Atommüll-Transport : Kein Grund zu strahlen

Der Protest rund um Gorleben war viel größer als erwartet. Erlebt die Anti-Atomkraftbewegung eine Renaissance?

Ruth Ciesinger,Juliane Schäuble
Gorleben
Proteste gegen Atommüll. -Foto: dpa

Am 22. Februar 1977 gab Ernst Albrecht, Niedersachsens damaliger CDU- Ministerpräsident, bekannt, dass der Salzstock in Gorleben als Endlager für radioaktiven Müll aus Kernkraftwerken genutzt werden solle. Zu den ersten Gegendemonstrationen drei Wochen später kamen bereits 20 000 Menschen; im Frühjahr 1980 bauten Atomkraftgegner auf dem Erkundungsstandort ein ganzes Hüttendorf auf. Allerdings wurde die „Republik Freies Wendland“ bald darauf wieder von der Polizei geräumt.

Nach dem Atomkonsens, den die rot- grüne Bundesregierung im Jahr 2000 mit der Atomindustrie aushandelte, wurden die Proteste in Gorleben auch gegen die Atommülltransporte in das inzwischen dort bestehende Zwischenlager geringer. Vor rund zwei Jahren gingen dort gerade einmal mehr 5000 Protestler auf die Straße. Und im Sommer dieses Jahres waren bei einer Umfrage der Meinungsforscher von Infratest Dimap nur noch rund die Hälfte der Befragten für den beschlossenen Atomausstieg. Die steigenden Energiekosten und auch die Klimadiskussion wirkten sich aus.

Dass nun am Wochenende 16 000 Menschen gegen die neue Lieferung aus der Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague nach Gorleben demonstrieren würden, hatten selbst die Veranstalter nicht erwartet. „Wir sind sehr motiviert und freudig überrascht“, sagt Horst Blume. Der 53- Jährige ist Atomkraftgegner der ersten Stunde und war bei den Protesten „natürlich“ mit dabei. Im westfälischen Hamm, wo seit Anfang der 70er an einem Atomkraftwerk gebaut wurde, gründeten Blume und seine Mitstreiter 1976 eine Bürgerinitiative – die im Kampf gegen die Kernenergie bis heute aktiv ist. „Nach dem Skandal von Asse sind die Menschen wieder sensibel für die Gefahren der Kernkraft“, erklärt Blume die überraschend hohe Beteiligung an den Protesten. Im niedersächsischen Forschungsendlager Asse sind rund 1300 Fässer mit mittel- und schwachradioaktivem Müll und mehrere Kilogramm Plutonium eingelagert. Inzwischen wurde aber bekannt, dass in den Salzstock täglich Mengen von Sickerwasser eindringen – und die ehemalige Schachtanlage vom Einsturz bedroht ist. Das entfachte die Ängste vor Gorleben neu, wo nach den Plänen aus den 70ern in dem Salzstock ein Endlager entstehen soll. Organisationen wie Greenpeace oder BUND sprechen bereits von einer Renaissance der Anti-Atomkraftbewegung.

Backhaus: Dir Frage der Endlagerung muss endlich geklärt werden

In letzter Zeit, so sagt Renate Backhaus vom Umweltverband BUND, sei „einiges zusammengekommen“: Union und FDP machten sich für längere Laufzeiten und ein Ende des Atomkonsenses stark. Das würde bedeuten, dass Atomkraftwerke länger als bis zum Jahr 2022 am Netz bleiben könnten – und dementsprechend länger radioaktiver Abfall produziert würde. Zudem hätten die Probleme mit Asse gezeigt, dass die Lagerung in einem Salzstock eben keine hundertprozentige Sicherheit bedeute.

Auch die Politik hat die Brisanz des Themas erkannt. „Seit die Grünen nicht mehr in der Regierung sind, sind sie wieder aufgewacht“, sagt Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. „Aber auch SPD und Linke gesellen sich dazu – und positionieren sich bereits für den 2009 anstehenden Bundestagswahlkampf.“ Die hohe Beteiligung an den Demonstrationen habe ihn nicht überrascht, sagt der Protestforscher. „Immerhin ist der Ausstieg vom Ausstieg ja schon fast wieder angesagt.“ Das habe viele Menschen erschüttert, gerade auch Jüngere.

Renate Backhaus ist begeistert, dass „so viele junge Menschen“ protestiert haben, es sei eben „nicht nur ein Familientreffen“ der alten Atomkraftgegner gewesen. Die Jungen seien sich bewusst, dass gerade die Frage der Endlagerung sie und kommende Generationen besonders betreffe. Schließlich ist das hochgiftige Plutonium in den abgebrannten Brennstäben selbst nach 24 000 Jahren erst zur Hälfte zerfallen. „Die Jungen merken jetzt, wohin die Reise geht“, sagt Blume. „Unser Reaktor in Hamm, der 1989 stillgelegt wurde, strahlt immer noch.“

Den Vorwurf, die Anti-Atomkraftbewegung kümmere sich nicht darum, was mit dem schon angefallenen Müll passieren soll, lässt Blume nicht gelten. „Wir wollen alle Atomkraftwerke so schnell wie möglich abschalten. Danach können wir in Ruhe darüber nachdenken, was mit dem Müll passieren soll.“ Backhaus dagegen betont, die Frage der Endlagerung müsse endlich geklärt werden – aber in einer offenen Form, in der auch die Bevölkerung miteinbezogen werde. Außerdem müsse die Eignung verschiedener Standorte und Gesteine bewertet werden – nicht nur Salz und nicht nur Gorleben.

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