Zeitung Heute : Auch die digitale Welt ist keine Scheibe

THOMAS DE PADOVA

Neue 3-D-Bildschirme ohne Zusatzbrillen oder Reflexpunkte / Interaktiver Computer "liest Wünsche von den Augen ab"VON THOMAS DE PADOVA

Um räumlich sehen zu können, muß der Mensch für gewöhnlich keine Stereobrille aufsetzen.Er muß sich auch keinen roten Punkt auf die Nasenwurzel oder aufs Brillengestell kleben, damit sein Blick in die Tiefe geht.Auf der IFA indessen gelten Reflexpunkte und Stereobrillen immer noch als fortschrittlich.Denn ohne sie droht der Bildschirm gänzlich flach zu bleiben.Die digitale Welt ist für viele Computermenschen nach wie vor eine Scheibe. Im Technisch-Wissenschaftlichen Forum in Halle 6.3 trägt man der modernen Weltsicht eher Rechnung.Auf einigen der hier aufgestellten Monitore sind dreidimensionale Körper und Formen realitätsgetreu zu sehen.Das verlangt dem Bildschirm zwar einiges an Spezialausrüstung ab.Ein modernes 3-D-Display wie jenes, das die Technische Universität Dresden auf der IFA vorstellt, gestattet aber viele neue Anwendungen, beispielsweise in der Medizin, der Architektur oder der Spielewelt. Mehr noch verspricht eine Neuentwicklung des Berliner Heinrich-Hertz-Instituts für Nachrichtentechnik.In die Apparatur sind zwei auf den Computernutzer gerichtete Kameras intergiert, die dessen Kopf- und Augenbewegung ständig verfolgen.Durch die Messung der Fixationspunkte "weiß" der Computer, welche Objekte den Betrachter gerade interessieren.Diese Kenntnis erlaubt es ihm, entsprechende Aktionen einzuleiten, ohne daß dafür ein Befehl über die Tastatur eingegeben werden muß.Statt ein Fenster mit der Maus anzuklicken, braucht es der Nutzer nur noch anzublicken. "Der Computer liest Wünsche von den Augen ab", wirbt das Heinrich-Hertz-Institut denn auch für sein interaktives Gerät, das die Wissenschaftler in den vergangenen Jahren stetig verbessert haben.Noch vor einem Jahr mußte der Kopf des Bedieners, der komplizierten Messung der Blickrichtung wegen, in einer Nackenstütze liegen, die am Stuhl befestigt war."Wir haben nun einen Bildschirm gebaut, vor dem man sich frei bewegen kann", sagt Siegmund Pastoor, Leiter der Abteilung Anthropotechnik. Doch die Interaktion bedarf des Kennenlernens.Zu Beginn segmentiert eine der Computerkameras das Gesicht des Nutzers anhand der Hautfarbe und der Bewegung.Ein schneller Lidschlag, ein unwillkürliches Augenblinken reicht dann aus, um die Augenregion zu finden und die zweite Kamera darauf auszurichten.Diese beleuchtet das Auge mit einem schwachen Infrarotlicht und registriert mit mehr als 20 Messungen pro Sekunde das Zentrum der Pupille und den Lichtreflex auf der Hornhaut. Die Kenntnis der Augenpositionen ist Voraussetzung für die 3-D-Wahrnehmung.Denn der Nutzer kann sich nur deswegen frei vor dem Monitor bewegen, ohne daß der 3-D-Effekt verlorengeht, weil die bewegliche Linsenrasterplatte im Display ständig nachgeführt wird.Diese Platte sorgt dafür, daß die unterschiedlichen Teilbilder, die das linke und das rechte Auges erhalten, zu einer räumlichen Wahrnehmung verschmelzen.Bewegt sich der Nutzer auf seinem Stuhl ein wenig, dann kann er die grafischen Objekte auf dem Display, je nach Wunsch, von oben oder unten betrachten und damit gegenseitige Verdeckungen auflösen.Die zusätzliche Dimension läßt den Bildschirm übersichtlicher erscheinen. "Schaue ich ein Objekt an, dann wird nach kurzer Zeit die entsprechende Applikation ausgelöst", erklärt Pastoor am Monitor."Wenn ich zum Beispiel rechnen will, schaue ich den Taschenrechner an, und schon rückt er in den Vordergrund." Das Rechnen selbst oder das Schreiben erfolgt aber nicht mit den Augen - Erinnerungen an den kürzlich verstorbenen Chefredakteur der Zeitschrift "Elle", Jean-Dominique Bauby, werden wach, der einer Lektorin nach erlittenem Gehirnschlag nur mit dem Zwinkern eines Auges den Roman "Schmetterling und Taucherglocke" diktierte.Doch abgesehen von krankheitsbedingten Fällen sind die Hände einfach schneller als die Augen. Die Grafikleistung eines normalen PC reicht übrigens für den neuen 3-D-Display mit Blicksteuerung nicht aus.Das Institut arbeite aber an Vereinfachungen, insbesondere einer Verbesserung der Steuerung, sagt Pastoor."Das könnte dann ein Multimedia-Computer der Zukunft sein."

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