Zeitung Heute : Auch nach der Restaurierung bleibt das "Schwarzwaldmädel" ohne Stereo-Dolby-Klang

MATTHIAS OLOEW

Im Bundesfilmarchiv in Wilhelmshagen werden historische Filme aufbewahrt / Die authentische Wirkung der Filme soll erhalten bleibenVON MATTHIAS OLOEWWenn sich die Schranke behäbig hebt, ist der Weg in die Lichtung frei.Ein weites Areal tut sich auf, dichte Baumreihen rundherum, Flachbauten rechts und links.Nur ein leises Brummen durchbricht die beschauliche Ruhe auf dem Gelände.Ein kleiner Lastwagen fährt von Bunker zu Bunker.Unter der Grasnarbe der Lichtung im Wald von Wilhelmshagen lagern Schätze der deutschen Filmgeschichte: Hier befinden sich die Berliner Regale des Bundesfilmarchivs. Rund 180 000 Filme sollen es sein, die sich insgesamt im Besitz des Archivs befinden.Ein Teil davon wird in der Eifel und bei Koblenz aufbewahrt, der Rest in Wilhelmshagen, im Bezirk Köpenick.Der zweigeteilte Standort ist eine Folge der Geschichte; durch die Teilung Deutschlands entwickelten sich zwei zentrale Archive.In Berlin wird jetzt die Tradition des staatlichen Filmarchivs der DDR fortgesetzt.Dessen Filmgeschichte ist komplett; beim westdeutschen Film tun sich jedoch Lücken auf.Anders als früher im Osten üblich, gab es im Westen keine Abgabepflicht fertiger Filme.So ist es auch heute.In den Bunkern von Wilhelmshagen ist nicht nur die DEFA-Wochenschau "Der Augenzeuge" vollständig, hier findet sich vor allem reichhaltiges Filmmaterial, das älter als der zweite Weltkrieg ist.Eine Fundgrube für Filmhistoriker und für die Retrospektive der Berlinale. Vier Filme im diesjährigen Berlinale-Programm zu Ehren der Siodmak-Brüder stammen aus diesen Beständen.Das ist vergleichsweise wenig.Bei der Pabst-Retrospektive im vergangenen Jahr wurden wesentlich mehr Filme aus den Regalen in Wilhelmshagen gezogen.Auch das Wintergarten-Programm der Brüder Skladanowsky, vor zwei Jahren zum Filmjubiläum für den Berlinale-Wettbewerb restauriert, stammt von hier.Für die 1998er Filmfestspiele war es die Aufgabe des Archivs, Filme zu reinigen und umzukopieren. Christina Letzerich leitet die Restaurierungsabteilung in Wilhelmshagen.Vor allem Filme aus Nitrozellulose, in jungen Jahren des Kinos als Werkstoff unverzichtbar, müssen heute aus Sicherheitsgründen auf Polyester umkopiert werden.Denn die alten Filme haben die unangenehme Eigenschaft, sich bereits bei 50 Grad Celsius zu entzünden und nicht mehr löschbar zu sein.Kein Wunder also, wenn Filme aus dem Nitromaterial in der Gesetzgebung von heute juristisch als "Sprengstoff" gelten.Aufführungen sind unmöglich, die Filme werden unter besonderem Verschluß aufbewahrt. Bevor die Restaurierung beginnen kann, muß das Material gesichtet werden.Christina Letzerich zieht dafür weiße Handschuhe über und läßt den Film vorsichtig durch ihre Hände gleiten, ehe er über einen Lichttisch geführt wird.So kann sie ertasten, ob die Kopie Risse hat, oder ob Klebstellen nachgebessert werden müssen.Danach wird der Film vom Staub der Jahrzehnte gereinigt, zunächst mit Ultraschall; wenn der Dreck zu schwer auf dem Material sitzt, wird der Film durch ein Wasserbad gespült.Aufwendige Maschinen sind dafür nötig. Sind die Schäden an der Ur-Kopie zu stark, entsteht auf der Grundlage des empfindlichen Materials anschließend eine Sicherungskopie durch das - teure - Naßkopierverfahren.Dabei wird der Film durch ein Bad mit Perchlorethylen gezogen.Das stinkt beträchlich, läßt aber Kratzer auf dem Material weitgehend unsichtbar werden.Am Ende der Prozedur steht die neue Kopie eines uralten Films. Damit jedoch bei Tonfilmen die authentische Wirkung nicht verloren geht, wird zumindest beim Ton auf moderne Technik verzichtet.Es bleibt beim - damals üblichen - Lichttonverfahren, bei dem der Ton von einer Lampe abgelesen wird.Also kein Stereo-Dolby-Klang für das "Schwarzwaldmädel". 135 Frauen und Männer arbeiten insgesamt im Bundesfilmarchiv; in Wilhelmshagen sind es 45.Sieben davon sortieren unter Magazinleiter Gerhard Ahl die Filmrollen in den fünf Bunkern, von denen allein zwei mit Nitromaterial voll sind.Schwarz-weiß-Filme lagern bei zehn bis zwölf Grad, Farbmaterial wird sogar bei minus sieben Grad eingefroren.So läßt sich verhindern, daß die Filme irgendwann nur noch in verschiedenen Rottönen glänzen.Alles in Butter also für den deutschen Film? Karl Griep wirft seine Stirn in Falten.Der Chef des Filmarchivs sieht mit Sorge, daß bis heute die Lagerung deutscher Filme nach einem Zufallsprinzip erfolgt.Griep wirbt daher um Vertrauen bei Produzenten und Verleihern, die Lagerung deutscher Filme dem Bundesarchiv zu übertragen.An den Rechten und den Eigentumsverhältnissen ändere sich nichts, so Griep.Das Archiv ist lediglich berechtigt, eine Sicherungskopie für die eigenen Bestände zu ziehen.Er wirbt auch für einen Kinemathekenverbund, damit sich die deutschen Filmmuseen und Archive beim Verkauf von Filmen nicht gegenseitig überbieten.Vom Verbund verspricht er sich viel.Das Fernziel: Ein zentrales Filmarchiv.

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