Zeitung Heute : Auch Genies werden mal schwach

RENAISSANCE THEATER Torsten Fischer beleuchtet in „Geister in Princeton“ die Obsessionen des Mathematikers Kurt Gödel – und lässt ihn mit Einstein disputieren.

PATRICK WILDERMANN

Gut möglich, dass Torsten Fischer dem Genie Kurt Gödel in seinem früheren Leben mal begegnet ist. Aber der Regisseur hat diese fernen Jahre weitgehend verdrängt, als er noch Biologie und Chemie auf Lehramt studierte. Den so begnadeten wie paranoiageplagten Logiker Gödel – der 1978 in den USA verstarb und dem Daniel Kehlmann nun sein Stück „Geister in Princeton gewidmet hat – kennt heute überhaupt kaum jemand. Was in Fischers Augen nicht der grassierenden Halbbildung geschuldet ist. Sondern tragischen Umständen: „Einerseits wurde er als Revolutionär der Wissenschaft anerkannt. Auf der anderen Seite haben alle außer Albert Einstein, angefangen bei seiner Mutter bis zum Wiener Kreis, ein Leben lang ignoriert, was Gödel von sich gegeben hat.“

Und das waren, vom mathematischen „Unvollständigkeitssatz“ bis zum Gottesbeweis, derart grenzüberschreitende Erkenntnisse, dass ein gewöhnliches Hirn da kaum mitkommt. „Ich finde es interessant“, lächelt Fischer, „nach Jakob Lenz eine weitere Figur zu entdecken, die mich in meinem spießigen Denken misst.“

Daniel Kehlmann, berühmt als Autor des Bestsellers „Die Vermessung der Welt“, lässt in seinem dramatischen Debüt gleich vier Gödels aufmarschieren: das Kind, den Erwachsenen, den alten Mann und ein Alter Ego. Das durchaus komödiantische Stück mischt dabei die Chronologie munter bis ins Jenseits auf, frei nach Gödels Annahme, dass gar keine fortschreitende Zeit existiert. Kehlmann belebt geniale Kollegen wie Albert Einstein oder John von Neumann, erzählt von Gödels Ehe mit der ehemaligen Nackttänzerin Adele, die ihm die Mutter ersetzte, schildert seinen Wahn, vergiftet zu werden, der ihn schließlich in den Hungertod trieb. Das Thema ist für Torsten Fischer aber nicht die Biografie eines großen Denkers. Sondern die tiefer gehende Frage: „Was ist an einem Menschenleben das Entscheidende?“ Die Liebe, sagt Kehlmanns Text, der reich ist an Zwischentönen. Der „von den Repressalien der Nazis erzählt, den Stalinismus kritisiert und die politischen Umstände in den USA“, wie Genauleser Fischer bemerkt. Gödel stand als Mathematiker unter dem Generalverdacht, Jude zu sein und musste in den vierziger Jahren aus Österreich nach Amerika emigrieren.

Es würde Torsten Fischer trotzdem nicht wundern, wenn die „Geister in Princeton“ mit dem Stempel Boulevard versehen würden – „als Klischee von oberflächlichem Theater“. Dabei käme der Begriff von der Tradition des Boulevard du Crime, große Autoren seien das gewesen, gefolgt vom Vaudeville – „ich rede schon wie Kehlmann“, unterbricht sich Fischer lachend. Die beiden stehen im engen Austausch, der Regisseur schätzt den Autor sehr. Und er nimmt auch dessen berühmt-berüchtigte Salzburger Tirade gegen die Auswüchse des Regietheaters ausdrücklich in Schutz, obwohl er nicht der gleichen Meinung ist. Kehlmann habe doch im Grunde nur seinen aus dem Theaterbetrieb verdrängten Vater in Schutz genommen. „Ich würde meinen Vater, der Profifußballer war und später Schuldirektor wurde, ebenfalls gnadenlos verteidigen“, sagt Fischer.

Auch er ist Missverständnisse gewöhnt. Zum Beispiel, auf die Rolle des Well-Made-Play-Regisseurs reduziert zu werden. Daran stimmt nur, dass Fischer, der lange in leitender Position am Kölner Schauspielhaus gewirkt hat und in der halben Welt Opern inszeniert, sich bestens auf ein psychologisch genaues Geschichtenerzählen versteht. Am Wiener Theater in der Josefstadt und natürlich am Renaissance Theater hat er das immer wieder bewiesen, mit Stücken von Tschechow, Harold Pinter, David Mamet.

Kennt er die Furcht, mit seiner Arbeit aus der Mode zu fallen? „Die Angst, nicht zu genügen, ein Hochstapler zu sein, die kennt jeder von uns“, entgegnet Fischer. „Aber“, betont er, „ich bin nicht Theater-abhängig. Ich habe immer gesagt: Zur Not eröffne ich eine schöne Currywurstbude in Berlin.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 8.1., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 10.-14.1., 20 Uhr, 15.1., 18 Uhr

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