Zeitung Heute : Auch mit mehr Personal geht es nicht schneller Wissenschaftlerin untersucht Kfz-Zulassungsstellen

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Jeder Autofahrer kann ein Klagelied davon singen. Wer ein neues Fahrzeug zulassen will, braucht Geduld. Schlange stehen gehört zum Alltag in deutschen Kraftfahrzeug-Zulassungsstellen. Und das liegt offenbar nicht an Personalmangel, wie jetzt eine Studie der Freien Universität zeigt. Beate Jochimsen vom Institut für Öffentliche Finanzen und Sozialpolitik des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft hat untersucht, wie effizient Kfz-Zulassungsstellen arbeiten.

Das erstaunliche Ergebnis: Die Wartezeit für einen Bürger auf dem Amt ist unabhängig von der Personalausstattung der Behörde. Und je größer die Zulassungsstelle ist, desto mehr müssen die Beamten sich selbst verwalten. Kürzer wird die Wartezeit für den Bürger so nicht.

„Der Mensch neigt dazu, für seine Aufgaben genau die Zeit auszunutzen, die er hat“, sagt Beate Jochimsen. Das heißt: Wer unter Zeitdruck steht, arbeitet schneller. Die These, dass Arbeit in dem Maße ausgedehnt wird, wie Zeit zu ihrer Erledigung besteht, stammt vom britischen Historiker und Publizisten C. Northcote Parkinson. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beobachtete er die Britische Marineverwaltung und stellte fest: Obwohl die Flotte des Empire immer kleiner wurde, wuchs die Verwaltung nach dem Ersten Weltkrieg stetig. 1957 veröffentlichte er ein anekdotisches Buch, das in der Wissenschaft rege diskutiert wurde und – unbeabsichtigt – den Anstoß zur Bürokratieforschung gab.

„Über die deutsche Bürokratie gab es in diesem Zusammenhang noch keine Untersuchungen“, sagt Beate Jochimsen, für die die 447 Kfz-Zulassungsstellen in Deutschland die idealen Forschungsobjekte waren: Sie bieten ein bundesweit einheitliches Produkt an – denn die Neuzulassung eines Autos ist bundesgesetzlich geregelt. Jochimsen nahm als Qualitätsmaßstab die Wartezeit.

Mit einem Fragebogen erkundigte sie sich bei den Ämtern nach der Organisation ihrer Behörde, der Mitarbeiterzahl und den Abläufen. Gibt es einen Kassenautomaten? Wie viele Mitarbeiter sind an der Zulassung eines Fahrzeuges beteiligt? Mit wie vielen Beamten kommt ein Bürger bei der Neuzulassung in Kontakt? Und schließlich: Wie lange braucht ein Bürger im Schnitt, um sein Auto anzumelden?

Nachdem Beate Jochimsen die Bögen ausgewertet und mit Daten des Statistischen Bundesamtes überprüft hatte, konnte sie statistisch belegen: Die Personalausstattung der Zulassungsstelle hat keinen Einfluss auf die durchschnittliche Dauer einer Neuzulassung. Je mehr Verwaltungsbeamte sich mit einer Zulassung beschäftigen, desto länger ist die Wartezeit. Und: Die Zahl der Beamten wächst überproportional mit der Anzahl der zu bearbeitenden Neuzulassungen.

Für Beate Jochimsen zeigt die Untersuchung, dass eine Behörde wie die Kfz-Zulassungsstelle nicht leistungsorientiert arbeitet. Für ihre Arbeit hat Jochimsen nun den Hans-Jürgen-Ewers-Preis der Freunde der Technischen Universität Berlin erhalten. Matthias Thiele

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