Zeitung Heute : Arm zu sein, bedarf es wenig

Der deutsche Kinderschutzbund fordert eine Erhöhung des Kinderzuschlags für Familien mit geringen Einkommen. Was muss darüber hinaus getan werden, um Kinderarmut zu bekämpfen?

Michael Schmidt

Im reichen Deutschland leben mehr Kinder und Jugendliche in Armut als offiziell angegeben, sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB). Eine Untersuchung des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung hatte jüngst ergeben: Im März 2007 lebten mehr als 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten. Das sind 17 Prozent aller Kinder und bei allgemein sinkenden Kinderzahlen 70 000 mehr als ein Jahr zuvor. Tatsächlich aber sei die Zahl armer Kinder sogar noch höher, sagte Hilgers am Montag in Berlin. Rechne man alle unter 18-Jährigen sowie die Kinder von Asylbewerbern und nicht erwerbsfähigen Eltern ein, lebten im März trotz boomender Wirtschaft und sinkender Arbeitslosigkeit 2,6 Millionen Kinder von ALG II oder Sozialhilfe.

Diese Zahlen seien ein Skandal, sagte Hilgers, das „größte Risiko, das unsere Gesellschaft derzeit eingeht“. Jeder wisse doch, dass arme Kinder benachteiligt seien, dass ihre Gesundheitsvorsorge leide und es um ihre Bildungs- und Zukunftschancen schlecht stehe – und dennoch habe die Bundesregierung bisher kein besonderes Interesse gezeigt, sich mit der Kinderarmut zu beschäftigen. Das koalitionsvertraglich schon 2005 gegebene Versprechen, den Kinderzuschlag für Eltern mit niedrigem Einkommen bis 2006 weiterzuentwickeln, habe das schwarz-rote Regierungsbündnis gebrochen. Mit jedem Jahr aber, das ins Land gehe, ohne dass sich etwas ändere, „setzen wir die unserer Gesellschaft aufs Spiel“, sagte der DKSB-Präsident. „Wir sind dabei, einen großen Teil unserer Kinder zu künftigen Leistungsempfängern statt Leistungsträgern zu erziehen.“ Angesichts des demografischen Wandels – immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner aufkommen – und der Staatsverschuldung, die nachfolgenden Generationen hinterlassen werde, brauche dieses Land aber jedes Kind.

Hilgers forderte die Bundesregierung deshalb auf, den Kinderzuschlag für jene ALG-II-Empfänger zu erhöhen, die zwar arbeiten, aber wegen der Anzahl ihrer Kinder den Lebensunterhalt der Familie nicht bestreiten können. Er sprach sich für einen Zuschlag von 175 Euro pro Kind und ab dem dritten Kind von 225 Euro aus; die Zahl der Empfänger sollte von derzeit 124 000 auf bis zu 600 000 erhöht werden. Zudem solle das Geld so lange gezahlt werden, wie die Verhältnisse es erfordern, und nicht mehr auf drei Jahre befristet sein. „Aus der bedürftigen Friseurin wird ja binnen drei Jahren keine gut verdienende Ärztin“, sagte Hilgers. Weil der Kinderzuschlag allein das Problem nicht löse, forderte er die Politik auf, einen existenzsichernden Mindestlohn einzuführen. Und weil auch der Familien mit Kindern nicht ausreichend helfe, sollten die einmaligen Beihilfen für Kinderbekleidung und Schulbedarf, die im Zuge des Hartz-IV-Gesetzes weggefallen sind, wieder eingeführt werden. Kinder aus HartzIV-Familien sollten einen Rechtsanspruch auf ein kostenloses Mittagessen in Schulen und Kindergärten erhalten.

„Absolut zentral“ aber sei es, allen Kindern – nicht nur jenen, deren Eltern arbeiten – den kostenlosen Besuch von Ganztagseinrichtungen, Schulen wie Kindergärten und Krippen, zu ermöglichen. Kinder brauchten ein anregungsreiches Umfeld – Kinder aus armen Familien aber gingen nicht in die Musikschule, seien nicht im Sportverein, surften nicht unter Aufsicht im Internet. Ganztägige Bildungs- und kostenlose Betreuungsangebote seien eine Grundvoraussetzung, um der Kinderarmut entgegenzuwirken. „Warum geht der Aufschwung an kinderreichen Familien und Alleinerziehenden vorbei“, fragte Hilgers, um dann selbst die Antwort zu geben: Der wahre Schlüssel zur Armutsbekämpfung seien Jobs, „wenn es aber keine Betreuungseinrichtungen gibt oder ich sie mir nicht leisten kann, dann nützen die besten Jobangebote nichts“.

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