Zeitung Heute : Attraktive Offensivliteratur

Schriftsteller Jochen Schmidt wird melancholisch: Literatur ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Früher träumten Kinder davon, später große Schriftsteller zu werden. Man traf sich auf der Straße, um sich seine Texte vorzulesen und neue rhetorische Tricks zu zeigen. Heute hingegen ist alles nur noch Kommerz. Allein: Was hat das mit Fußball zu tun?

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Welcher Mann hat als Kind nicht davon geträumt, ein großer Schriftsteller zu werden? Wenn man sich auf den Plätzen im Viertel traf, um sich seine Texte vorzulesen oder um die spannendsten Szenen des letzten Schriftstellerkongresses nachzuspielen, brannte man darauf, später einmal dazuzugehören, und gab sich den Namen seines Lieblingsschriftstellers. Während die Mädchen von einer Bank neben dem Platz aus zusahen, führten die Jungs die neuesten rhetorischen Tricks vor, die sie sich von den Großen abgeschaut hatten. Zum Geburtstag wünschte man sich genau so eine Strickjacke, wie sie Günter Grass immer beim Schreiben trug, abends nahm man die neue Literaturgeschichte mit ins Bett und sah sich immer wieder die Fotos der Autoren an.

Der Fan ist die Seele der Literatur, das sollten die professionellen Schriftsteller nie vergessen. Für manche Verlage, die zu glauben scheinen, ohne Leser auskommen zu können, wird es womöglich ein böses Erwachen geben. Die Literatur lebt vom kleinen Mann, der an jedem Sonnabend bei Wind und Wetter in die Bibliothek geht, um sich die neuesten Bücher durchzulesen und sich von seinem Alltag abzulenken.

Aber die Literatur verkommt heute immer mehr zum Geschäft, es zählt nur noch das Geld. Die großen Verlage investieren nicht mehr in den Nachwuchs, lieber verpflichtet man gestandene Autoren aus dem Ausland. Es sind in Deutschland schon Romane erschienen, in denen keine Zeile mehr von einem deutschen Autor stammte. Die Rechnung dafür zahlen wir bei den internationalen Literaturwettbewerben, wo der Mythos der Unbesiegbarkeit deutscher Texte längst der Vergangenheit angehört. Deutschland ist auf dem besten Weg, ein Literaturzwerg zu werden. Seit Jahren haben wir keinen Autor von internationalem Format mehr hervorgebracht. Zudem hat der Literaturbetrieb es nicht verstanden, die nachfolgenden Generationen unserer Gastarbeiter zu integrieren. Die meisten türkischen Jugendlichen schreiben ihre Texte deshalb lieber für die Türkei, obwohl sie in Deutschland geboren sind.

International sind die Deutschen nur noch bekannt für ihre Kritiker. Aber wollen wir wirklich eine Nation von Kritikern sein? Zumal es ohne Literatur gar keine Kritiker gäbe. Einen guten Kritiker erkennt man daran, dass man ihn gar nicht bemerkt. Die italienische, englische und spanische Literatur sind uns um Meilen voraus. Die deutschen Verlage behaupten, die Italiener bekämen mehr Geld vom Fernsehen und seien deshalb beim Wettbieten um die großen Autoren im Vorteil. Und in England verzerre der Einfluss finanzstarker russischer Ölmagnaten den Wettbewerb. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Jeder weiß, dass Geld keine Texte schreibt. Die anderen Nationen haben die modernere Literaturphilosophie. In Deutschland muss ein generelles Umdenken einsetzen. Wir haben uns zu lange auf den Erfolgen ausgeruht und die Entwicklung verschlafen. Man schreibt lieber auf Sicherheit, statt dem Publikum attraktive Offensivliteratur zu bieten.

Die deutsche Literatur ist zu statisch. Die Autoren trennen sich zu spät vom Wort. Statt nach vorne zu schreiben und die Pointe zu suchen, wird der Text in die Breite gezogen. Zudem gibt es kaum virtuose Techniker, viele haben eklatante Mängel im Umgang mit dem Wort. Früher haben wir unsere sprachlichen Defizite mit körperlicher Robustheit ausgeglichen, aber auch da haben die anderen Nationen aufgeholt. In England wird inzwischen ein viel höheres Tempo geschrieben als bei uns, und jeder Autor ist dort in der Lage, auf hohem Niveau 90 Minuten durchzuschreiben.

Wir müssen den Spaß am Text wieder entdecken. Wenn nur noch das Geschäft zählt, bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Die jungen Autoren werden von ihren Verlagen sich selbst überlassen und sind dem Einfluss dubioser Agenten ausgesetzt. Schon in jungen Jahren Millionäre, sind sie charakterlich noch nicht gefestigt. Aber es sind Menschen und keine Maschinen. Es geht nicht an, wenn ein Autor für seinen Verlag 70 Romane im Jahr schreiben muss, Depressionen sind die Folge. Das Publikum erwartet das Spektakuläre. Man kann aber nicht immer schön schreiben. Man muss auch einen mittelmäßigen Roman erfolgreich über die Bühne bringen. Schließlich schreibt man nur so gut, wie der Wortschatz es zulässt. Wichtig ist doch, dass am Ende die Seitenzahl stimmt.

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