Zeitung Heute : Auch das Internet hat seinen Preis

LUDWIG SIEGELE

Erste Online-Angebote werden kostenpflichtig / Vorreiter: Das Wall Street JournalVON LUDWIG SIEGELE

Viele Internet-Nutzer haben Ende letzten Jahres eine herbe Überraschung erlebt: Denn seither können sie das renommierte amerikanische Wirtschaftsblatt Wall Street Journal (http://www.wsj.com) nur noch für eine Übergangszeit von zwei Wochen kostenlos lesen.Danach heißt es gnadenlos: "Die Seite, die Sie verlangt haben, ist nur Abonnenten zugänglich." 49 Dollar kostet das Online-Abonnement im Jahr.Regelmäßige Leser der papierenen Ausgabe bekommen es für 29 Dollar. Auf den Schritt der New Yorker Tageszeitung haben viele in der Online-Branche mit Spannung gewartet.Denn er ist ein Testfall für eine äußerst wichtige Frage: Läßt sich mit Abonnements auch im Cyberspace Geld verdienen.Bisher ist das Internet eine riesige elektronische Happy Hour.Tausende von Publikationen lassen sich dort gratis abrufen.Die meisten amerikanischen Tageszeitungen etwa veröffentlichen ihre Artikel auch kostenlos im Web.Der Online-Suchdienst Yahoo! listet allein 833 regionale Blätter mit Netzadresse.Der Grund für die Großzügigkeit: Anbieter fürchten, daß sie ignoriert werden, wenn ihre Dienste einen Preis haben. Denn auf dem Internet herrscht eine Kultur des Kostenlosen.Zum einen war das Datennetz ursprünglich darauf ausgelegt, den freien Informationsfluß etwa zwischen Wissenschaftlern zu fördern - eine Tradition, die seine Nutzer noch heute hochhalten.Zum anderen ist der Wettbewerb zwischen den Online-Publikationen extrem hart: "Natürlich könnte man für gute Inhalte Geld verlangen", erklärt Mark Mooradian, Branchenanalyst beim Beratungsunternehmen Jupiter Communications, "aber was ist, wenn die Konkurrenz weiter kostenlos anbietet?" Abo-Angebote sind auch nicht mit großen Erfolg gesegnet, meint Mooradian: Am besten ziehen sich noch Verkäufer von Finanzdaten wie Quote.com aus der Affäre.Sport-Dienste wie der Web-Ableger des Fernsehkanals ESPN haben schon weniger Anhänger gewonnen.Die Schlußfolgerung des Online-Experten: "Das Abo-Modell hat sich bisher nicht bewährt." Das Wall Street Journal versucht jetzt, Bildschirmleser mit besonders attraktiven Angeboten zu locken: In seiner interaktiven Ausgabe können Abonnenten sich ihre persönliche Zeitung zusammenschneidern.Porträts der wichtigsten Unternehmen sind jederzeit abrufbar.Und die Artikel der vergangenen zwei Wochen lassen sich nach Stichworten durchsuchen."Wenn wir nur die aktuelle Ausgabe im Netz veröffentlichen würden, dann könnten wir wohl kaum eine Gebühr dafür verlangen", betont Neil Budde, leitender Redakteur des elektronischen Journal."Wir sind davon ausgegangen, daß sich unser Online-Angebot selbst tragen und langfristig sogar Gewinn abwerfen soll.Und dafür müssen Sie schon einiges investieren." Wieviel das Wirtschaftsblatt für die elektronische Ausgabe vorschießt, will Budde nicht verraten.Aber wenig kann es nicht sein: Ihm unterstehen immerhin 40 Journalisten.Weitere 30 Mitarbeiter kümmern sich um die Technik.Ihre Arbeit soll kurzfristig 50.000 zahlende Leser anlocken - ein bescheidenes Ziel im Vergleich zu den bisherigen 600.000 Gratis-Nutzern.Die Zahl könnte der Dienst durchaus erreichen - und auch sonst erfolgreich sein, meint Online-Fachmann Mooradian: "Wenn es ein Angebot schafft, dann dieses."
31.01.97

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