Zeitung Heute : Athen: Geschichte im Untergrund

Horst Schwartz

Mosaike und Marmorbüsten, altertümliche Grabbeigaben, Wasserleitungen und Haushaltsgeräte. Im U-Bahn-Schacht. Wer in der gerade eingeweihten Athener Metro-Station "Akropolis" der Bahn entsteigt, wird unversehens mit der Geschichte konfrontiert. Den Anblick des Parthenon-Tempels hoch oben auf der Akropolis, der seit 1983 mit Millionen-Aufwand restauriert wird, erwartet jeder. Nicht aber, bereits "unter Tage" auf antike Schätze zu stoßen. Attiko Metro, die Betreibergesellschaft der zwei neuen U-Bahn-Linien, hat nicht nur die Station "Akropolis", sondern auch alle anderen Metro-Stationen in kleine Museen umgewandelt.

Obwohl die Athener daran gewöhnt sind, dass bei jedem größeren Bauvorhaben Antikes zu Tage gefördert wird, drücken sie sich an den - vorzüglich dekorierten, beleuchteten und beschrifteten - Vitrinen in den U-Bahnhöfen die Nase platt. Antike Straßen, Werkstätten und Friedhöfe, öffentliche und private Gebäude, Hunderte von Kunstwerken und Tausende Gegenstände, die Kunsthandwerker geschaffen haben, wurden bei Vorbereitungsarbeiten für den U-Bahn-Neubau von 1992 bis 1997 freigelegt. 200 Arbeiter waren im Einsatz, um 30 000 Funde zu sichern und für die Nachwelt zu retten, ehe die Bahntunnel vorgetrieben wurden.

Das Fundmaterial belegt das öffentliche und private Leben der Stadt, religiöse Riten und Bestattungssitten vom 17. Jahrhundert vor bis zum 8. Jahrhundert nach Christus, von Mykenischer Zeit bis zur Byzantinischen Periode. Dazwischen sind das Geometrische, Archaische, Klassische, Hellenistische und Römische Zeitalter durch zahlreiche Funde vertreten. 500 der schönsten und interessantesten Stücke präsentiert die Ausstellung "The City beneath the City" (Die Stadt unter der Stadt), die bis Ende kommenden Jahres im Museum Kykladischer Kunst gezeigt wird und danach auf Wanderschaft gehen soll. "Aller Voraussicht nach wird sie auch nach Berlin kommen", sagt Museumskustos Dimitri Plantsos.

Das Athener Gastquartier, das Museum Kykladischer Kunst, ist ein Unikum in der europäischen Museumslandschaft, die meist hochsubventioniert ist: Es kommt ohne öffentliche Zuschüsse aus. Trägerin des 1986 eröffneten Museums ist die Nikolaos P. Goulandris-Stiftung, die sich die Erforschung und Präsentation der Ägäiskulturen und vor allem der vorgeschichtlichen Kultur des Kykladenraums zur Aufgabe gemacht hat. Es beherbergt rund 1000 Gegenstände kykladischer und antiker griechischer Kunst - Bestände des Sammlers Goulandris und Zukäufe der vergangenen Jahre. Nicht die Tickets der Museumsbesucher sind die größte Einnahmequelle des Privatmuseums, sondern der gut sortierte Museumsshop, in dem hervorragende, aber erstaunlich preiswerte Nachbildungen antiker Kunstwerke verkauft werden. Viele Athener kaufen hier ihre Geschenke ein, vor allem Silberschmuck zur Hochzeit.

Plantsos nennt die Ausstellung ein "Dankeschön an die Athener für die Unannehmlichkeiten während des U-Bahn-Baus". Die Griechen honorieren die vom Kulturministerium mitfinanzierte Ausstellung mit regem Besuch. Das Metro-Projekt, seit Jahrzehnten eine Vision in den Köpfen der Athener Stadtplaner, wird noch ausgeweitet.

Derzeit verkraften die alte, von einer Gesellschaft namens Isap betriebene U-Bahnlinie von Kifissia im Norden Athens bis zum Hafenort Piräus und die zwei neuen Metro-Linien 150 000 Fahrgäste pro Tag. Zum Vergleich: Die Berliner U-Bahnen transportieren am Tag durchschnittlich 1,3 Millionen Fahrgäste. Bis zum Olympiajahr 2004 sollen zwei weitere Athener Metro-Linien die Kapazität auf 350 000 Fahrgäste pro Tag erweitern. Das ist exakt die Zahl, die offiziell an Olympia-Gästen - die "olympische Familie" (25 000 Sportler und Funktionäre) sowie bis zu 22 000 Journalisten eingeschlossen - erwartet wird. "Die Zahl ist viel zu niedrig angesetzt", behauptet Ioannis Synodinos vom Pressebüro des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 2004. Seine "ganz persönliche" Schätzung liegt bei einer Million Olympia-Gästen: "Viele Besucher werden Sport und Tourismus kombinieren." Schon jetzt schnüre man etwa in Israel für 2004 touristische Pauschalreise-Pakete, die den Olympia-Besuch mit Hellas-Ferien kombinieren. Andere Länder, so schätzt Synodinos, werden diesem Beispiel folgen. Griechenland erwartet zum Olympischen Jahr auch viele Besucher, die mit dem eigenen Auto anreisen. Seitdem die Jugoslawien-Krise als überwunden gelte und damit ein klassischer Auto-Anreiseweg wieder zur Verfügung stehe, rechne man schon zur kommenden Saison mit erheblich mehr Autotouristen.

Diese Entwicklung würde dem Olympia-Konzept von einer möglichst autofreien Innenstadt widersprechen. Vor allem der Raum unterhalb der Akropolis mit der Altstadt Plaka und angrenzenden Straßen soll Fußgängerzone werden - auch das ein Uralt-Traum der Stadtplaner. "Mit der neuen Metro ist es kinderleicht, zur Akropolis zu gelangen", nährt Perikles Koukos, frischgebackener Präsident der Hellenic Festival-Gesellschaft, die Hoffnung, dass sich die Befürworter der Fußgängerzonen durchsetzen. Seine Gesellschaft, die vor allem das renommierte Athener Festival betreut, bereitet sich ebenfalls schon auf Olympia vor: Sie wird mit der neugegründeten Kulturolympiade-Gesellschaft eng zusammenarbeiten, die das Sport-Spektakel mit kulturellen Veranstaltungen unterfüttern soll. Das Programm der Kulturolympiade beginnt schon im kommenden Jahr.

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