Zeitung Heute : Auch die Mittelschicht kann kämpfen Harald Martenstein besucht Jens Lehmanns Sportplatz

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In Heisingen, auf dem Sportplatz, findet vor dem Schweden-Spiel ein Altherrenturnier statt, der „Ruhr-Halbinsel- Cup“. Bei den Alten Herren darf hier mitspielen, wer mindestens 32 ist. So kommt es, dass einer der Alten Herren, der fast noch jugendfrische Marcus Wiese, tatsächlich von der E- bis zur C-Jugend mit Jens Lehmann gespielt hat. Heisingen ist die zweitbeste Wohngegend von Essen, die beste heißt Bredeney, von dort stammt Oliver Bierhoff. Weitere Essener Fußballgötter: Helmut Rahn, Weltmeister von ’54, der jeden Essener Zapfhahn persönlich kannte, und Otto Rehhagel, der offiziell immer noch in Essen wohnt.

Beim Fußball kann alles Zufall sein und alles kann etwas zu bedeuten haben. Vielleicht sind Leute wie Lehmann und Bierhoff ein Symbol dafür, dass die Jungs aus der Mittelschicht im deutschen Fußball regieren, nicht mehr die Underdogs. Man denkt leicht, Mittelschichtfußball sei weniger kämpferisch und so langweilig wie ein Managementseminar. Aber das scheint ein Irrtum zu sein. Auch die Mittelschicht hat neuerdings viel zu verlieren.

Lehmanns Eltern wohnen immer noch fast in Sichtweite des Platzes. Der DJK Heisingen, sein Verein, war der Klub der Katholiken, inzwischen haben sie mit den Andersgläubigen zum SV Heisingen fusioniert. Vor ein paar Wochen erst hat Lehmann zwei Trikots für einen Jugendbasar des SV gestiftet, kurz vor der WM ist er mit seinen Eltern, der Frau und den Kindern in Heisingen spazieren gegangen, dafür gibt es Zeugen. Sein Mitspieler erzählt, dass Lehmann der beste Stürmer und der beste Torhüter in der Jugend war. Wenn die Mannschaft hinten lag, wurde gewechselt, jemand anderes stellte sich in den Kasten und Lehmann schoss schnell vorne zwei Tore. Alle auf dem Heisinger Sportplatz scheinen etwas mit Lehmann zu tun gehabt zu haben, der da vorne ist der Mann seiner Cousine, der am Zapfhahn ist der Sohn seines Trainers, der Alte da ist Jugendtrainer beim anderen Heisinger Verein gewesen und hat wegen Lehmann nie einen Stich gekriegt. Der Alte sagt, klar, Lehmann ist ein Vorbild, aber auch ein Beweis dafür, dass uns die Guten immer weggekauft werden, was haben wir davon, wenn es bei uns ein Genie gibt, letztlich nichts. Die Bratwurst kostet einen Euro, der rote Staub macht Wolken wie die Sahara, die Alten Herren spielen jeweils 20 Minuten, ohne Halbzeit. Im Endspiel treten Heisingen und Teutonia Überruhr an. Es ist kurz vor 17 Uhr. Das Endspiel fällt aus. Der Sieger wird in einem kurzen Siebenmeterschießen ermittelt, alle wollen fernsehen. Lehmann spielt.

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