Zeitung Heute : Ateliersuche in der Kulturmetropole

Bernd Hettlage

Florian Schöttle ist verschnupft. Und das nicht nur, weil den Berliner Atelierbeauftragten derzeit eine starke Erkältung plagt, sondern weil der neue Senat, so Schöttle, die soziale Stadterneuerung in Zukunft um 80 Prozent zurückfahren will. Das wären anstatt 71,5 nur noch 14 Millionen Euro. Dr. Jochen Hucke, Gruppenleiter für die soziale Stadterneuerung bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, meint sogar, das dieses Programm in Zukunft ganz gestrichen wird und verweist auf die Koalitionsvereinbarung des neuen SPD/PDS-Senats.

Schöttle fürchtet also nicht zu Unrecht um eine der beiden Säulen seiner Atelierbeschaffung. Mit der sozialen Stadterneuerung wurde nämlich bisher auch der Umbau von leerstehenden Remisen und ehemaligen Hinterhofwerkstätten in Atelierwohnungen gefördert. Ohne Subventionen, ist sich der Atelierbeauftragte sicher, gibt es aber keine Investoren für sanierungsbedürftige Gebäude mehr. Es sei denn, die Mietobergrenzen in den Sanierungsgebieten fallen.

Ob Streichung der Förderprogramme oder der Mietobergrenzen - beides wäre fatal für die Künstler. Denn nach Angaben der Künstlersozialkasse (KSK) verdienen Maler und Bildhauer durchschnittlich 650 Euro im Monat. Seit 1990 hat sich daran nicht viel geändert, während in den früher von Künstlern vorwiegend bewohnten Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg die Mieten für Gewerberäume steil anstiegen. Doch 10 oder 15 Euro pro Quadratmeter Miete für ein Atelier können sich nur fünf Prozent aller bildenden Künstler leisten. So stehen im Moment mehr als 2000 Ateliersuchende auf der Warteliste des Atelierbüros im Kulturwerk des Berufsverbands Bildender Künstler Berlin (BBK), dem Arbeitsplatz des Atelierbeauftragten. Dem stehen jährlich etwa 100 bis 120 Angebote gegenüber. Nachgefragt werden vor allem billige Räume unter 300 Euro Miete pro Monat. In dieser Preisklasse, so Schöttle, kämen auf vier Ateliers 100 Bewerbungen.

Über 400 Ateliers hat Schöttle immerhin seit seinem Antritt im Februar 1996 an Berliner Künstler vergeben können. Mehr als die Hälfte kam im Rahmen des Ateliersofortprogramms zusammen, der zweiten Säule der Atelierbeschaffung. 1,23 Millionen Euro stehen dafür im Jahr zur Verfügung, die "in Zusammenarbeit mit den Eigentümern" eingesetzt werden. Schöttle bezeichnet das als "private public partnership".

Ein Beispiel dafür ist ein altes Fabrikgebäude am Treptower Park, in dem früher die "Junge Welt" ihre Redaktionsräume hatte und das deren Verlegern gehört. Stadt und Eigentümer investierten gemeinsam in die oberen Etagen, um Ateliers daraus zu machen. Mit den Künstlern, die in die Räume einzogen, wurden Mietverträge auf zehn Jahre abgeschlossen - für 1,53 Euro netto pro Quadratmeter. Für beide rechne sich das, so Schöttle. Für die Stadt, weil sich eine solche Investition mehr lohne als eine Subventionierung der auf dem freien Markt erzielbaren Mieten - Investitionskosten und Miete zusammen lägen immer noch um 30 Prozent billiger als die Marktmiete. Für die Eigentümer, weil sie ihre Investitionen auf 35 Jahre abschreiben könnten und weil sie die Räume ansonsten sowieso nur schwer hätten vermieten können. Da sich das wohl kaum ändern wird, ist Schöttle sicher, dass die Künstler auch nach Ablauf der Mietverträge im Jahr 2007 zu ähnlichen Preisen in ihren Ateliers bleiben können.

Neben Sofortprogramm und sozialer Stadterneuerung setzt Schöttle aber auch auf "freie" Kooperation von Künstlern mit Eigentümern und Investoren. So geschehen bei der Kunstfabrik am Flutgraben in Treptow, direkt an der Spree gelegen und ehemals ein Genzgebäude zwischen West und Ost, auf dessen Dach die NVA patroullierte. Schöttle schaltete sich in die Mietvertragsverhandlungen zwischen Eigentümern und Künstlern ein und stellte dem Betreiberverein Mittel aus dem Sofortprogramm zur Verfügung, um Brandschutzauflagen zu erfüllen. Mittlerweile will der Verein "Kunstfabrik am Flutgraben e.V." das Gebäude sogar kaufen.

Auch um neue Geldquellen kümmert sich der rührige Atelierbeauftragte. Am 21. November letzten Jahres hielt er zusammen mit dem Goetheinstitut in Berlin eine Marketingveranstaltung ab. Thema: der internationale Künstleraustausch. Eingeladen waren alle ausländischen Vertretungen. Schöttle wollte ausloten, wie groß deren Interesse ist, sich in der Hauptstadt "über Kunst zu präsentieren". Und dafür vielleicht auch Geld zu investieren - in Gastateliers für ausländische Künstler zum Beispiel. In Berlin gibt es davon nämlich nur 35 Stück. Das Interesse sei überraschend groß gewesen, freut sich Schöttle, aber leider hätten hauptsächlich "nicht so betuchte Länder" teilgenommen. Mit der Veranstaltung hat er also eher noch mehr Interessenten für die vorhandenen raren Plätze gefunden.

Schöttles sieht seine Rolle bei solchen Veranstaltungen, bei Projekten wie am Flutgraben und bei der Ateliersvergabe als die eines Vermittlers. Und weil er ja "in Sache der Künstler" unterwegs sei, könne das Atelierbüro zum Beispiel nicht zugleich als Vermieter auftreten. Wenn er Mahnbriefe an die Künstler wegen säumiger Mietzahlungen verschicken müsse, gerate er doch in einen "Zielkonflikt" mit denen. Also hat das Atelierbüro die Vermietung an die Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE) vergeben, einen gemeinnützigen Gebäudedienstleister und Tochter der SPI Servicegesellschaft, die wiederum eine Tochter der SPD-eigenen Arbeiterwohlfahrt ist.

Auch mit der Ateliervergabe an die Künstler hat Schöttle nichts zu tun. Das besorgen zwei Auswahlkommissionen. Zum einen ist das der Beirat für das Ateliersofortprogramm, der sich aus 13 Personen zusammensetzt. Dort sind alle in der bildenden Kunst in Berlin tätigen Institutionen vertreten: unter anderem der BBK, die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), der Kultursenator und die Bezirke. Für die Atelierwohnungen gibt es die so genannte Fachkommission der Künstlerselbstverwaltung. Die besteht ebenfalls aus dreizehn Personen und wird von den Berliner Künstlerverbänden besetzt.

Auf die Kommissionen kommt viel Arbeit zu, denn der Atelierbedarf wird weiter steigen. 1200 der 2000 Suchenden haben sich erst in den letzten zwei Jahren in Schöttles Büro gemeldet. Viele von ihnen sind Zuzügler. Und die braucht Berlin auch, findet der Atelierbeauftragte, denn: "Die Kultur ist doch der Lebensnerv Berlins." Wenn Berlin überhaupt noch Arbeitsplätze bekomme, dann als Dienstleistungsstandort. Dienstleister, die sich entschieden, nach Berlin zu gehen, suchten aber kreative Mitarbeiter und dafür brauche es ein kreatives Umfeld. Und um kreativ zu sein, benötigten die Leute wiederum Arbeitsräume, also Ateliers.

So ähnlich wie Schöttle sieht das übrigens auch der neue Senat: "Vor allem als Kulturmetropole hat Berlin internationale Ausstrahlung und Lebensqualität" steht im ersten Absatz der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und PDS. Aber ob diese Präambel das Atelierbüro vor Sparmaßnahmen bewahren wird?

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