Zeitung Heute : Asien und wir

BERND ULRICH

Wenn Japan derzeit, rein theoretisch, die Teilnahme an der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion beantragen wollte, hätte es keine Chance, aufgenommen zu werden.Es würde die Defizitkriterien bei weitem verfehlen: Die Nettoneuverschuldung Japans beträgt zwölf Prozent, erlaubt wären drei; die Gesamtverschuldung beträgt 105 Prozent des BIP, erlaubt wären nur 60.Der ehemalige Klassenprimus des globalen Kapitalismus steckt knietief in Schwierigkeiten.

Damit hat sich die asiatische Krise, immer im Wechsel zwischen den Tigerstaaten und der wirtschaftlichen Supermacht Japan, um eine weitere gefährliche Umdrehung hochgeschraubt.Und da das Ende offenbar noch nicht erreicht ist, geht eine erneute globale Angst um: Was wird aus China? Wann wird der freie Fall des Yen den staatlicherseits fixierten Yuan mit sich reißen? Auf Dauer, das hat die sowjetische Geschichte gezeigt, kann sich eine politische Währung gegen ökonomische Tatsachen nicht behaupten.Und nicht erst der Absturz der Währung, schon ihre Verteidigung kostet China viel.Dort würde eine Wirtschaftskrise schnell die Versorgungslage berühren und könnte am Ende gar die militärische Zuspitzung auf dem indischen Subkontinent berühren.

Man muß solche Szenarien nicht zuende denken, eine Lehre aber kann man aus der Krise schon jetzt ziehen: Der Westen sollte aufhören, seine asiatischen Träume zu träumen.Japan, so hieß es noch bis vor kurzem, sei den Europäern überlegen.Dort sei man disziplinierter, weniger individualistisch, die Freizeit werde nicht so wichtig genommen.Nun erweist sich die Vorstellung von der Überlegenheit des konfuzianischen Kapitalismus als falsch.

Noch folgenreicher ist die Enttäuschung im Falle Chinas.In dieses Land haben westliche Länder in einem einzigartigen Überbietungswettbewerb viel Geld investiert - und, so darf man vermuten, noch keinen einzigen Pfennig oder Cent Gewinn herausgezogen.Wenn Firmen dort Profite machen, dann weil ihre Heimatstaaten - die Steuerzahler - viele Milliarden zubuttern, Deutschland in den vergangenen beiden Jahren allein sechs Milliarden Mark an Hermesbürgschaften.All das wird investiert, weil man um jeden Preis einen Fuß im gigantischen chinesischen Markt haben will.

Doch das klingt rationaler, als es ist.Wer mit deutschen Vertretern von Wirtschaft und Politik über China spricht, wird den Verdacht eines gewissen Realitätsverlustes nicht los.Beispielsweise werden die vom kommunistischen Regime herausgegeben Wirtschaftsdaten mehr oder weniger geglaubt.Dazu besteht indes keinerlei Anlaß.Wie in der DDR kennen die Obrigkeiten gar nicht alle Zahlen, und die, die sie kennen, fälschen sie, wenn nötig.Man hat sich auch angewöhnt, die Frage der Menschenrechte als eine Art lästiges Nebenproblem zu behandeln, das sich mit dem Wirtschaftswachstum irgendwann von selbst erledigt.Was für eine halsbrecherische These! China ist politisch, moralisch, ökologisch und sozial in einem äußerst labilen Zustand.Die Umweltverschmutzung läßt ganze Städte auf Wanderschaft gehen, weil das Trinkwasser vergiftet ist.Millionen weiblicher Föten und Neugeborener werden getötet und so eine Gesellschaft "überzähliger" Jungmänner gezüchtet.Und über all dem thront eine korrupte Partei.Die Träumereien des Westens resultieren aus Angst und aus Konkurrenzdruck: Nur aus China kann noch Wachstum kommen.Dabeisein ist alles.

Zeit aufzuwachen.China ist kein neues Utopia ewig hohen Wachstums.Man sollte die ökonomischen Erwartungen hier etwas herunterschrauben.Und sich im übrigen auf die eigene Kraft besinnen: europäische Träume träumen und keine asiatischen.

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