gefahren. So einfach lassen sich 3000 Jahre Geschichte an einem der berühmtesten archäologischen Grabungsorte erkunden.

Derzeit befindet sich das Meiste noch in den Köpfen der art+com-Leute. Denn das Projekt steht noch ganz am Anfang. Es ist Teil des "Ideenwettbewerbs Virtuelle und Erweiterte Realität", den das Bundesministerium für Bildung und Forschung im vergangenen Jahr ausgeschrieben hat. Von 173 eingereichten Ideen wurden 25 Vorschläge ausgewählt, darunter TrojaVR.

Zu den Partnern von art+com gehören das Troja-Projekt von Professor Manfred Korfmann von der Universität Tübingen sowie die Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts. Zudem ist die auf Fernerkundung spezialisiert ixl AG dabei, die für die Satellitenbilder und die Röntgenaufnahmen des Gebiets zuständig ist.

Insgesamt stehen diesem neuen Verbund aus Wissenschaft und Technologie 6,6 Millionen Mark für einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren zur Verfügung. Ziel der Bulmahn-Auschreibung ist, durch innovative Techniken neue hoch qualifizierte und zukunftsorientierte Arbeitsplätze zu schaffen. Allein in den Vereinigten Staaten werden derzeit rund 50 Museen teilweise oder komplett neu eingerichtet, wobei den Neuen Medien eine sehr wichtige Rolle zukommt - auch wenn davon in Deutschland dem Vernehmen nach noch nicht allzu viel zu merken ist. Die Wiederbelebung antiker Ansichten geht über den reinen Informations- und Unterhaltungswert hinaus, den eine solche Multimedia-Show in einem Museum oder an anderen historischen Stätten hätte.

Auch die Wissenschaft selbst könnte von den Neuen Medien profitieren. Nicht zuletzt bei den vielen Ausgrabungen, die Professor Korfmann jedes Jahr im Sommer in Troja durchführt. An die Stelle der übergroßen Leinwand tritt dann die spektakuläre Cyberbrille, um vor Ort per Zeitreise die vorhandenen Informationen zu den unterschiedlichen Epochen anschaulich und wissenschaftlich darzustellen.

Gutes Wetter

So könnten neben den Archäologen auch die an Grabungen beteiligten Biologen und Geologen über die Forschungsergebnisse der anderen Fachrichtungen anschaulich und schnell informiert werden. Wissensmanagement heißt das in der Kurzform. Die dazu nötige Technik ist inzwischen sehr klein geworden, wie der "Urban Jungle Pack" von art+com zeigt. Eine Tastatur am Handgelenk, die Cyberbrille und ein Notebook auf dem Rücken reichen aus. Ein GPS-Empfänger könnte sogar die metergenaue Ortsbestimmung an den Computer übermitteln, um jeweils nur die Informationen anzuzeigen, die für den speziellen Ort benötigt werden. Vor einigen Jahren wäre die Grenze des Möglichen mit der Visualisierung solch komplexer geschichtlicher Epochen wie in Troja längst erreicht gewesen. Allein die Errechnung der Computerbilder aus den geografischen Daten in Echtzeit erfordert erhebliche Rechenleistung. Heutige Computer sind jedoch zu mehr in der Lage, als nur dreidimensionale unbewegte Räume zu schaffen. Realistisch werden die wiedererweckten Ansichten erst dadurch, dass den Bildern Leben eingehaucht wird, dass Menschen die Orte bevölkern oder Wetteränderungen interessante Lichtspiele erzeugen. Selbst die bildhafte Schilderung der Kämpfe um Troja rückt aus technischer Sicht in Reichweite.

Dichtung und Wahrheit

Wissenschaftlich ist zwar inzwischen längst schon festgestellt worden, dass die Kämpfe der Homerschen Ilias doch mehr Dichtung als Wahrheit enthalten und dass die sagenumwobene Stadt nicht im Trojanischen Krieg, sondern durch vielfältige andere Einflüsse fiel.

Dieser Umstand würde jedoch nichts daran ändern, dass Steffen Kirchner mit seiner softwaregestützten Zeitmaschine und der modernen Computertechnik seinem alten Kindheitstraum ein gutes Stück näher käme. Und auch dem Traum, dass die Neuen Medien in der deutschen Archäologie doch noch die Bedeutung erhalten, die sie im Nachbarland Frankreich schon längst haben - dank der Echtzeit-Visualisierung.

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