Zeitung Heute : „Architektur als Abenteuer verstehen“

Jürgen Mayer H. über gutes Design und neue Inspirationen

Der renommierte Berliner Architekt Jürgen Mayer H. hat für das stilwerk ein ganz besonderes Objekt entworfen: das Designboard. Aufgestellt in der Mall, soll es ein Ort der Inspiration und Information sein. Obwohl das Projekt eigentlich noch ein wohlgehütetes Geheimnis ist, verrät Jürgen Mayer H. im Interview schon mal einige Details.

Was bedeutet Design für Sie persönlich?

Wenn Design eine umfassende

gestalterische Durchdringung aller Bereiche von Außen nach Innen meint, würde es bedeuten, Architektur in ihrer Relevanz für den Stadtraum sowie auch für die

Arbeitswelten zu erleben. Design wäre dann aber nicht nur Massenprodukt wie im Industriedesign, sondern eine spezifisch für den Ort entwickelte Strategie.

Was macht für Sie ein gutes „Design-Center“ aus?

Ein gutes Design-Center bietet eine große Bandbreite und Mischung aus top-aktuellem und klassischem Design an. Eine klare Orientierung für den Besucher ist hier natürlich wichtig. Schön ist es, wenn das Haus so interessant und abwechslungsreich aufgebaut ist, dass man hier viel Zeit verbringen und zwischendurch auch Orte der Entspannung und Inspiration aufsuchen kann. Zusätzliche kulturelle Veranstaltungen und Vorträge machen es immer wieder zum Anziehungspunkt.

Wie ist die Idee zur Form des Designboards entstanden?

Betrachtet man den Ort, das großräumige Foyer des stilwerk, merkt man schnell, dass nur eine große, auffällige Struktur hier ihren Platz behaupten kann. Da es sich bei dem Designboard um eine flexible Struktur handeln sollte, kamen wir schnell zu der Idee, große Module mit unterschiedlichen Formen und Größen zu entwerfen. Diese großen Raumplastiken sind flexibel aufstellbar und als Podeste für

Mobiliar oder als Stellwände für Kunst nutzbar. Die Wandelbarkeit des Raumes eröffnet spannungsvolle Möglichkeiten, die Konventionen eines üblichen Ausstellungsraums als statischen Rahmen zu überdenken und neue Formen in dieser flexiblen Weise zu erproben. Die dunkle Farbgebung der Module setzt diese außerdem optimal von der Umgebung ab und hebt gleichzeitig die ausgestellten Möbel und Einrichtungsgegenstände besonders hervor.

Welche Rolle spielt das Material bei der Ideenfindung?

Die präzise Umsetzung unserer Entwurfsidee bis ins Detail ist ein wichtiger Aspekt für die Qualität unserer Bauten. Die Materialisierung in der Werkplanung folgt hier eng der objekthaften Körperlichkeit im Entwurf. Damit steht nicht immer die Funktion als Ausdruck des Baus im Mittelpunkt sondern eine gestalterische konzeptuelle Grundidee.

Leidet darunter nicht oft auch

die Funktionalität des Designs?

Im Gegenteil, der Mehrwert zeigt sich dann im Erfolg des Objekts zum Beispiel in der Annahme als besonderer geschaffener Ort für die Bürger, als Erkennungsmerkmal für Bauherrn und Betreiber und damit auch als ökonomisch interessanter Faktor für eine solche Investition. Die Intelligenz eines Entwurfes liegt genau in dieser Kombination.

Ist der Spagat zwischen Kunst und Baukunst schwer?

Die Grenzen verlaufen fließend. Bei der „Baukunst“ beginnen wir meist mit der Atmosphäre des Raums, der Organisation von Funktionen und dem Bild der Architektur. Erst viel später werden die Materialien für die Konstruktion und Oberflächen festgelegt. Für die Objekte steht oft ein konkretes Material als Ausgangspunkt der Entwicklung neuer Potentiale im Mittelpunkt des Designs. Während bei der Architektur die meiste Planung im Büro stattfindet, ist bei Designprojekten der parallele Arbeits- und Forschungsansatz in enger Zusammenarbeit mit den Entwicklungsabteilungen der Firmen entscheidend. Die Bandbreite unserer Arbeiten reicht vom kleinen Objekt über Kunstinstallationen bis zu Gebäuden und Städtebauprojekten. Gerade die zeitgleiche Bearbeitung zeigt parallele Ansätze, die jedoch individuell und projektbezogen weiterentwickelt werden und von der Erfahrung gegenseitig profitieren.

Was inspiriert Sie bei der Arbeit?

Bei unseren Projekten fließen unterschiedliche Einflüsse mit ein. Gerne knüpfen wir u.a. an die Zukunftsutopien der späten 60er und frühen 70er Jahre an, die damals durch die erste Ölkrise abrupt abbrachen. Uns interessiert dabei die fließende Wahrnehmung des Raumes sowie die damit verbundene Aufhebung der klaren Grenzen von Wand, Decke und Boden. Zudem arbeiten wir an den Schnittstellen von Architektur, Kommunikationsdesign und Neuen Technologien. Dabei spielt der Einsatz interaktiver Medien und responsiver Materialien eine zentrale Rolle bei der Produktion von Raum. Objekte und Innenräume, die mit temperaturempfindlichen Farben behandelt werden, nehmen so Spuren der Menschen, die sie berühren, für eine gewisse Zeit auf.

Was war der verrückteste Wunsch, den Sie je für einen Kunden umgesetzt haben?

Ich musste versprechen, dass es geheim bleibt.

Was würden Sie gern einmal bauen?

Mich würde es sehr interessieren, ein Hochhaus zu bauen. Die unterschiedlichen Maßstäbe zu thematisieren, macht für mich den Reiz dieser Arbeit aus. Gerade in einem Hochhaus hat man mit allen nur erdenklichen Größen und Maßstäben zu tun. Die weite Beziehung zur Skyline und Landschaft oben und der direkte Kontext mit der Nachbarschaft am Boden. Aber vielleicht noch viel wichtiger ist, dass wir weiterhin so aufgeschlossene Bauherren finden wie bisher, die wie wir Architektur als Abenteuer verstehen.

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