Zeitung Heute : Auch auf analogen Leitungen ISDN-Feeling genießen

HOLGER SCHLÖSSER

Nach der Einigung auf einen Standard steht dem Siegeszug der schnellen Modems nichts mehr im Wege / Erste Provider ziehen mitVON HOLGER SCHLÖSSERWer im Internet auf die Datenreise geht, lernt schnell, daß "surfen" der falsche Begriff für diese Tätigkeit ist.Oft tröpfeln die Bits nur durch die Telefonleitung, und wer nicht gerade über einen ISDN-Anschluß verfügt, übersetzt WWW gemeinhin mit "World Wide Wait".Dem soll mit einer neuen Modemtechnologie ein Ende bereitet werden.Wegbereiter waren die Firmen Rockwell und US Robotics, die mit der sogenannten K56-Technologie Datenübertragung mit Geschwindigkeiten bis zu 56 000 Bits pro Sekunde ermöglichten, nahezu eine Verdopplung der Geschwindigkeit im Vergleich zu herkömmlichen Modems, die in der Regel 28 000 Bits in der Sekunde schaffen.Lange Zeit gab es nur ein Problem: Die beiden Firmen standen jeweils für zwei untereinander nicht kompatible 56K-Technologien: X2 von US Robotics und K56flex von Rockwell.Eine mißliche Situation, denn der verunsicherte Anwender ließ die Geräte im Regal liegen und blieb entweder beim Altbewährten oder stieg gleich auf ISDN um.Was nutzt schließlich ein neues Modem, wenn der eigene Provider das der Konkurrenzfirma verwendet und damit allen Geschwindigkeitsträumen den Garaus macht?Ende letzten Jahres wurde das Kriegsbeil begraben.Weltweit einigte sich die Mehrzahl der Modemhersteller auf den K56-Standard, der heute unter der Bezeichnung V.90 firmiert.Den Absatzkurven kann das nur gut tun.Und so frohlocken bereits die ersten Anbieter.Elsa plant beispielsweise für dieses Jahr die Produktion von einer halben Million 56K-Geräte."Mit Datenraten von 56 000 bit/sec über analoge Leitungen ist die mit Modems realisierbare Geschwindigkeitsgrenze für dieses Jahrtausend erreicht", erklärt Heiko Harbers, verantwortlicher Geschäftsbereichsleiter für Modemtechnologie bei Elsa.Wer bereits ein X2- oder K56flex-Modem auf dem Schreibtisch zu stehen hat, kann dies in der Regel bequem und kostenlos auf V.90 aufrüsten.Entsprechende Updates sind über die Webseiten der Modem-Hersteller zu beziehen.Die aktuelleren Geräte wurden zu diesem Zweck mit einem Flash-ROM-Speicher ausgestattet.In diesen Speicher wird einfach die neue Software geladen.Das gibt die Sicherheit, daß ein Update auch in Zukunft schnell und problemlos vorgenommen werden kann.Auf den Internetseiten des Modemanbieters wird man mit den neuesten Treibern versorgt.Die erforderliche Datei für das "V.90"-Update für Elsas MicroLink 56K ist seit dieser Woche im Netz abrufbar.Anwendern, die das ältere Modell, das MicroLink 33.6TQV future-Modem, einsetzen, bietet das Unternehmen die Möglichkeit, ihr Modem bei einer Zuzahlung von 99 Mark in die Highspeed-Variante 56K umzutauschen.Während im Geschäftsbereich der Trend in Deutschland weiterhin in Richtung ISDN gehen wird, ist die neue Modemtechnologie für den Heimanwender interessant.Ohne die Mehrkosten eines ISDN-Anschlusses und ohne Umstellung seiner bestehenden Anwendungen kann er die Download-Geschwindigkeit im Internet deutlich erhöhen.Gerade im World Wide Web mit seinen Grafiken, Video- oder Audio-Dateien zahlt sich das durch geringere Wartezeiten etwa beim Seitenaufbau aus.Die tatsächlichen Übertragungsraten, die mit der neuen Modemtechnologie erreicht werden können, hängen jedoch wesentlich von Qualität und Länge der Telefonleitung ab.In der Praxis kommen meist Verbindungen mit etwa 50 000 bps zustande.Die Tests diverser Computerzeitungen, etwa von PC Professionell bestätigen, daß Downloadraten von 40 000 bis 50000 Bits pro Sekunde erreichbar sind.Im Vergleich zum älteren "V.34-Standard", den die meisten Modems verwenden, stellt dies noch immer eine spürbar schnellere Übertragungsrate dar.Hinzu kommen wesentlich stabilere Verbindungen zum Provider, so daß Unterbrechungen, etwa beim Abrufen der E-Mails, seltener werden.Eine Eigenart der Technologie ist, daß für die Kommunikation vom Benutzer in Richtung Provider weiterhin die Standardgeschwindigkeit von 33 600 bit/sec genutzt wird.In der Praxis bedeutet dies allerdings kaum Beschränkung, da das Datenaufkommen in dieser Richtung geringer ist.Als Bremse des Geschwindigkeitsrausches stellt sich oft das eigene Tor zum Internet heraus, denn der Provider muß den neuen Standard ebenfalls unterstützen und V.90-Gegenstellen anbieten.Wer umsteigen möchte, sollte sich zuvor von diesem versichern lassen, daß er die Technologie auch unterstützt.Doch mit der Verbreitung der neuen Modemgeneration wird auch der Druck auf diese Branche zunehmen.Als bundesweit erster Provider, der die Technologie seinen Kunden anbietet, hat sich der Berliner Anbieter Snafu hervorgetan.Aber auch bei den großen tut sich was.Nachdem CompuServe die X2-Modemtechnologie von US-Robotics bereits an mehreren Standorten unterstützt, plant der Onlinedienst nun, die Einwahl mit dem Modemstandard V.90 noch in diesem Jahr einzurichten.Ähnliches gilt für T-Online und AOL.

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