Zeitung Heute : Auch der Kanzler kann Christian Wörns nicht trösten

HARTMUT SCHERZER

LYON .Auch der Kanzler konnte ihn nicht trösten.Gut fünf Minuten lang, berichtete DFB-Pressechef Wolfgang Niersbach, habe Helmut Kohl in der Kabine versucht, mit väterlichem Zureden den untröstlichen Christian Wörns aufzurichten.Nicht mit staatstragenden Sätzen, sondern auch nur mit allgemeinen Floskeln wie "das Leben geht weiter" redete der Staatsmann dem Fußballprofi gut zu.Doch der Unglückliche hörte in seinem Weltschmerz kaum hin, sondern weinte nur ungeniert weiter.

Es war die Attacke eines der besten deutschen Spieler bei dieser Weltmeisterschaft gegen den schlitzohrigen Davor Suker in der 40.Minute, die die deutsche 0:3-Niederlage gegen Kroatien einleitete, das Spiel entschied und das Ausscheiden im Viertelfinale verursachte.Rot für einen Knie- und Bodycheck, die den kroatischen Stürmerstar durch die Luft katapultierten.Fassungslos faßte sich Christian Wörns an den Kopf und stieg apathisch wie ein unschuldig Verurteilter in die Kabinenkatakomben hinab.Wörns hatte ein Foul begangen, für das man, um Andreas Brehme zu zitieren, "Rot geben kann, aber nicht geben muß".

Dennoch: Der 35 Jahre alte Schiedsrichter Rune Pederson war bei den Deutschen der Alleinschuldige am WM-Aus "und hat dieses Häufchen Elend in der Kabine zu verantworten", klagte Lothar Matthäus den Norweger an.Zwar fand es Berti Vogts im offiziellen Statement noch "müßig, über den Platzverweis zu diskutieren", doch später nannte der Bundestrainer die Rote Karte "unverschämt" und schimpfte: "Wenn überhaupt, dann allenfalls Gelb." Auch für die Wortführer der Mannschaft wie Jürgen Kohler stand fest: "Das Spiel hat heute nur einer verloren." Der Schiedsrichter war gemeint, nicht Wörns.Von einer "krassen Fehlentscheidung eines Mannes, der in seinem Land nur zweitklassigen Fußball peift" sprach Lothar Matthäus und empörte sich über dessen Einteilung zu so einem bedeutsamen Spiel: "Das ist schon ein harter Hund." Es sei ein "ganz normaler Zweikampf" gewesen."Und Wörns war auch nicht der letzte Mann."

Als erster Spieler kam die tragische Figur aus der Kabine in die "Zone mixte".Es gab keinen anderen Weg zum Bus als durch dieses Labyrinth lauernder Medienvertreter.Tapfer, mit geröteten Augen, stellte sich Christian Wörns den mitfühlenden Fragen der Reporter."Ein Witz, ein Witz", stammelte Wörns immer wieder leise."Ich kam einen Schritt zu spät, habe Suker nur leicht touchiert.So etwas passiert schon mal.Aber es war kein besonderes Foul", schilderte er den Hergang."Gelb wäre in Ordnung gewesen.Aber Rot ist ein Witz.Kohler stand noch hinter mir.Ich war also auch nicht letzter Mann." Den Rest des Spiels habe er sich im Fernsehen ansehen müssen."Man hat mich nicht mehr rausgelassen." So inquisitorisch sind die Regeln der FIFA.Wenn das Leben auch weitergehe, wie der Kanzler getröstet hatte, so habe man im Leben doch nur zwei-, dreimal, mancher nur einmal, die Chance, Weltmeister zu werden."Da kommt so ein Schiedsrichter", stammelte Christian Wörns mit seiner sanften Stimme, "und macht alles kaputt.Das ist Wahnsinn." Übrigens: Die FIFA sperrte Wörns für zwei Partien, so daß er in den ersten beiden EM-Qualifikationsspielen nicht dabeisein wird.

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