Architektur : Unter deutschen Flachdächern

30.09.2007 00:00 Uhr
Bungalow Templin Foto: AKG
Urlaub 1974: Ferienlager der Leuna-Werke in Templin. - Foto: AKG

Er hat keinen Giebel, braucht keine Treppe: Der Bungalow ist die Moderne in Hausform. Oder ist er doch nur eine bessere Baracke mit Pappdach? Eine Geschmacksfrage - und eine Frage der Herkunft. Vorhang auf für ein deutsch-deutsches Missverständnis.

West



Bungalows, wie das schon klang! Wie ein Zauberwort aus dem Märchenland, das bezeichnenderweise niemand falsch ausgesprochen hat: Kein Mensch sagte Bungaloff. Denn diese Villen schienen direkt aus dem sonnigen Kalifornien in die noch vom Krieg gezeichneten westdeutschen Städte geflogen zu sein. Sie waren so offen, wie die alten Einfamilienhäuser düster waren, so raumgreifend, wie deutsche Gassen und Sozialbauwohnungen eng.

In unserer Kindheit in den 60ern waren sie der letzte Schrei, geschmackvolles Zeichen dafür, dass man es zu etwas gebracht, sich von der Vergangenheit befreit hatte.

Der Bungalow war Ausdruck der modernen Gesinnung, die demonstrativ auf die bei den Nazis obligatorischen spitzen Giebel verzichtete. Mit den Flachbauten kehrte die vertriebene Moderne zurück. Auch wenn Mies van der Rohe nicht persönlich von Chicago nach Bonn zog – sein deutscher Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona 1929 stand deutlich Modell für die neue deutsche Eigenheimwelt. Das zweite Vorbild hieß Hollywood. Denn bevor man die ersten Bungalows mit eigenen Augen sah, hatte man sie schon auf der Leinwand kennen gelernt: Rock Hudson und Doris Day wohnten in diesen lichten Bauten, standen lässig mit ihren Cocktailgläsern am Pool. Den konnten sich zwar nur wenige Häuslebauer leisten; aber als Ersatz stellte man sich einfach eine Hollywoodschaukel auf die Terrasse. Wenn die Hausherrin in ihrem Cocktailkleid darin wippte, kam sie sich mindestens wie Liz Taylor vor. Dass es in Hollywood gar keine Hollywoodschaukeln gab (dort hießen sie einfach porch swing), wussten wir nicht. Aber wenn schon: Auch Bungalows sind ja gebaute Sehnsucht, versprechen ein müheloses Leben voller Leichtigkeit. Nicht mal Treppen steigen musste man im Bungalow.

Zum Beweis der neuen Weltoffenheit Deutschlands ließ sich der Kanzler persönlich einen Bungalow bauen. Ludwig Erhard hieß der Kanzler, Sepp Ruf der Architekt. Das Haus am Rhein wurde 1964 eingeweiht – und es hatte tatsächlich einen Pool. Innen allerdings war es offenbar weniger opulent. Norbert Blüm, oft bei Kanzler Kohl zu Gast, hätte dort nicht residieren wollen. „Der Wohnbereich hatte den Charme einer Hundehütte, und der offizielle Teil war eigentlich steif.“ Helmut Schmidt fand ihn klein wie ein Schlafwagenabteil. Aber vielleicht war das auch Ausdruck der neuen deutschen Bescheidenheit, hoch hinaus wollte nun niemand mehr. Allenfalls in die Tiefe konnte man gehen: Ein Keller ist im Bungalow erlaubt. Den sieht ja keiner.

Der Kanzler hat Bonn verlassen, der Bungalow blieb. Jahrelang stand er leer, wurde kurz als WDR-Studio benutzt, für das Magazin „Kanzlerbungalow“. Jetzt saniert die Wüstenrot-Stiftung den denkmalgeschützten Bau, ab dem nächsten Jahr kann das deutsche Volk das Zuhause von Erhard und Kiesinger, Schmidt und Kohl (Brandt verweigerte sich und zog erst gar nicht ein) besichtigen, unter der Regie des Hauses der Geschichte.

Auch der Bungalow als Haustyp ist weitgehend Geschichte. Wohl weil er zu viel Platz wegnahm. Deutschland war nun mal klein und voll, die USA dagegen groß und leer. Und so kam er denn auch irgendwann wieder aus der Mode, man stieg um auf zwei- bis dreigeschossige Bauten. Jetzt taugt er nur noch, wie in Ulrich Köhlers Film „Bungalow“, als Ort des spießigen Schreckens.

Aber was soll’s, inzwischen sind wir erwachsen und wissen, dass der Bungalow gar nicht aus dem reichen Amerika kam, sondern aus dem armen Indien. Dort bedeutet das Wort Landhaus oder flaches Haus. Und in den USA wurde es in der ost- wie in der westdeutschen Bedeutung gebraucht: für sehr schlichte Häuschen in Ferienkolonien – und für die flachen Eigenheime in Suburbia, vor allem in Kalifornien, das auch als „bungalow land“ bezeichnet wird.

Vielleicht wird Berlin jetzt Bungalow-City. Der Sammler Christian Boros hat den Bunker an der Reinhardtstraße für seine Kunstsammlung umbauen lassen. Zum Wohnen hat er sich oben drauf einen luxuriösen Bungalow gesetzt.

Von Susanne Kippenberger

Ost

Guter Geschmack, ahnten wir irgendwann, muss eine Frage des Alters sein. Unsere Eltern fanden lauter merkwürdige Dinge schön, etwa plattgedrückte Häuser mit plattgedrückten Fenstern. Ein Stockwerk. Keine Treppe. Verdient ein Haus mit nur einer Etage ohne Treppe, wahrscheinlich sogar ohne Keller, den Namen Haus? Natürlich nicht, darum heißt es ja Bungalow. Eine Vorform des Hauses also. Das Synonym für provisorisches Wohnen. Und gegen so etwas hätte manch einer unserer unmittelbaren Vorfahren ohne Zögern sein altes Haus eingetauscht.

Unterkünfte mit B sind verdächtig. Bude. Baude. Baracke. Lauter erdnaher Leichtbau. Klingt schon latent einsturzgefährdet. Wo hört eigentlich die Baracke auf, und wo fängt der Bungalow an? Wahrscheinlich ist der Bungalow nur eine nicht weitergebaute Baracke. Bungalows sind kurz, Baracken sind lang. Aber darüber konnte man mit der Kriegsgeneration nicht reden. Wahrscheinlich hielten wir uns gegenseitig für Barbaren. Wir sie, weil sie die schönen Möbel ihrer Eltern weggeschmissen hatten, mit der Begründung: M a n wohnt nicht mehr so. M a n wohnt jetzt modern. Ja, wer ist denn m a n?

Etwas später würden sie ihre Wohnungen mit hässlichen Anbauwänden verrammeln. Denn: M a n hat jetzt Anbauwände. Und die Treppe in ihren Häusern schien ihnen wie ein ewiger Vorwurf mangelnder Modernität. Braucht Tante Ida in Göttingen etwa eine Treppe? Braucht der Bundeskanzler eine Treppe? Am liebsten hätten sie die Treppe wohl herausgebrochen, aber dann wäre ihr Haus trotzdem noch kein richtiger Bungalow gewesen und sie kämen nicht mehr nach oben, also blieb die Treppe drin.

Nein, ich habe diese Möchtegern-Flachwohner, die von den einbrechergerechten, traumlosen Häusern mit ihren Panorama-Flachfenstern träumten, nie verstanden. Und am liebsten hätten sie eine Hollywoodschaukel davor. Modern? Die Wirklichkeit war Spießertum. Seltsam, die alten Häuser sahen fast nie spießig aus. Noch heute bekomme ich einen Schreck, wenn ich im Immobilienteil lese: Haus im Bungalowstil.

Natürlich ist das ungerecht. Vielleicht lag es auch an der DDR. Denn Häuser im Bungalowstil gab es dort eigentlich nicht. Wer sich in der DDR ein Haus baute – Eigenheim genannt –, baute meist diesen spitzgiebeligen Einheitstypus mit zwei viel zu eng stehenden schielenden Fenstern oben und Panoramafenster unten und mit Ziersteinen drumrum. Die wenigsten Dinge auf Erden sind unendlich. Der schlechte Geschmack ist es. Gut, dass er wenigstens teuer ist. Es müssen dieselben etwas besserverdienenden Menschen mit Beziehungen zu VEB Baukombinaten gewesen sein, die es in solchen Häusern aushielten und sich zur Ergänzung ihres Wohngefühls einen Bungalow fürs Wochenende bauten. Eine Datsche eben. Einen Wohncontainer mit Pappwänden und Dachpappe oben drauf, im schlimmsten Fall.

Ich gebe zu, ich kannte niemanden, der einen Bungalow besaß. Aber die meisten Dinge sind ohnehin Definitionsfragen. Pappwand und Pappdach? Haben wir doch auch, dachte mancher und nannte seine Laube im Kleingarten Bungalow. Vor allem, wenn er noch eine Hollywoodschaukel dazu besaß. Es war halt alles ein bisschen kleiner in der DDR.

Wenn man nur eine Etage hat, dachte ich, kann man doch schön hohe Decken machen. Aber die Bungalowbewohner hängten sich ihre Decken unmittelbar über die Köpfe. Und wurden sofort unruhig in den hohen Räumen eines Altbaus. Das machte sie mir besonders verdächtig.

Nein, in der DDR war es unmöglich, die Utopie des Bungalows zu entdecken. Letztendlich sehen Häuser aus wie ihre Bewohner. Und der Bewohner eines Bungalows ist nun mal der Helmut-Kohl- Typ. Natürlich hatte der keine Lust, Treppen zu steigen. Und so ein Panoramafenster gibt noch jedem die Illusion, er habe den absoluten Überblick.

Was mich an den Bungalows jedoch am meisten störte, war: Die sahen so selbstzufrieden aus. Alles breit statt hoch. Es gibt keine Eleganz der Breite.

Von Kerstin Decker

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