Zeitung Heute : Arizona Dream

In Deutschland wird über die Parallelgesellschaft diskutiert. In Tucson ist sie längst Realität. Die Stadt in der Wüste gehörte früher den Mexikanern. Das könnte bald wieder so sein.

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Von Corina Niebuhr Mexiko macht Ruben Moreno ein wenig Angst. Wenn er die schäbigen Hütten, die Kranken und die dünnen Kinder sieht, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellen und ihm eine Cola durchs Busfenster verkaufen wollen, spätestens dann ist er heilfroh, dass er Amerikaner ist und nur zu Gast im Land seiner Vorfahren. Der 49jährige Musiker fährt selten dorthin, er hat da nichts verloren. Selbst die Mariachi-Konferenzen, auf denen die von ihm so geliebte traditionelle mexikanische Musik mit Guitaron, Violine und Trompete zelebriert wird, findet er beschämend. Moreno kann die in Tucson geborenen jungen Mexiko-Amerikaner gut verstehen, die beim ersten Besuch in Mexiko möglichst schnell zurück wollen. Und es ist nicht nur die Armut. „Ohne Fernseher, Warmwasser und Klimaanlage halten sie es da unten nicht lange aus.“

Er wiegt den Kopf, so, als fände er selbst nicht gut, was er da sagt. Tucson sei ganz anders, ein besseres Mexiko. Dabei liegt die Stadt in Arizona, 96 Kilometer von der Grenze entfernt. Zwischen drei Bergketten zieht sie sich wie ein grobes Netz über die ausgedörrte Erde. Es sind die nördlichen Ausläufer der Sonora-Wüste, deren haushohe SaguaroKakteen in keinem Wild-West-Film fehlen. Ein Drittel der 600 000 Einwohner Tucsons sind Mexikaner oder deren Nachkommen. Die meisten von ihnen leben im Süden der Stadt. Die Anglos im Norden sagen deshalb auch, dass Mexiko südlich der 22nd Street beginnt.

Nun haben die USA schon viele Einwandererwellen erlebt, die den Ruf des Landes als einen Schmelztiegel begründeten. Doch seit den Anschlägen vom 11. September 2001 prüfen die Amerikaner einander genauer: „Wer denkt, wer fühlt wie ich?“ Auch in den USA löst Fremdes heute Angst aus, wird der Ruf nach den „traditionellen“ Werten Amerikas, dem angloprotestantischen Erbe, immer lauter. Und am lautesten in dieser amerikanischen Variante der Multikulturalismus-Debatte hat sich Samuel Huntington zu Wort gemeldet, der Harvard-Politologe, der vor gut zehn Jahren den „Kampf der Kulturen“ beschwor. In seinem jüngsten Buch stellt er in die Frage: „Who are we“ – wer sind wir? Und diesmal sieht er das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten durch Massen gebärfreudiger Latinos gefährdet, denen es an der richtigen Arbeitseinstellung fehle.

Hier, im Südwesten der USA, trifft Huntingtons Vision vom anglo-protestantischen Amerika auf eine mexikanisch-katholisch geprägte Parallelgesellschaft, die wahrscheinlich schon bald die Mehrheit stellen wird. Warum sich in Tucson, das einst zu Mexiko gehörte, die Kulturen schon vor rund 120 Jahren so deutlich voneinander trennten, weiß Ruben Moreno auch nicht. Vielleicht waren es ja die europäischen Siedler, die ein rein weißes Wohngebiet beanspruchten, vielleicht zogen sich die alteingesessenen Mexikaner nach der nordamerikanischen Landnahme aber auch aus Stolz in den Süden der Stadt zurück. Seine mexikanische Großmutter habe ihr ganzes Leben in Tucson verbracht und kein Wort Englisch gesprochen.

Moreno lernte schon als Fünfjähriger sich zu wehren, als er in eine katholische Vorschule ging, und die anderen ihn hänselten, weil auch er nur Spanisch verstand. „Ich habe erst geweint und dann gekämpft.“ Heute spricht der Musiker akzentfrei Englisch in dem für Mexikaner typischen, leicht monotonen Singsang. Und er trägt die schwarze Tracht der Mariachi-Musiker, die Charro, so oft es geht.

Bis das Fernsehen kam, blieb der mexikanische Kosmos im südlichen Tucson geschlossen. Die Großfamilien waren arm, galten aber als gefestigt und intakt. Sie pflegten ihre Kultur und den Kontakt untereinander. Dann schlich sich das „fremde Leben“ ein und mit ihm die Auflösung. Vielleicht begann es mit den Eltern, die neuerdings mit ihren Kindern Englisch sprachen, um ihnen die Hiebe der Lehrer zu ersparen, die in den 50ern noch jedes spanische Wort im Unterricht bestraften und so die Integration erzwangen. Oder aber es waren die Fernsehbilder, die junge Mexikaner auf neue Ideen brachten. Für sie schrumpfte der Kosmos zusammen, bis er ihnen kaum noch Luft zum Atmen ließ. Wer genug Geld besaß, verließ die Südseite und zog in den Westen der Stadt, wo die Einfamilienhäuser heute in vielen Straßen wie geklont aussehen: rote Ziegel, weiße Wände, Garage, steriler Vorgarten. Sie sind fest in der Hand von Mexiko-Amerikanern, die in zweiter oder dritter Generation in den USA leben.

Ruben Moreno wuchs in Downtown auf, weil auch seine Eltern die Südseite als Sackgasse sahen. Er spielte Football und war dabei, sein Spanisch zu vergessen. Moreno wollte Profisportler werden. Dann kam eine böse Knieverletzung. Das Leben stand für eine Weile still, bis Moreno die Musik entdeckte. Er wurde ein Mariachi. Mit Trompete, silbernen Knöpfen an den schwarzen Hosen und einem breitkrempigen Sombrero auf dem Kopf tritt er auf Hochzeiten und bei Partys auf. „Sonst hätte ich vielleicht nie zu meinen Wurzeln zurückgefunden“, sagt er und biegt mit seinem Geländewagen in die South Sixth Avenue ein, die Ausgehmeile im südlichen Tucson.

Das Mexiko, das sich links und rechts der Straße auftut, scheint wenig mit ihm zu tun zu haben. Der Musiker wirkt in diesem Teil Tucsons selbst sonderbar fremd. Moreno gleicht den Menschen auf der Straße, aber nur äußerlich. Wie ein Stadtführer, der seine Tour schon zu oft gefahren ist, erklärt Moreno die bunte Kulisse. Draußen, entlang der Straße, reihen sich mexikanische Geschäfte, Restaurants, Taco-Imbisse und Reifengeschäfte aneinander. An vielen hängen Schilder in spanischer Sprache: Raspados, Pico de Gallio, Taqueria Aqui con Bruno. Ein alter Eisverkäufer zieht einen kleinen Blechwagen mühsam über den Gehweg.

Dass sich viele Anglos nicht in den Süden Tucsons trauen, macht Ruben Moreno dann doch wütend. „Das sind ja wohl Ignoranten oder noch schlimmer Rassisten.“ Sehe diese Gegend etwa wie ein krimineller Slum aus?

Tatsächlich ereignen sich auf der Südseite die meisten Morde und Überfälle stadtweit, aber die Wohnviertel sehen nicht viel anders aus als im Zentrum oder im Osten der Stadt, wo weiße Normalverdiener leben. Die Häuser haben kleine Veranden und Gärten, die in Tucson gewöhnlich aus einer mit Kakteen und Steinen verzierten Sandfläche bestehen. Die Unterschiede fallen erst auf den zweiten Blick auf: An vielen Häusern blättert die Farbe ab und auch die Autos, die dicht geparkt auf einigen Grundstücken stehen, sind verbeulter. Und je weiter es gen Süden geht, desto häufiger tauchen kläffende Hunde in den Gärten auf.

Viele Autofahrer haben die Scheiben runtergekurbelt, damit der Fahrtwind, der sich wie heiße Fönluft anfühlt, die kaputte Klimaanlage ersetzt. Wenn eine teure Limousine vorbeikommt, sitzen fast immer junge Männer mit Goldketten und Sonnenbrillen darin, die so klar machen, wer das Drogengeld verdient. Entlang der großen Straßen schleppen sich hier und da ausgemergelte Gestalten gen Norden. Es sind illegale mexikanische Einwanderer, die den tagelangen Marsch durch die Wüste überlebt haben. Wie viele von ihnen im südlichen Tucson hausen, weiß keiner.

Lorraine Lee, 48 Jahre, streicht sich in ihrem angenehm kühlen Büro die schwarzen, glatten Haare aus dem Gesicht und lächelt entspannt. Ja, sie verstehe die jungen Hitzköpfe gut, die glauben, dass Ehre etwas sei, was man sich auf der Straße erkämpfen muss. Lee meint die mexikanischen Einwandererkinder, die sich auf der Südseite immer wieder Revierkämpfe untereinander und mit Gangs aus anderen Stadtteilen liefern. Lee ist die Direktorin von „Chicanos Por La Causa“, einer gemeinnützigen Organisation, die seit 1969 mexikanischen Familien hilft. „Die Jugendlichen wissen einfach nicht, wo sie hingehören.“ Armut, Lieblosigkeit, Gewalt – das sei der Alltag vieler in den USA geborener Kinder, deren mexikanische Eltern sich für den amerikanischen Traum zu Grunde richten. Wer würde da nicht die Schule schmeißen, die Eltern verachten, Drogen nehmen?

Als Gegenmittel verordnet Lee das Malen von Wandgemälden, eine mexikanische Tradition. Die riesigen Bilder tauchen auf der Südseite alle paar Straßen auf und zeigen meist kitschig bunte Helden und eine heile Welt. Die malenden Jugendlichen sollen endlich auf etwas stolz sein. „Wir wollen die Löcher in ihren Herzen mit schönen Erlebnissen und den Geschichten ihrer Vorfahren stopfen.“

Dabei geht es auch um Aztlan, das frühe Reich der Azteken, das Mutterland der Mexikaner, das einmal bis weit in die USA reichte und viele Anglos heute nervös mache. Diese Panikmache sei typisch amerikanisch, findet Lee, die sich selbst eine „leidenschaftliche Amerikanerin“ nennt. „Wir wollen positive Werte vermitteln und nicht zum Kampf für irgendwelche Gebiete aufhetzen.“ Deutschen Einwanderkindern erzähle man ja auch von Germanen, Goethe und Luther. Und warum würden Latinos als „die eine große, bedrohliche Masse“ gesehen?

Sie gibt die Antwort selbst, sie sei ja nicht blind: Die Anglos fürchteten die steigende Zahl der Mexiko-Amerikaner, weil sie als Minderheit die Kontrolle verlören. Nur deshalb bekämen mexikanische Einwandererkinder nicht die gleichen Chancen. Dabei wollten die sich ja integrieren, es werde ihnen nur immer schwerer gemacht. Der Druck auf „den kleinen Juan“ nehme stetig zu. Vor ein paar Jahren schaffte eine Volksinitiative mit der „Proposition 203“ den bilingualen Unterricht an den Schulen Arizonas de facto ab, er wird jetzt nur noch in Härtefällen genehmigt. Kinder, die wenig Englisch verstehen, müssen jetzt sehen, wo sie bleiben. Die Direktorin hat es selbst erlebt bei einem Vortrag, den sie in einer Schule gab und bei dem Achtjährige die ganze Zeit in einer Ecke tuschelten. Nach einer Weile verstand sie, was dort passierte. „Wir zwingen jetzt kleine Kinder dazu, Übersetzer zu sein.“

Die in Tucson geborene China-Japan-Mexiko-Amerikanerin Lorraine Lee weiß aus eigener Erfahrung, wie hart die Südseite sein kann, sie ist dort aufgewachsen. Bis in die 90er Jahre hatte dieser Teil Tucsons keine Stimme. Die Stadt ließ die Straßen verkommen und die Polizei sich selten blicken. Anfang der 80er Jahre erkrankten in einigen Straßen auffällig viele Bewohner an seltenen Krebsarten. Es kam heraus, dass elf öffentliche Brunnen mit Trichloroethylen verseucht waren. Auch Lorraine Lee lebte dort. „Wir haben das Zeug über Jahre getrunken, darin gebadet und über die Klimaanlage eingeatmet.“ 1996 bekam sie ihren Befund: ein fast unbekannter Krebs auf der Zunge.

Ruben Moreno spricht lieber über die sonnigen Seiten seiner Stadt, die ihn nicht loslässt. Ein Dutzend gut bezahlter Jobs quer durch die USA habe er ausgeschlagen. Tucson zu verlassen, das habe er einfach nicht gekonnt. Nicht nur die Wüste, die Familie und seine Mariachi-Band halten ihn fest. „Diese Stadt fühlt sich so perfekt an.“ Sie sei wie er selbst: ein Mix aus Mexiko und Amerika.

Tucson wird sich seine kleinstädtische Atmosphäre allerdings wohl nicht mehr lange bewahren können. Die Stadt wächst enorm, und es kommen keineswegs nur Illegale. Rentner wollen hier dem Rheumawetter des Nordens entfliehen. Und wer sich ums Geld nicht sorgen muss, baut sich im Norden am Fuße der Santa-Catalina-Berge ein kleines Anwesen. Die Wege dorthin heißen „Pontatoc Road“ oder „Hacienda del Sol“, und Cowboys mit Sombreros zieren die handgeschmiedeten Straßenschilder.

Das richtige Ambiente ist in diesem Wohngebiet wichtig. Das hat auch die Stadt erkannt, die die Wege mit extra eingefärbten Steinen berieseln lässt. Die wohlhabenden Anglos lieben diesen Tucson-Style. Handgefertigte Fliesen, Steinplatten und Möbel aus Mexiko schmücken ihre Terrassen. Es sind die kräftigen Farben, das tiefe Rot der Chilis, das exotische Violett der Kakteenfrüchte, die so perfekt zum tiefblauen Himmel und zur rotbraunen Erde passen. Ein Farbcocktail, der die Sinne putscht. Er gehört für die Anglos genauso zum Wild-West-Look, wie Gewehre an der Wand und Indianerskulpturen auf dem Sideboard.

Was die Mehrzahl der Einwohner im Norden Tucsons von der Gesellschaft im Süden hält, zeigte sie bei der Präsidentschaftswahl im November. 56 Prozent der Wähler Arizonas – eine der Hochburgen lag in Nord-Tucson – stimmten nicht nur für Bush, sondern auch für die Initiative „Proposition 200“. Das neue Gesetz verbietet illegalen Einwanderern nun den Zugang zu nahezu allen Sozialleistungen und zwingt Mitarbeiter in öffentlichen Ämtern, Menschen ohne Visum sofort zu melden. Vor zehn Jahren war eine ähnliche Initiative in Kalifornien noch vor Gericht gescheitert, weil ein Bundesrichter sie für inhuman hielt.

Lorraine Lee ist überzeugt, dass im Südwesten ein Apartheidsystem wächst. „Sie verweisen uns immer deutlicher auf die Plätze, die sie für uns ausgesucht haben – vor langer Zeit.“

Ruben Moreno will die Mariachi-Musik im Norden der Stadt bekannter machen. Dann, so glaubt er fest, würden die Anglos schon sehen, dass Mexikaner keineswegs die Banditen sind, die sie aus dem Fernsehen kennen.

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