Artenkunde : Dr. Ohl entdeckt ein Insekt

Wie stößt man als Forscher auf eine bislang unbekannte Tierart? Man kann in der Wildnis Fallen aufstellen – oder im Berliner Naturkundemuseum eine Schublade aufziehen.

von
Monströs.
Monströs.Foto: picture alliance / dpa

Dass er von nun an eine Weile vor allem damit beschäftigt sein würde, das Wesen der Welt zu ergründen, wurde Michael Ohl nach dem Hochfahren seines Computers offenbar. Zwischen einer Unmenge aufgelaufener E-Mails – Ohl kam gerade aus dem Urlaub zurück – sah er die Nachricht einer kalifornischen Kollegin. In der Betreffzeile stand: „weird crabronid“, sonderbare Crabronide. Im Grunde reichte das schon.

Ohl las weiter. „Michael“, stand da, „ich arbeite an einem Projekt in Sulawesi, und wir haben die absonderlichste Crabronide gefunden, die ich je gesehen habe. Ich habe ein Foto angehängt. Irgendeine Idee?“

Ohl betrachtete das Foto. Er ist Biologe, ein Insektenspezialist, Fachgebiet Grabwespensystematik, und die Crabronidae sind eine Grabwespenfamilie. Ohl schaute, und ohne es in diesem Moment wissen zu können, sah er auf die aufsehenerregendste Entdeckung, an der er in seinem Berufsleben bisher beteiligt war. Er schaute auf die Monsterwespe.

Pechschwarz, bis zu sechs Zentimeter lang, dunkelbraune Flügel, sichelförmige, mächtige Kiefer, kräftiger und länger als die Vorderbeine. Ein Tier wie jenes auf dem Foto hatten wahrscheinlich noch nicht viele Menschen gesehen. Ohl schon.

Michael Ohl, Jahrgang 1964, arbeitet im Berliner Naturkundemuseum. Morgens betritt er das Haus durch ein Seitenportal, grüßt die Pförtner, läuft durch ein Korridorgewölbe, bald öffnet sich automatisch eine Flügeltür und gibt den Weg frei in einen neu gebauten Saal mit karminrot gestrichenen Wänden, der fast vollständig von einem riesigen, gläsernen Regal eingenommen wird, leuchtend und voller Glaszylinder mit Alkohol, Fischen, Schlangen, Fröschen darin. Wenn Ohl Gäste hat, bleibt er hier kurz stehen, „die Nasssammlung“, sagt er, jedenfalls der vor zwei Jahren öffentlich zugänglich gemachte Teil davon. Neben den Saurierskeletten der Stolz des Hauses, ein Ort, für den andere Menschen Eintritt bezahlen. Insgesamt ist die Nasssammlung eine Million tote Tiere groß.

Er nimmt den Lastenaufzug zum ersten Zwischengeschoss, dann links, hier haben nur noch die Wissenschaftler Zutritt. Vorbei an Holzschränken, „die alte Wurmsammlung“, sagt Ohl. Seine Trekkingschuhe ergehen geflickten Linoleumboden. Die Wände und Decken sind fleckig und auf eine nur noch selten zu findende Weise mit den unterschiedlichsten Grau-Schattierungen versehen. Vielleicht die Zeit – das Haus ist 120 Jahre alt –, vielleicht auch ein paar Brände, vielleicht sogar noch Spuren vom Krieg. Ohl läuft vorbei an versifften Heizkörpern und Schränken voller Blattläuse, „Haarlinge und Federlinge“, sagt er, das sind Tierparasiten, rechts dann Ur-Insekten, Springschwänze, links „eine der bedeutendsten Staublaussammlungen der Welt“. Die ganze Etage hat die Anmutung einer vor langer Zeit aufgegebenen Fabrik, der Umkleidebereich könnte hier gewesen sein, der vielen Schränke wegen. Für Ohl ist es das Paradies.

Er vergisst das selten, aber als er damals jene E-Mail las, „weird crabronid“, war es ihm erst einmal überhaupt nicht bewusst. Es war ein Freitag im Juli 2010, Ohl antwortete: „Das ist ein sehr guter Fang!“ Da war ihm schon eingefallen, warum ihm das Tier so bekannt vorkam.

Ein Jahr zuvor war Ohl auf einer Tagung im niederländischen Leiden gewesen. In den Tagungspausen ist er ins örtliche Naturkundemuseum gegangen. Es gibt Tiere, die er noch nie gesehen hatte – nur Abbildungen von ihnen oder Beschreibungen –, er wusste, dass eine Handvoll davon in Leiden versammelt waren. Die wollte er sich ansehen.

Er zog Schubläden auf, Grabwespenschubläden, sah ihm fremde und wohlbekannte, an Stecknadeln aufgespießte Tiere. Irgendwo dazwischen ein besonders großes, aus Sulawesi stammendes, versehen mit einem Zettel: „Gen. nov.?“ stand darauf, neue Gattung?

„Ich hab es mitgenommen nach Berlin, leihweise“, sagt Ohl. Hier hat er dann befunden, ohne viel Aufhebens davon zu machen, dass es sich dabei durchaus um eine bisher unbeschriebene Art handeln kann, jedoch nicht um eine neue Gattung – eine in der biologischen Systematik allgemeinere, größere Kategorie –, „und dann hab ich‘s erst mal stecken lassen.“ Veröffentlicht und damit für die Wissenschaftswelt existent war noch nichts. Ohl war sozusagen auf halbem Wege stehen geblieben.

Ohl hat sich mit Insekten beschäftigt, so weit er zurückdenken kann. Mit Kuschelfelltieren konnte er nichts anfangen als Kind, mit Spinnen schon. So richtig interessant für ihn wurde es aber dann, als er zwischen der ersten und zweiten Klasse eine Hirnhautentzündung bekam. Der Junge musste ins Krankenhaus. Dort gab es eine Bibliothek mit Naturbüchern. „Die habe ich alle gelesen“, sagt Ohl, und das habe zwei Dinge bewirkt. „Als ich aus dem Krankenhaus rauskam, konnte ich perfekt lesen, und die Liebe zu naturkundlicher Literatur war da.“ Er sagt, dass er einen großen Teil seiner Kindheit damit verbracht hat, Frösche und Molche zu fangen. Er hat Insekten gesammelt und Fossilien, „wozu man als Kind so Zugang hat“.

Zugang zu Fossilien hatte er, weil er in Westfalen aufgewachsen ist, im Park seiner Heimatstadt gibt es eine Hügellandschaft, Schiefer tritt dort zutage. Irgendwann hatte er bemerkt, dass in diesen Schieferplatten Pflanzenfossilien eingeschlossen sind. Wenn er fortan nicht Schieferplatten gespalten und mit nach Hause genommen hat, war der kleine Ohl auch noch in der Stadtbücherei. Er las Bücher über den Ursprung des Universums, über Astronomie und Zoologie, die ganzen großen Themen der Naturkunde durchlas er. Er sagt: „Alles, was so einen Jungen interessiert.“ Nach diesem Satz wirkt er selber ein wenig wie ein Fossil.

Der Junge lief mit Bestimmungsbüchern durch die Landschaft, „Pareys Buch der Insekten“ vornehmlich, über fruchtbares, plattes Land, dominiert von Mais und Schweinen mit Wald dazwischen. Er wollte wissen, wie die Dinge heißen. Das Nachvollziehen dessen, was andere schon einmal gewusst und aufgeschrieben haben, ließ ihn sich fühlen wie auf einer Entdeckungsreise. „Das hatte was ungemein Befriedigendes“, sagt Ohl, „einen Rüsselkäfer in die Hand zu nehmen und nachzuschlagen.“

Er sagt: „Und Insekten sind eine sehr dankbare Gruppe, man hat immer Zugriff darauf, vor der Haustür. Bei Beuteltieren ist das anders.“

Ganz offenkundig aber kann der immerwährende Zugriff auch ein Nachteil sein. Vor allem, wenn man zum Fangen nicht einmal vor die Haustür muss, sondern nur in einen der Nachbarräume. Man kommt erst mal nicht drauf.

Im Monsterwespenfall jedenfalls war es so. Im Juli 2010 vergingen ein paar Tage, der Berliner Forscher und seine kalifornische Kollegin schrieben einander, machten sich gegenseitig auf eventuelle Einmaligkeiten und Übereinstimmungen an ihren Funden aufmerksam. Um das Ganze aber letztgültig systematisieren zu können, brauchten die beiden Vergleichsmaterial. Am besten in Berlin, denn Ohl war der Grabwespenexperte, und Lynn Kimsey, die Kalifornierin, als Goldwespenspezialistin meilenweit von dessen Expertise entfernt.

Und jetzt ging Ohl endlich doch raus zu den Schränken. Er fand zwei Männchen, Jahrgang 1930.

Wie er denn gewesen sei, dieser Moment? „Als ich Lynns Fotos sah, war ich begeistert“, sagt Ohl. „Als ich die Schränke aufmachte, war ich erfreut.“ Das kann jetzt Fairness sein oder Galanterie, es ist wohl beides, vor allem aber ist es ein Bekenntnis zum Draußenentdecken. Drinnen, im Berliner Naturkundemuseum, kann das jeder. „Ich könnte jeden Tag hier an die Schränke gehen und eine neue Art bestimmen“, sagt Ohl. Warum tut er es dann nicht? „Heute entdecke ich mal ’ne neue Art? So macht das niemand“, sagt Ohl. „Sondern wenn man das macht, dann im Kontext der Bearbeitung übergeordneter wissenschaftlicher Fragestellungen.“ Oder, wie in diesem Fall, wenn es sich ergibt.

Sehr oft kommt Ohl ohnehin nicht dazu. Er hat Studenten und Doktoranden, die er betreut, er ist Leiter der Insektensammlungen, er hat organisatorische Aufgaben. Zur Zeit ist er vor allem damit beschäftigt, das Schreiben von Rechenschaftsberichten zu organisieren. Einer der Geldgeber des Museums, die Leibniz-Gemeinschaft, will im Herbst erfahren, was sie in den vergangenen Jahren so alles bezahlt hat.

Ihre Ansprüche sind hoch. Sie schreibt über sich: „Die typische Leibniz-Einrichtung ist eine kompakte und flexible Exzellenzeinheit.“ Finanziert werde nur, wer „wissenschaftliche Fragestellungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung“ bearbeitet.

Die Monsterwespe von Sulawesi? Gesamtgesellschaftlich bedeutsam? Aber natürlich. „Das ist ein weiteres Bausteinchen dessen, was auf dem Globus wichtig ist“, sagt Ohl. „Das Leben.“ Tierartbeschreiber erfassten die gegenwärtigen Produkte der Evolution, sie betrieben Grundlagenforschung über das Wesen der Natur. Das Wesen der Welt.

Spott gibt es trotzdem. Wissenschaftlerkollegen nennen die biologische Systematik, also das, was Ohl tut, „Buchhalterei im Gewand der Naturwissenschaften“, ausgeübt von „Käfergenitalienzeichnern“.

Ohl sagt, „ich zähl‘ hier nicht nur. Und wenn ich rauskriegen will, wie die Vielfalt entstanden ist, muss ich erst mal die Vielfalt kennen.“ Und da sei noch sehr viel zu tun. Es gebe detailliertere Sternkarten als Kataloge der Erdlebewesen.

Wer die Welt durch Ohls Augen betrachtet, der kann in den lästernden Kollegen Menschen erkennen, die auf dem Wissensstand des kleinen Michael verharren. Dem Jungen war damals sonnenklar, dass alles, was es gibt auf der Welt, längst einen Namen haben muss, dass es bekannt sei. So suggerierte es ihm ja sein Bestimmungsbuch. Aber der Junge ging dann zur Universität (Diplomarbeit über Grabwespensystematik), machte seinen Doktor (wieder Grabwespen), er erlebte diese Zeit als das Berauschendste, was er bis dahin kannte, sagt er heute. Endlich Gleichgesinnte, endlich konnte er Gespräche führen über das, was ihn interessierte. Er lernte, dass es noch viel zu entdecken gab. Er lernte, den Sinn darin zu sehen.

Seit 1997 ist er hier am Naturkundemuseum. Die ganze Zeit das aschgraue Büro, aschgraue Regale bis unter die Decke, aschgrauer Fußboden, der Blick geht in einen grau ummauerten Hof. In der Mitte steht ein großer Schreibtisch, darauf ein Mikroskop. Es ist mit einer Lampe ausgestattet, und wer hineinblickt, der sieht eine strahlend helle Welt, messerscharfe Wespenkiefer und in den Regenbogenfarben leuchtende Wespenkomplexaugen.

Eines der beiden Tiere aus der Museumsschublade. 82 Jahre alt. Mitgebracht vom Biologen Gerd Heinrich von einer Expedition nach Sulawesi, damals Celebes, im Auftrag des American Museum of Natural History in New York und des Berliner Zoologischen Museums. Der wissenschaftlichen Beschreibung von ihm nicht für würdig befunden. Auch in Heinrichs Expeditionserinnerungen „Der Vogel Schnarch. Zwei Jahre Rallenfang und Urwaldforschung in Celebes“ wird die Wespe nicht erwähnt. Vielleicht zu viel verlangt, denn bei Heinrichs Expedition handelte „es sich um eine allgemeine und gründliche Erforschung der Tier- und besonders der Vogelwelt von Celebes“. Da kam viel zusammen.

Seinen ersten Auftritt in der Öffentlichkeit hatte das Tier dann im vergangenen August. Lynn Kimsey, die Kalifornierin, hatte einer Zeitschrift ein Interview gegeben, am Rande erwähnte sie die Wespe. Zeitungen griffen das auf, und ungefähr zur gleichen Zeit gab auch die University of California eine Pressemitteilung heraus. Weil weder in den Artikeln noch in der Universitätsmitteilung Ohl und das Berliner Museum erwähnt waren, erfand wiederum dessen Pressestelle das Wort Monsterwespe, schrieb noch „Kampfmaschine“ dazu und veröffentlichte eine eigene Meldung. Im streng wissenschaftlichen Sinne war das Tier damals noch gar nicht existent. Es war noch in keiner wissenschaftlichen Publikation beschrieben. Ohl hatte noch nicht einmal zu Ende geforscht.

Und so erschienen in Fernseh- und Radiosendern, Zeitungen, Zeitschriften und auf Webseiten auf der ganzen Welt insgesamt ungefähr 800 Berichte über die Entdeckung der Monsterwespe. Alle waren ein bisschen unvollständig.

Denn Ohl fand anschließend noch heraus, dass die Frage auf jenem Zettel im holländischen Museum – „Gen. nov.?“ – berechtigter war, als er zuerst geglaubt hatte. Er musste sie jetzt eindeutig mit Ja beantworten. Nicht nur eine neue Art also war gefunden, sondern tatsächlich und entgegen Ohls erster Annahme sogar eine neue Gattung.

Wie heißt das Tier nun? Megalara garuda heißt es. Entdeckt auf einer tropischen Insel und im ersten Zwischengeschoss des Hauses Invalidenstraße 43 in Berlin. Wissenschaftliche Geburt vor drei Wochen durch Publikation in einer Zoologiezeitschrift. Seitdem wieder etwa 100 Massenmedienberichte.

Michael Ohl, Entdecker Dutzender anderer Insektenarten, von denen die Öffentlichkeit so gut wie gar keine Notiz genommen hat, sitzt in seinem Büro und grinst. An einem der Regale ist ein Din-A-4-Zettel angepinnt. Es ist eine Wespe daraufgedruckt und eine Art Gedicht, auf Englisch. Übersetzt geht es in etwa so:

„Das ist eine Wespe.

Ihre natürliche Aufgabe ist es,

wo sie hinkommt, Mist zu bauen.

Sie bestäubt nichts.

Sie macht keinen Honig.

Sie ist keine Biene.

Nur eine bescheuerte Wespe.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar