Zeitung Heute : Aschermittwoch ist längst nicht alles vorbei

MATILDA JORDANOVA-DUDA

Am Aschermittwoch ist alles vorüber, am Aschermittwoch ist alles vorbei...Aber nicht im Internet.Dort kann man das ganze Jahr Karneval haben.Als Startpunkt bietet sich die Bonner Website " www.kamelle.de " an.Von da aus hangelt sich der Karnevalist von Link zu Link mal nach Rio, mal nach Venedig, mal nach Maastricht, mal nach Rijeka.Einen Rheinischen Karneval soll es sogar in Windhoek geben.Warum auch nicht? Verhinderte Karnevalisten oder Rheinländer im Exil schauen sich Webcams und Videos von dem Sturm auf das Rathaus oder von dem Bonner "Zoch" an.Nur der Kamelle live nachzujagen, kann noch schöner sein.Macht aber dick.

Zugereiste verstehen in der Karnevalszeit nur Bahnhof.Selber schuld, dafür ist das Internet da.Das "Narrenlexikon" klärt über all diese Strüßje, Bützje und Stippeföttchen auf.Warum ist die Kölner Jungfrau ein Mann? Was ist ein "lecker Määdsche"? Ist es vielleicht dasselbe wie ein Funkenmariechen? Woher kommt der Schlachtruf "Alaaf"? Alles, was Sie schon immer über den Karneval wissen wollten und sich schämten zu fragen.Und warum eigentlich heißt die grellbunte Homepage, die wie ein Haufen Smarties aussieht, "Kamelle"? "Kamelle, - gibt das Lexikon eine Antwort, - sind besonders bei Schleckermäulen beliebte süße Wurfgeschösse, die während der Karnevalsumzüge von den Wagen geworfen werden".Profan: Bonbons, Gummibärchen und Schokolade, nach denen die jubelnden Massen gieren.Ein bißchen Geschichte des Karnevals muß für den geistigen Hintergrund auch sein.Wer will sich schließlich kostümieren, jubeln, schunkeln, Lieder schmettern, ohne zu wissen, woher das Ganze stammt? Es stammt aus römisch-keltisch-germanischer Zeit und ist ein Winteraustreibungsbrauch, will man der Rubrik "Narrengeschichte" glauben.Das Wort "carne vale" sei aus Norditalien und bedeute "Fleisch, leb wohl!" Mit dem Fest wurde früher die Fastenzeit eingeläutet.Den organisierten Karneval aber gibt es erst seit dem 19.Jahrhundert.Der erste Bonner Prinz hieß Joseph I, später bekam Seine Tollität auch eine Bonna.

Genug mit dem geistigen Hintergrund."Kamelle.de" ist vor allen Dingen auf praktische Lebenshilfe ausgerichtet.Die Website - übrigens ein Ableger des Bonner "General-Anzeigers" online - will erfahrene und weniger erfahrene Jecken durch die tollen Tage und darüber hinaus bringen.Wer Gefallen am organisierten Frohsinn findet, - und demnächst an den Rhein umzieht - sucht sich die passende Adresse aus einer beträchtlichen Anzahl Karnevalsvereinen in der Bundesstadt und Umgebung aus.Die nächste Session fängt nämlich schon am 11.November an.

Die örtliche Gastronomie ist nach Kategorien aufgelistet: von Irisch bis Griechisch, von Vollwertkost bis Gourmet.Unter den 700 Adressen fehlen wohl nur die Imbiß-Buden.Besonders berücksichtigt wird dabei, wo der hungrige Karnevalist noch spät oder eben ganz früh was zum Beißen bekommt.Ebenfalls wichtig: Wie kommt er mit Bus und Bahn nach Hause nach einer ausgiebig begossenen Party?

Apropos Party.Lebenshilfe pur sind die Links zum Promillerechner und zum persönlichen Flirttest ("Es ist Weiberfastnacht, und Sie haben gerade den Schlips eines strammen Mittvierzigers zwischen Ihren Scherenblättern.Sie: a) schneiden drauflos; b) drucksen herum: Tut mir leid, es ist so Sitte" usw.).Aber das A und O ist natürlich die Kunst, eine Büttenrede zu halten.Befolgt man den Redetips der " kamelle.de ", so ist das eine bierernste Sache und durch nichts von einem Vortrag vor der Jahresversammlung der Aktionäre der Firma XY zu unterscheiden.Ein paar passende Sprüche leiht sich der Redner schon aus dem Internet, z.B.diesen von einem anonymen Autor: "Lieber Rosen am Montag als Asche am Mittwoch".Am einfachsten scheint jedoch, gleich einen Ghostwriter anzuheuern.Leider bietet "kamelle.de" diese Art Service nicht.Noch nicht.

Otto-Normal-Jeck dagegen hat nur eine Sorge, diese jedoch jedes Jahr aufs Neue: Als was gehe ich diesmal? Als Haremsdame kennt mich schon jeder.Als Star-Trek-Offizier - na, dann kann man oder frau mit den Vorbereitungen nicht früh genug anfangen."Kamelle" hat originelle Ideen zum Selbstbasteln aus dem im Kleiderschrank und der Diele vorhandenen Material: grüne Strumpfhose, grüne Schminke, zwei Tennisbälle auf dem Hut und fertig ist der Froschprinz.Wenn schon alle Stricke reißen, gibt es äußerst gruselige Masken zu bestellen.Schließlich gehen Karneval und Halloween fast nahtlos ineinander über.

Und sollte am Aschermittwoch alles vorbei sein - einiges zu bieten hat "Kamelle" auch und gerade für die Tage danach: nämlich Rezepte für das Katerfrühstück.Fleisch, leb wohl! Helau saurer Hering!

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben