Atomkraft : Welche Folgen hat der Vorfall in Krümmel?

Zwei Pannen innerhalb weniger Tage: Das Atomkraftwerk Krümmel wurde wieder heruntergefahren. Welche Folgen hat das?

Dagmar Dehmer[Dieter Hanisch],Stephan Haselberger
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Foto: dpa

Nur zwei Wochen schaffte es das schleswig-holsteinische Atomkraftwerk Krümmel, seinen Betrieb nach langer Stilllegung aufrechtzuerhalten. Dann folgten innerhalb kurzer Zeit zwei Störfälle. Der jüngste Zwischenfall ereignete sich am Samstag und führte in Hamburg sowie Schleswig-Holstein zu Stromausfällen, Wasserrohrbrüchen und Störungen im Notrufsystem.



Was ist in dem AKW passiert?

In einem Transformator hat es am Samstag einen Kurzschluss gegeben. Nach einem ähnlichen Vorfall 2007 geriet ein baugleicher Transformator in Brand. Der jetzige Kurzschluss am 1976 gebauten Trafo lässt an der Zuverlässigkeit des Bauteils zweifeln. Der Geschäftsführer der Atomsparte bei Vattenfall, Ernst Michael Züfle, sagte am Sonntag in Hamburg, dass ähnlich wie beim Großbrand 2007 erneut Öl im Transformator ausgetreten war; offenbar hat es nach dem Kurzschluss auch wieder einen Lichtbogen gegeben. Schlimmstenfalls hätte es dadurch erneut zu einem Brand kommen können. Züfle gab zu, dass nach der Schnellabschaltung im Innenkreislauf des Meilers eine erhöhte Strahlung im Reaktorwasser festgestellt wurde.

Wie wurde der Vorfall publik?

Wie 2007 ist Vattenfall auch diesmal wegen seiner Informationspolitik massiv unter Druck geraten. Der jüngste Zwischenfall wurde auf Umwegen über die Polizei vor Ort zur Leitstelle in Kiel und von dort zum Innenministerium weitergemeldet, welches das atomrechtlich verantwortliche Sozialministerium informierte. Eigentlich muss Vattenfall die Atomaufsichtsbehörde umgehend direkt informieren. Warum das nicht geschehen ist, konnte Züfle am Sonntag nicht erklären. Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) will die Zuverlässigkeit des Betreibers erneut überprüfen lassen. „Die Kommunikation ist dabei nur ein kleiner Baustein“, sagte sie. Bundesweit müssen nun ähnliche Transformatoren überprüft werden. Trauernicht sagt: „Für mich heißt das in letzter Konsequenz erneuern statt reparieren.“ Züfle sagte, das werde geprüft. Weil es für die Lieferung von Transformatoren Wartezeiten gibt, weiß derzeit kein Vattenfall-Verantwortlicher, wie lange Krümmel diesmal abgeschaltet bleibt.



Welche Folgen hatte der Störfall?

Für zahlreiche Stromnetze hatte das Herunterfahren des Reaktors gravierende Auswirkungen. So fielen in Hamburg fast alle Ampeln aus. Einkaufszentren und Industriebetriebe am Hafen beklagten ebenfalls Ausfälle. Inwieweit es sogar zu Störungen in den Wassernetzen der Hansestadt gekommen ist, vermochte Vattenfall nicht zu beurteilen. Radio Hamburg meldete ebenfalls kurzzeitig Sendeausfall. Selbst in Schleswig-Holstein gab es in Richtung Norden bis nach Kiel Probleme bei Ampeln und Wasserpumpen. Die Rettungsleitzentrale des Kreises Segeberg beklagte einen Funkausfall von über zwei Stunden. Womöglich muss sich Vattenfall nun sogar noch Schadensersatzforderungen stellen.

Welche Geschichte hat das AKW Krümmel?

Das Atomkraftwerk Krümmel ist der letzte Siedewasserreaktor der Baureihe 69 in Deutschland. Siemens hatte die Anlagen 1969 konzipiert. Das Kraftwerk wurde zwar erst 1984 ans Netz genommen, erwies sich aber als besonders anfällig. Bis 2007 hat es in Krümmel rund 300 „meldepflichtige Ereignisse“ gegeben. Am 28. Juni 2007 schließlich gab es einen Brand in einem der beiden Transformatoren des Kraftwerks, in der Folge kam es zu einer Reihe von organisatorischen Mängeln. Seither stand der Meiler still. Erst am 19. Juni 2009 gab die Atomaufsicht Schleswig-Holstein Vattenfall die Genehmigung, das Kraftwerk wieder anzufahren. Doch schon am Mittwoch vergangener Woche kam es erneut zu einem Zwischenfall, bei dem ein Ventil nicht rechtzeitig geöffnet wurde. Und am Samstag schließlich fiel erneut ein Transformator in Krümmel aus. Der Atomexperte der Deutschen Umwelthilfe (DHU), Gerd Rosenkranz, sagte dem Tagesspiegel: „Die Reaktoren werden nicht besser, wenn sie altern.“ Dabei sei Krümmel „gar nicht so alt“, fügte er hinzu. Offenbar sei es schwierig, moderne Elektronik mit älteren Bauteilen zu verbinden.

Welche Sicherheitsrisiken gibt es noch?

Gerd Rosenkranz weist in einem Text für das DUH-Umweltmagazin „Zeo2“ darauf hin, dass Sicherheitsfachleute seit 17 Jahren an einem Problem arbeiten, das 1992 im schwedischen AKW Barsebäck erstmals aufgefallen war. Damals war Wasserdampf durch ein Leck geschossen und hatte innerhalb kurzer Zeit rund 200 Kilogramm Dämm- und Fasermaterial von Rohrsystemen abgelöst. Reste davon verstopften anschließend wichtige Siebe. Das Problem sei laut Rosenkranz auch in deutschen Reaktoren nicht gelöst und könnte sogar zu einer Kernschmelze, dem größten anzunehmenden Unfall (GAU) führen. Am Wochenende erließ Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) eine atomrechtliche Weisung an die Atomaufsicht Niedersachsen, bis Mitte Juli die fehlenden Nachweise über die Beherrschung des Problems in den dortigen drei Atomkraftwerken zu liefern. Zuvor war Landesumweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) nicht zu einem Sicherheitsgespräch mit der Atomaufsicht des Bundes erschienen. Eine Sprecherin Sanders bezeichnete den Vorgang als „Muskelspiele im Vorwahlkampf“. Gabriel sagte dem Tagesspiegel dagegen: „Mit seinem verfassungswidrigen Verständnis von Atomaufsicht wird Herr Sander zum untragbaren Sicherheitsrisiko.“

Die Atomkraftwerke Biblis A und B sowie Krümmel standen in den vergangenen zwei Jahren auch länger still, weil in allen drei Kraftwerken Dübel falsch verschraubt worden waren und richtig gesetzt werden mussten. Erst vor einem Jahr war es zudem im AKW Philippsburg 1 zu einem Zwischenfall gekommen, der auf der internationalen Bewertungsskala mit eins eingestuft wurde und damit der schwerwiegendste Vorfall im vergangenen Jahr war. Immer wieder gibt es Probleme mit der Sicherheitskultur. Die Mitarbeiter werden mit ihren Meilern älter und haben aufgrund ihrer Erfahrung den Eindruck, Störfälle beherrschen zu können. Außerdem fehlt es an wissenschaftlichem und technischem Nachwuchs.

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