Atomendlager : Operation Raushole

126 000 Fässer Atommüll lagern im Salzstock Asse. Was soll mit ihnen geschehen?

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Früher wurde der schwach radioaktive Müll einfach den Abhang hinuntergekippt. Heute sind die Lagerkammern mit Beton abgeriegelt. Was dahinter ist, weiß keiner.
Früher wurde der schwach radioaktive Müll einfach den Abhang hinuntergekippt. Heute sind die Lagerkammern mit Beton abgeriegelt....Foto: picture alliance / dpa

Drinnen wird gebrütet, draußen brennt’ s. Fackelträger haben am Donnerstagabend die Braunschweiger Stadthalle umstellt. Drinnen diskutieren Politiker, Atom- und Entsorgungsexperten zwei Tage lang, wie man den Atommüll aus dem Endlager Asse möglichst schnell wieder bergen kann, bevor es zu spät ist dafür, weil das Bergwerk absäuft. Vor der Halle demonstrieren sie für die Abschaltung aller Atomanlagen und natürlich „wegen der Asse“. Damit „die jetzt mit aller Macht das Zeug rausholen“, sagt ein Demonstrant. Damit das Durcheinander aufhört.

Das Durcheinander hatte pünktlich zum Jahreswechsel einen neuen Höhepunkt erreicht. Aus dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das für den Schacht in Remlingen zuständig ist, war ein brisantes „Memorandum“ bekannt geworden. Es stellt die Machbarkeit der heiklen Operation Rückholung infrage.

„Wir sind erschrocken, als wir das gelesen haben“, sagt Regina Bollmeier. Sie ist als Bürgermeisterin der Samtgemeinde Asse eigentlich nicht so leicht zu erschrecken. In dem Memorandum waren die Schwierigkeiten der Bergung pointiert aufgeschrieben und zugespitzt worden:

– Wegen der schwierigen Genehmigungslage und den bergbautechnischen Problemen könnte sich das Rausholen „bis zum Jahr 2040“ hinziehen.

– Das Risiko „unbeherrschbarer Zustände im Grubengebäude“ wächst, der instabile Berg lässt den Ingenieuren keine Zeit mehr.

– Eine Beschleunigung der Rückholung gefährde aber die Sicherheit.

Vor allem der letzte Satz des Papiers muss für die Befürworter der Rückholung, vor allem für BfS-Präsident Wolfram König, wie eine Kampfansage aus seinem eigenen Haus gewirkt haben. „Ich schlage vor“, stand da, „bereits jetzt alle (…) Vorbereitungen für eine Aufgabe des Projekts ‚Rückholung‘ zu treffen.“

Das brisante Papier, von BfS-Abteilungsleiter Michael Hoffmann unterschrieben, wurde auch dem Bundesumweltministerium übergeben, ebenso der Entsorgungskommission. Kurz vor Weihnachten wurde es der Presse zugespielt. Eigentlich sind solche Vermerke nur für den internen Hausgebrauch bestimmt. Nun gibt es dazu zwei Lesarten. Die offizielle lautet, dass die Hausleitung des Strahlenschutzamts das Papier im April in Auftrag gegeben hatte, um Schwachpunkte des Konzepts Rückholung zu analysieren und intern zu beraten. Die andere Lesart sieht den Vermerk eher als Eigeninitiative von BfS-Experten, die sich ihren Frust über die Rückholung vom Leib geschrieben haben.

Der Wolfenbütteler Landrat Jörg Röhmann liefert in der Braunschweiger Stadthalle noch eine dritte Interpretation: „Das Memorandum ist doch ein Hilferuf, weil es so nicht weitergehen kann“, sagt er unter kräftigem Applaus.

Röhmann, SPD-Mitglied, ist einer der engagiertesten Befürworter der Rückholung, er fordert mehr Mut, um das Verfahren zu beschleunigen. Im Notfall müsse eben auch der Notfallparagraf des Atomgesetzes zur akuten Gefahrenabwehr angewandt werden. Damit spricht er den Anwohnern aus dem Herzen. Die sehen sich unkalkulierbaren Folgen ausgesetzt, wenn der nukleare Müll tief unter ihnen irgendwann nicht mehr zugänglich sein sollte. Jetzt stehen sie in Schlangen vor den Saalmikrofonen, sagen nicht nur ihren Namen, sondern auch gleich die Entfernung ihres Wohnsitzes zum Atommülllager. 1,6 Kilometer, fünf, sechseinhalb – die meisten wohnen in unmittelbarer Nähe zum Schacht, und alle wollen klare Verhältnisse.

Gegner des Evakuierungskonzepts melden sich nicht zu Wort. Auch BfS-Mitarbeiter vertreten jetzt alle brav die Hauslinie – die Abfälle so schnell und sicher wie möglich zu bergen. Es ist, als hätte das Memorandum die gegenteilige Wirkung dessen erzielt, was beabsichtigt war. Das Memorandum als Wachmacher. Alle sind jetzt erst recht für Tempo und Beschleunigung. Der Saal brodelt vor Einigkeit. Staatssekretärin Ursula Heinen-Esser vom Bundesumweltministerium gibt der Rückholung „allererste Priorität“, und auch ihre neue niedersächsische Kollegin Ulla Ihnen will „alles tun, um die Zeitbedarfe zu verkürzen“.

Der Einzige, der stört, ist nicht anwesend. Atomexperte Michael Sailer vom Öko-Institut, Vorsitzender der Entsorgungskommission und Berater von Umweltminister Röttgen, ist ein Gegner der Rückholung. Er ist nicht nach Braunschweig gekommen. Nicht nur Landrat Röhmann fühlt sich von Sailer provoziert: „Es ist unerträglich, wenn der wichtigste Berater des Umweltministers seine Teilnahme verweigert und mal wieder kneift“, wettert er. Andere, an den Saalmikrofonen, werfen Sailer noch anderes vor: Anstatt sich hier der Diskussion zu stellen, gebe er von oben herab kluge Ratschläge.

Aber auch ohne Sailers Einwände sind die Risiken der Bergungsaktion in der Stadthalle von Braunschweig allgegenwärtig. Hauptproblem ist weiter der unkontrollierte Zufluss von täglich 12 000 Liter Wasser in das Atommülllager sowie ein instabiler Berg. Vor allem die Südflanke ist gefährdet, Rissbildungen und weitere Wassereinbrüche drohen. Immerhin: „Ein spontaner Zusammenbruch der Asse ist auszuschließen“, sagt BfS-Experte Michael Siemann, das „Absaufen“ der Anlage sei das weit größere Risiko. Die Zeit drängt also, wenn man die 126 000 Fässer rausholen will.

Zwischen 4. April 1967 und 31. Dezember 1978 ist in dem früheren Salzbergwerk Atommüll eingelagert worden, aber auch Giftmüll, Arsen und verstrahlte Tierkadaver gehören zum Inventar. In 13 Kammern wurde der Atommüll in Fässern abgeladen, teilweise betonummantelt, teilweise aus einfachem Blech. Das geschah anfangs geordnet, später in Wildwestmanier, in „freier Sturztechnik“, so der wissenschaftliche Begriff, wurden die radioaktiven Abfälle die Abhänge hinuntergekippt, Salz darüber. „Einpökeln“, sagten die Arbeiter – und grinsten.

Nachdem der Skandal um die Asse 2008 herausgekommen und dem Betreiber des Lagers, der renommierten Helmholtz-Gesellschaft, die Verantwortung entzogen war, hat sich das BfS als neuer Hausherr im Januar 2010 mit dem Bundesumweltministerium auf die Rückholung der Abfälle verständigt.

Der Boden ist aus PVC und leicht zu dekontaminieren. Nur in einem Bergwerg wurde sowas bisher noch nicht verlegt.
Der Boden ist aus PVC und leicht zu dekontaminieren. Nur in einem Bergwerg wurde sowas bisher noch nicht verlegt.Foto: dpa

Man hätte die Anlage auch mit Flüssigbeton und Magnesiumchlorid fluten und so das Bergwerk einschließen können. Aber der Beton würde die Atomkammern nicht wie ein Sarkophag umschließen, sondern nur in der Mitte des Bergwerks einen harten Kern bilden. Auch die Umbettung der Fässer in tiefere Schichten wurde verworfen. Seitdem gilt die Rückholung als verantwortlichste Variante, um Langzeitsicherheit herzustellen. So sieht es BfS-Präsident Wolfram König. Er ist Mitglied der Grünen, er steht doppelt unter Druck. Muss er doch zeigen, dass man verantwortlich und transparent mit den atomaren Hinterlassenschaften umgeht.

Die Vorbereitungen dafür sind angelaufen. Stolz zeigen Arbeiter im Sommer Kammer sieben, 750 Meter unter Tage. Der Eingang ist zubetoniert, glänzt silbern im Kunstlicht des Bergwerks. Alles ist akkurat verputzt. Doch hinter der 20 Meter dicken Betonbarriere liegen 4200 Fässer leicht radioaktiven Mülls. Vor der Betonwand ist ein Spezialfußboden verlegt, der im Notfall leicht zu dekontaminieren wäre. Jetzt sind auch noch Schleusen und Arbeitscontainer für die Techniker aufgestellt worden. Und die martialische Bohranlage steht bereit. Es ist der schönste Platz in diesem riesigen unterirdischen Fuchsbau namens Asse, der sich spiralförmig wie in einem Parkhaus nach unten windet.

Schon im Spätherbst sollte Kammer sieben angebohrt werden. Dann wollten die Techniker durch ein 140 Millimeter großes Loch die Radioaktivität messen und per Kamera einen Blick hinein werfen. Wie stark sind die Fässer vom Bergdruck zerquetscht und vom Rost zerfressen? Gibt es Laugenzuflüsse? Kann man die Abfälle ohne große Strahlungsrisiken überhaupt herausholen? In welchem Zustand sind sie? Die Bohrungen sollten erste Antworten geben.

Doch der Zeitplan ist aus dem Ruder gelaufen. Vom niedersächsischen Umweltministerium, der zuständigen Genehmigungsbehörde, kamen immer neue Auflagen. Die Asse-Bürgerinitiativen und auch Beamte des BfS kritisieren, dass Hannover auf Zeit spielt. Die Bergung der Abfälle könnte nach dem Atomgesetz buchstäblich zu Tode genehmigt werden. In dem Ministerium sitzen trotz eines Ministerwechsels teilweise noch dieselben Fachbeamten, die zu Helmholtz-Zeiten die skandalösen Praktiken mit zu verantworten hatten. Mit einer „Lex Asse“, einem speziell auf die Rückholung zugeschnittenen Gesetz, das nun auch der neue Umweltminister Stefan Birkner fordert, könnte man Tempo machen. Aber seinen Mitarbeitern könnte die Versiegelung des Bergwerks lieber sein als eine Rückholung, bei der vielleicht weitere Rechtsverstöße ans Tageslicht kommen. „Wenn die Fässer rauskommen, wird man sehen, was man uns untergejubelt hat“, sagt Udo Dettmann von der Bürgerinitiative „AufpASSEn“.

Wie große, graue Raupen liegen in der Asse vier Betonmischanlagen, die sündhaft teuren Spezialbeton anrühren. Der wird in 80 Hohlräume gepumpt, um die Standfestigkeit zu verbessern. Dem Berg, der sich Jahr für Jahr etwa zehn Zentimeter bewegt, soll ein Riegel vorgeschoben werden, er soll endlich Ruhe geben.

Keine Ruhe geben die Anwohner. Sie warten noch auf eine Antwort der Bundeskanzlerin. Von Angela Merkel hatte die Samtgemeinde in einem Brief finanziellen Ausgleich verlangt für den entstandenen Imageschaden und „die realen und emotionalen Belastungen“. Der Wertverfall der Grundstücke, das Scheitern touristischer Ambitionen und ein Ausbluten der Region werden beklagt.

Mit der Rückholung des Atommülls, sollte sie denn funktionieren, ist das Imageproblem für die Gemeinde aber noch nicht gelöst. Dann muss in der Nähe des Schachts ein riesiges Zwischenlager gebaut werden und eine „Konditionierungsanlage“ zur neuen Aufbereitung und Verpackung der Abfälle. Die Region wird noch lange damit leben müssen.

Wenn in der Asse Gold und Diamanten lägen, ginge alles sehr viel schneller, sagt ein Diskutant ins Braunschweiger Saalmikrofon. Da sind draußen schon die Fackeln abgebrannt, und drinnen werden Schlussworte formuliert. Staatssekretärin Heinen-Esser verspricht „glasklare rechtliche Regelungen“ zur Rückholung. Landrat Röhmann gibt den Optimisten: „Eigentlich kann es doch heute in einem Land wie Deutschland kein Problem mehr sein, leicht und mittel radioaktive Abfälle zu lagern.“ Eigentlich.

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