Zeitung Heute : Auch im Internet ist kein Platz für Verleumdungen

ANDREA HOFFMANN

UN-Konferenz diskutiert über wachsenden Rassismus im Netz / Morddrohungen und Flames diskreditieren die MeinungsfreiheitVon ANDREA HOFFMANNEs war ein besonderes Haßverbrechen, das die sonst ruhige Kalifornia-Universität letzte Woche erschütterte.Die Überwachungskamera des Computerraums soll beweisen, daß Richard M.an 60 asiatisch-amerikanische Studenten eine Haßmail schrieb: "Ich hasse Asiaten, dich eingeschlossen.Ich werde euch alle jagen und dann töten, jeden einzelnen." Richard M., der erst kürzlich aus El Salvador in die USA kam, wird dafür nun vor Gericht kommen - ein Fall der erneut die Frage aufwirft, wie weit die Meinungsfreiheit gehen darf im Cyberspace."Wer das Leben eines anderen bedroht, wird vom Grundsatz der freien Rede nicht mehr geschützt", äußerte sich Rechtsprofessor Eugene Volokh gegenüber dem amerikanischen Nachrichtensender CNN. Was im Internet gesagt werden darf und was nicht, ist immer wieder Anlaß heftiger Diskussionen.Erst im letzten Jahr lehnte das Oberste Gericht Amerikas einen Gesetzentwurf ab, der anstößige Äußerungen im Internet unter Strafe stellen sollte.Dies war ein Sieg für die in der amerikanischen Verfassung garantierte Rede- und Meinungsfreiheit.Doch die Grenze dieser Freiheit ist erreicht, wenn das Leben anderer mißachtet wird.Und das ist im Internet leider keine Seltenheit.Abgeschottet von der Außenwelt, und in der nichtvirtuellen Realität nahezu unbemerkt, tobt im globalen Dorf ein täglicher Krieg.Flammenwerfer gehen gegen Spammer vor, Mailbomben machen Gegner mundtot und E-Mails ungewünschter Personen wandern ins Kill-File. Die so oft bewunderte und gelobte Anarchie der Netze hat eine blutrünstige Kehrseite.Etwas an der Online-Kommunikation scheint die Menschen zu verwirren, vielleicht die Plötzlichkeit und Halb-Anonymität des Mediums.Selbst ansonsten friedliche Menschen ertappen sich dabei, über eine Nachricht so in Wut zu geraten, daß sie eine Haßmail als Antwort schreiben.Reagiert der andere darauf, brechen oft wochenlang andauernde Konflikte auf.Diese sogenannten Flames (Flammen) finden täglich statt, sie sind die Keulen des Internet.Netiquette? Nie gehört.Es gilt das Recht des Stärkeren.In der gesichts- und stimmlosen Welt zählt nur das Wort.Auffallen und provozieren ist die Maxime, schließlich ergießen sich täglich zehntausende neuer Nachrichten ins Netz und niemand will untergehen zwischen all den Infojunkies und Quasselstrippen. Und Gelegenheiten, den Flammenwerfer auszupacken, gibt es täglich mehr als genug.Die Newsgroups sind voll von sachlich falschen oder naiven Artikeln, die nach einer passenden Antwort schreien.Denkt sich der Flamer, und geht zum verbalen Angiff über.Das wichtigste ist dabei die Sprache.Mit dem massiven Einsatz von Fremdsprachen in Verbindung mit plumpen Schimpfworten soll der Gegner abgeschreckt und eingeschüchtert werden.Marke "Anencephalischer Frosch" und "grenzdebiler Hampelmann".Eine wütende Antwort ist so gut wie sicher ­ und schon befindet man sich im schönsten Flame-War. Den rauhen Sitten angepaßt ist auch die Sprache im Internet oft rüde und Außenstehenden unzugänglich.Die Alteingesessenen verteidigen "ihren" Cyberspace ­ mit Fachchinesisch, Insider-Kürzeln und ehernen Regeln, die im Zweifelsfall immer nur für den anderen gelten.Der Newbie (Neuankömmling) ist schnell ein DAU (Dümmster Anzunehmender User) und soll gefälligst erstmal RTFM (Read the Fucking Manual).Lies das Handbuch und laß mich in Ruhe, du Idiot am anderen Ende der Leitung.Wer dann stur bleibt, muß befürchten, eines Morgens eine Mailbombe in seinem Briefkasten zu finden, zumeist einfach eine mehrere Megabyte große Datei, die seinen Speicherplatz zumüllt. Grenzen gibt es bei diesem Kampf nur wenige.Allgemeiner Konsens: es gilt als unfair, den Schauplatz in die normale Realität zu verlegen, und den Widerpart in einer direkten Mail mit dem Tod zu bedrohen, wie geschehen bei Richard M., dessen Haßgefühl Asiaten gegenüber in direkten Morddrohungen gipfelte.Wie jedoch das Simon-Wiesenthal-Zentrum konstatiert, verbreiten sich auch auf WWW-Seiten zunehmend Haßtiraden unterschiedlichster Couleur.Inhaltlich reicht das Angebot von der Anleitung zum Basteln einer Bombe bis zum virtuellen Ausschwitz, sagte Mark Knobel am Mittwoch auf einer UN-Konferenz in Genf.Die Teilnehmer der Konferenz, Menschenrechtler, Internet Service Provider und Vertreter von Regierungen und Wirtschaft wollen einen Weg finden, Rassismus im Internet zu untersagen, im Einklang mit einem internationalen Abkommen zum Verbot rassischer Diskriminierung.Das eine Kontrolle von WWW-Inhalten praktisch unmöglich ist, ist dabei allen bewußt."Das bedeutet aber nicht, daß man einen Versuch unterlassen sollte, solche Verhaltensweisen einzugrenzen", sagt Eric Lee vom Internet Service Provider Commercial Internet eXchange.

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