Zeitung Heute : Auch beim Grillen am Ball bleiben

DOMENICA FRIEDEL

Eigentlich sind die Berliner ja unterhaltungselektronisch gewappnet für das heutige erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei dieser Fußball-WM.Im Schnitt gehören zwei Fernsehgeräte zum Inventar jedes Haushalts.Dennoch liefen viele Fußballfans auch in diesem Jahr wieder in die Läden - hauptsächlich in die großen Geschäfte.

"Enorme Umsatzsteigerungen" seien seit etwa zwei Wochen zu verzeichnen, sagt Torsten Isigkeit von Saturn am Alexanderplatz.Vor allem im Kleingerätebereich sei die Nachfrage stark gestiegen.Stärker als sonst im Juni - Fachbegriff: "Laubensaison" - ohnehin üblich.Für viele ist die WM Anlaß, sich ein kleines transportables Dritt- oder Viertgerät anzuschaffen.Man will ja schließlich auch beim Grillen im Garten oder auf Reisen im Wohnmobil am Ball bleiben.

Auch große Bildröhren ab 70 cm Diagonale aufwärts würden mehr verlangt als im Vergleichzeitraum des Vorjahres, sagt André Karstens vom Mediamarkt in Neukölln.Und Projektoren für Leinwände vor allem von Gastwirten.Als spätester Liefertermin wurde dabei ausdrücklich der Sonnabend vor dem Spiel Deutschland gegen USA verlangt.Enttäuschung dagegen über die Breitbildgeräte.Da diese WM noch nicht in dem neuen Format 16:9 übertragen wird, kann die WM hier auch nicht den Umsatz ankurbeln.Diese Umstellung zur WM wurde verschlafen, bedauert der Vorsitzende des hiesigen Radio- und Fernsehverbandes, Dieter Firschke.

Insgesamt scheint der Anstieg der Verkaufszahlen vor "France 98" jedoch schwächer zu sein als vor vier Jahren.Da macht sich die Marktsättigung dann doch bemerkbar.Generell verliere die Unterhaltungselektronikbranche zu Zeit rund 10 Prozent an Umsatzvolumen, sagt Achim Schulz, der Geschäftsführer von "Sound & System" am Alexanderplatz.

Man müsse durch Werbung mit WM-Angeboten "etwas nachhelfen", um die Umsätze in die Höhe zu treiben, erklärt Karsten Friedrich vom Schauland in Spandau.Viele Läden starten jetzt eine Preisoffensive, um Kunden durch Billigangebote in die Läden zu locken.Leider laufe die Vermarktung von Unterhaltungselektronik heutzutage nur noch über den Preis, nicht über den Service, so Gernot Bazin, Geschäftsführer des Gesamtverbandes des Berliner und Brandenburger Einzelhandels.Die Leute warten eher auf billige Produkte, als bei Bedarf gleich zu kaufen.Das sei ein Problem für den Einzelhändler, der könne mit den Dumpingpreisen der großen Geschäfte nicht mithalten.Daß der bessere Service des Einzelhandels sich bezahlt macht, merke der Kunde erst, wenn die erste Reparatur am neuen Gerät fällig ist, weiß Bazin aus diversen Beschwerde-Anrufen.Eine Woche vor Beginn der Spiele herrschte bei den Einzelhändlern demnach auch noch eine eher pessimistische Stimmung.Erst sei kaum eine Reaktion auf die WM zu spüren gewesen, blickt Bazin zurück.In den letzten Tagen vor dem ersten Deutschland-Spiel konnte er diese Aussage jedoch revidieren: In einigen Läden sei schließlich doch noch eine deutliche Belebung zu spüren.

Radio Möller in Mariendorf etwa berichtet von "einem starken Anziehen des Umsatzes".Nicht zuletzt dank des persönlichen Engagements der Inhaberin Charlotte Möller.Die Dame ist die älteste aktive Kauffrau der Stadt: vor einer Woche feierte sie ihren 90.Geburtstag.

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