Zeitung Heute : Ariadnes Faden

Berge und Meer, Kastelle und Kirchlein – eine Wandertour auf den Kykladen-Inseln in der griechischen Ägäis führt jedoch unweigerlich auch in urige Tavernen und endet ganz entspannt am Strand

Wir sind zum Wandern

auf die Kykladen gekom-

men, schippern mit einer

Gruppe von 20 Gleichge-

sinnten von Insel zu Insel, beginnen auf Mykonos, verbringen ein paar Tage auf Tinos, besuchen Delos, verweilen auf Naxos und beenden die Reise auf Santorin.

Immer schon lagen diese Inseln nicht nur schön, sondern auch strategisch günstig. Minoer und Hellenen, Römer und Osmanen, Venezianer und Griechen wetzten ihre Klingen im Krieg um die Kykladen. Nicki kann das alles nicht kirre machen. Jahreszahlen setzt sie ihren Wanderern nur im äußersten Notfall vor, ansonsten schifft sie souverän um alle Klippen der Zeitläufe. Kein Wunder, Nicki, die nicht etwa nach Nike, der griechischen Siegesgöttin, benannt wurde, sondern Nicole heißt, wuchs mit deutschen Eltern in Griechenland auf, studierte neugriechische Geschichte und Philologie und promoviert in Berlin über Migrationsströme in Südosteuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und wenn’s ihr in den Unibibliotheken zu staubig zugeht, führt sie Wandergruppen über die Inseln.

In Naxos arbeiten wir uns Schicht für Schicht und zu Fuß durch die Baugeschichte. Ein Stadtrundgang durch die Inselhauptstadt führt vom venezianischen Kastell mit wehrhaften Wohntürmen zum katholischen Bischofssitz und einem Ursulinenkloster, das gerade mit 2,5 Millionen Euro von der EU zu einem Kulturzentrum ausgebaut wird, durch das griechische bürgerliche Viertel, vorbei am Hafen mit modernen Tavernen an denen eindrucksvolle Oktopoden hängen – aus Plastik, wie wir erst nach einigen Tagen bemerken – und schließlich zu einem der ältesten Bauwerke der Insel, ein solitäres Marmortor, Überrest eines Tempels am Meer. Wie um den Wandelgang einer Wallfahrtskirche zieht die Wanderschar um das Monument. Nicki erzählt von Odysseus, dem Schuft, der hier Ariadne zurückließ. Jene Geliebte, die ihm mit ihrem berühmten Faden aus der Patsche und aus dem kretischen Labyrinth herausgeholfen hatte.

„Wo geht es denn hier nach Moní? Mit diesen Teerstraßen, kennt sich ja keiner mehr aus!“ Die beiden alten Männer auf der Mauer lachen, jaja, jedes Dorf bekommt jetzt gute Straßen, wir haben ja keine Esel mehr, sondern Autos. Natürlich kennt Nicki den Weg durchs Inselinnere, auf den sie uns an einem anderen Tag führt, aber gerne fängt sie mit zwei Alten zu plaudern an. Die Naxoten freuen sich, Olivenhaine und abgelegene Kirchlein auf geteerten Straßen erreichen zu können, nur Wanderer bedauern das Verschwinden der Monopati, der Eselspfade, die sich in die Landschaft schmiegten, anstatt sie zu durchschneiden.

Ein Töpfer am Wegesrand ist so clever, den Wanderern anzubieten, was er so fabriziert: Tassen, Töpfe und Krüge. Abends liefert er es dann ins Hotel. Seine kleine Mutter reicht Gelee mit Puderzucker bestäubt. Der Töpfer erzählt viel über seine Technik. Nur wie er diese dunkel schimmernde Glasur brennt, will er nicht verraten. „Meine Erfindung.“ Mehr sagt er nicht.

Dann stehen wir am Fährhafen von Naxos, um uns einzuschiffen nach Santorin. Es ist ein sonniger, klarer Tag, und nichts bereitet uns vor auf dieses Weltwunder. Die Fähren der Ägäis sind heute moderne Schiffe, mit Rolltreppen, Shops und Bars. Aber natürlich gibt es nur einen guten Platz: draußen, an der Reling. Im Breitwandformat fährt zuerst die Insel Ios vorbei, schließlich kommt Santorin in Sicht. Verständlich, dass uns die „Schöne“, was ihr früherer Name Kalliste bedeutet, nicht allein gehört. Am Ende des Tages liegen fünf Kreuzfahrtgiganten auf Reede vor Santorin. Die Insel ist der Höhepunkt aller Fahrten ins östliche Mittelmeer. Tausende strömen dann für ein paar Stunden an Land, werden mit Bussen zum Bummel durch die Gassen der Inselhauptstadt Thera gebracht, die sich scheinbar wie mit weißen Fingern am Fels festkrallt.

Wir kommen den Menschenmengen zuvor mit unserer Kraterwanderung. Stundenlang geht es immer an dieser Felskante entlang. Der Promenadenweg zieht sich gewaltig, vor allem, weil man immer schauen muss. Ins tiefblaue Meer, an gegenüberliegende Felswände, dann auf weiße Häuser, blaue Kirchen, auf das Dörfchen Oía, zu dem am späten Nachmittag eine Kolonne von Bussen aufbrechen wird, weil von hier die Sonne besonders malerisch versinkt; auf Goldschmuck und Kunsthandwerk in den Auslagen der Dörfer. Auf rote Leiber, die an den Pools der Luxushotels schmoren und Speisekarten mit städtischen Preisen für Bauernsalat und Tsatsiki.

Was in den Geschäften aussieht wie moderne Kunst, ist alt, älter noch als die alten Griechen: Repliken von Idolen, minoischen Grabbeigaben, kubistische Gesichter, verschlungene Figuren.

Die Minoer schufen die erste Hochkultur Europas, benannt nach dem sagenhaften König Minos. Sie siedelten auf dem nahen Kreta, aber auch auf der Insel Santorin, die damals noch Kalliste hieß. Erst 1967 fand ein griechischer Archäologe Spuren ihrer Stadt und nannte sie Akrotiri, nach dem Dorf, das heute oberhalb liegt. Akrotiri ist das Pompei der Ägäis: verlassen wegen eines gewaltigen Vulkanausbruchs. Doch im Gegensatz zum Vesuv knurrte der Vulkan von Santorin schon lange vorher, warf die Erde auf und mit Bimsstein um sich, bis die Einwohner ihre Insel verließen. Dann kam es zu der gewaltigen Explosion – um die sich bis heute Spekulationen ranken. Sie habe einen Tsunami ausgelöst, der die Kultur der Minoer auslöschte, steht in vielen Reiseführern. Es war aber wohl nur so ähnlich. Die Minoer zogen sich von der Weltbühne um 1400 vor der Zeitenwende zurück, der Vulkanausbruch verwüstete neuesten Forschungen zufolge aber schon fast 200 Jahre früher das östliche Mittelmeer.

Die Ausgrabungsstätte von Akrotiri jedenfalls kann nicht besichtigt werden. Vor einigen Jahren stürzte eine Mauer ein, seither wird renoviert. Der Weg zu den Ruinen führt weiter ans Meer, zum Roten Strand, einer Bucht mit winzigen roten Sandkörnern vor einer bedrohlich aufragenden roten Lavawand – und dem klaren Meer der Inseln. Auch Wanderer gehen gern mal baden.

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