Zeitung Heute : Architektur als Filmstreifen

CLAUS KÄPPLINGER

Neues Bauen in Berlin: Ein Betriebsgebäude von The Office in Dahlwitz-HoppegartenCLAUS KÄPPLINGERManchen gelten sie als die Krebsgeschwüre - die Gewerbegebiete und Einkaufszentren an den Rändern der Städte, die dennoch nicht mehr von dort wegzudenken sind.Niemandsländer der Besinnungslosigkeit, weder der Stadt noch der Landschaft zugehörig, gefüllt mit so ungestalten Blechkisten, daß man glauben könnte, ihre Scheußlichkeit sei sogar ausdrücklich erwünscht.Angesichts des überaus großen Erfolgs der Gewerbeparks und Shopping Malls mögen letztlich auch deren Betreiber kaum Grund für Änderungen sehen, denn bekanntlich heiligt ja der Zweck nahezu jedes Mittel. Der Gewerbepark Dahlwitz-Hoppegarten, knapp hinter der östlichen Stadtgrenze Berlins, macht davon kaum eine Ausnahme.Über zwei Quadratkilometer reihen sich dort die direkt aus der Stangenpresse bezogenen Aluminiumhüllen auf.Billige Meterware, die allein in Höhe mal Breite variiert und beim Besucher ein Gefühl von Verlorenheit zurückläßt.Doch eine Kiste fällt aus der Reihe.Das Betriebsgebäude der österreichischen Baufirma "Ilbau" wirbt für sich mit einer hell glänzenden Box, auf dessen Haut aus gewelltem Stahlblech sich die Fenster in ungewohnt freiem Rhythmus ausbreiten.Mit großen, leuchtend roten Lettern macht zudem das Unternehmen unverhohlen auf sich aufmerksam.Und obwohl dieses Gebäude dabei nichts an der bizarren Unwirklichkeit des Ortes ändert, besticht es mit überraschenden visuellen Qualitäten. "Die Oberfläche ist die Architektur", meint dazu The Office, ein junges Wiener Architekturbüro, das nach der Darmstädter Niederlassung von "Ilbau" nun auch deren Betriebsgebäude für Ostdeutschland baute.Die Wiener, die vornehmlich an Stadträndern mit ungewöhnlichen Inszenierungen von Zweckbauten Furore machten, stellen ihre Architektur ganz in den Dienst medialer Werbeästhetik.Da die nüchterne, ganz allein auf die Funktion reduzierte Bestimmung dieser Bauten den Architekten im Innern nurmehr sehr begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten läßt, kaprizieren sie sich programmatisch auf die Oberflächen. Schrift, Spiegelung und Transparenz, in Szene gesetzte Repetitionen und Rhythmen sind die Mittel, derer sie sich bedienen, um ihren kantigen Gebrauchsvolumina jede banale Eindeutigkeit zu nehmen.Architektur wird zum Zeichenträger einer unverwechselbaren Corporate Identity, die auf ihre Umgebung kaum Rücksichten nimmt, da deren gesichtslose Bebauung ohnehin keiner erkennbaren Ordnung folgt.Die langgestreckte "Ilbau"-Box erzeugt so gleich einem Filmstreifen wechselnde Bilder, die allein der hohen Mobilität des Gewerbegebietes verpflichtet sind und explizit nach einer Wahrnehmung in Bewegung verlangen. Entlang der Südseite fordern die teils stehenden, teils liegenden Fenster, die teilungs- und nahezu rahmenlos aus dem Wellblech gestanzt sind, mit ihren rätselhaften Öffnungen geradezu zum Einblick in das Gebäude auf.An der Stirn hingegen lädt ostentativ der transparente Einschnitt des Riegels mit seinem eleganten Glasband der Eingangsebene zum Betreten des Foyers ein.Der Schriftzug auf den Falttoren der Werkstatt wiederum löst sich während der Betriebszeiten auf, wenn dort Fahrzeuge dann wahlweise ein- oder ausfahren.Doch nicht genug damit, ein seltsames, frei vor der Box stehendes Raumobjekt scheint sich zudem noch vom Boden lösen zu wollen.Ein nach oben anschwellender Kegel und ein davonfliegendes schwarzes Dach-Parallelogramm überragen dazu einen gekippten, eingesunkenen Betonwürfel, der auf seinem kleinteilig bedruckten Kunststoffgewebe erneut das Firmenlogo trägt.Funktional handelt es sich indes bei dem gewagten Raumgebilde nur um eine kleine Betriebstankstelle mit integriertem Müllcontainer. Geradezu dramatisch unterstreicht die verkantete Skulptur, die irgendwo zwischen alter Tankstelle und dem Dekonstruktivismus angesiedelt ist, den Anspruch von "Ilbau" auf gesteigerte Beachtung, auf das Bild von Bewegung und technologischer Kompetenz.Das rohe Innenleben der Anlage unterscheidet sich hingegen nur wenig von anderen Gewerbebauten.So ist es, wenngleich auch verdienstvoll, allein die Qualität der architektonischen Kosmetik, die das Betriebsgebäude aus dem tristen Gewerbepark-Einerlei heraushebt.Die Inszenierung ist spektakulär genug, um einmal Dahlwitz-Hoppegarten zu besuchen.

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