Zeitung Heute : Auch Seher sehen manchmal richtig

Dr.rer.pol.[seit 1998 Herausgeber b],61 Jahre[seit 1998 Herausgeber b]

Peterchen war es nicht.Neil Armstrong war der erste Mensch, der sich von der Erde zum Mond schießen ließ, am 20.Juli 1969.Aber mir steigt noch immer in der Erinnerung der Geruch des Pulvers in die Nase, der mit dem mondreisenden Peterchen aus der riesigen Theaterkanone im Hamburger Schauspielhaus über die aufgeregten Kinder zog.Das war Weihnachten 1949.Heute ist der gute alte Mond schon fast vergessen.Die Reisen der Sonden gehen zum Mars, zur Venus und weiter ins unendliche All.Buchungen für Raumreisen sind längst möglich, die Wartelisten wachsen.Die Zukunft kommt schneller als wir denken.George Orwells Vision von 1984 ist in Teilen durch die rasante Entwicklung der Informations- und Computertechnologie längst Wirklichkeit geworden.Und die Reise in uns unbekannte Welten, unsere gemeinsame Odyssee, geht immer weiter.

Was werden wir und unsere Nachkommen sehen und erleben? Wird die Uhr am Arm morgen zum Handy, übertragen wir dann mit dem Händedruck unsere "Visitenkarte" bioelektrisch auf den Bio-Adressspeicher unseres Gegenübers? Bestellen wir demnächst unsere "Ersatzteile", die Leber oder die Niere aus dem Internet? Klonen wir die Menschen nach "Idealmodellen" aus dem Katalog? Phantastische Träume und Alpträume werden wahr.

Nichts scheint unmöglich.Wirklich nichts oder nur das, was wir uns nicht vorstellen können und nicht anpacken, entwickeln wollen? Wo liegen die "Programme" für die Reise der Menschheit in die Zukunft verborgen, die Wurzeln der Trends, die Auslöser der überraschenden Ereignisse? Gewinnen wir Erfahrungen, hilfreiche Praxis im Umgang mit der Zukunft, lernen wir die "Kunst der Prognose" (C.F.von Weizsäcker) im Laufe der Generationen - oder tappen wir alle weiter im Dunkeln? Kommt die Zukunft einfach wie ein Fatum über uns oder können wir sie nach unseren Wünschen gestalten? Und wo liegen die Schalthebel zum Morgen?

Mit der Zukunft verbindet die Menschen seit eh und je ein unheimliches Verhältnis.Nicht nur die Sinne der Pythia waren von den Dämpfen, die ihr in Delphi in den Kopf stiegen, verwirrt - und erhellt zugleich.Auch die Orakel der Nachfahren der Mutter aller Weissager sind selten eindeutige Kinder der Aufklärung.Rationalität, analytisch-wissenschaftliches Denken und kreatives Zukunftswissen scheinen ein konträres, unverträgliches Paar.Phantasie und Intuition sind es meist, die Zukunft erahnen, erkennen und auch entstehen lassen - zum Guten und zum Bösen.Aber welche phantastischen Visionen sind ernst zu nehmen, haben die Chance, in nicht zu ferner Zukunft aus der virtuellen Welt in die reale hinaufzusteigen? Auf den Regalen des "Maison des Futures" liegen so unendlich viele konkurrierende Angebote wohlfeil nebeneinander.Erst nachher ist man klüger, ganz nach Winston Churchill: Der sicherste Zeitpunkt für eine Prognose sei nach dem Ereignis.

So war es um die letzte Jahrhundertwende, als heiß und heftig über die "Zukunft der Luftfahrt" diskutiert wurde.Eine Stimme der seriösen Wissenschaft war der angesehene amerikanische Astronom Professor Simon Newcomb.Kurz vor den ersten Flügen der Brüder Wright schrieb er noch

"Der Beweis, daß keine denkbare Kombination bekannter Substanzen, bekannter Motortypen und bekannter Kraftquellen zu einer praktisch verwendbaren Maschine zu führen vermag, mit der Menschen auf große Entfernungen durch die Luft fliegen sollen, erscheint dem Verfasser so vollständig wie es der Beweis für irgendeine physikalische Tatsache der Zukunft nur sein kann."

Und ähnlich selbstsicher eine weitere Kapazität, Professor William Pickering

"In der Meinung des Volkes herrscht oft die Vorstellung, künftig könnten gigantische Flugmaschinen über den Atlantik brausen und zahllose Passagiere befördern, ähnlich wie unsere modernen Dampfschiffe.Es scheint mir ganz sicher, daß derartige Ideen völlig phantastisch sein müssen..."

Wieviel näher an den künftigen Wirklichkeiten war dagegen der große Dichter und Märchenerzähler Hans Christian Andersen schon Mitte des 19.Jahrhunderts, auch wenn er sich auf der Zeitachse ein wenig geirrt hat

"In Jahrtausenden werden sie auf den Flügeln des Dampfes durch die Luft über das Weltmeer herüberkommen! Die jungen Bewohner Amerikas werden die Besucher des alten Europas sein.Sie werden zu den Denkmälern hier und dann versinkenden Städten herüberziehen, wie wir in unserer Zeit zu den verfallenden Herrlichkeiten Südostasiens wallfahrten.Das Luftschiff kommt, es ist mit Reisenden überfüllt, denn die Fahrt geht schneller als zur See; der elektromagnetische Draht unter dem Weltmeer hat bereits telegraphiert wie groß die Luftkarawane ist." (alle Zitate aus G.Heindl/ E.Mayer: Kerzengrad steig ich zum Himmel, Wien 1984)

Oder wer lag richtiger, der seinerzeit berühmte und anerkannte Wissenschaftler Robert Malthus mit seiner düsteren Prognose (aus dem Jahr 1798) oder die utopischen Sozialromantiker wie etwa der amerikanische Science-Fiction-Autor Edward Bellamy mit seinem "Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887", geschrieben 1887 in Boston? (Auszug unten).Bei Malthus verarmen die Menschen, weil in seiner Zukunft die Produktion von Nahrungsmitteln nicht ausreichend ausgeweitet werden kann, um die Mäuler der schnell und stetig wachsenden Zahl an Erdbewohnern zu stopfen.Edward Bellamy läßt seinen Science-Fiction-Helden Julian West im Jahr 2000 wie Dornröschen aus einem 113 Jahre währenden Schlaf im Keller seines durch einen Brand 1887 zerstörten Hauses die moderne Welt der übernächsten Jahrtausendwende, das Jahr 2000, erleben - staunend, weil sie so viel Wohlstand für alle als Folge technischen Fortschritts und einer modernen sozialen Politik ermöglicht hat.Ein sozialistisches Paradies, in dem vor allem die seherischen "Technologieprognosen" frappieren.

Finden wir Rat über die Pfade der Zukunft also eher bei den Märchenerzählern, den Romanciers, den Stückeschreibern und weniger bei den vielen wissenschaftlichen Instituten, den Zukunftsforschern, den professionellen Sehern?


EINE BLENDENDE ZUKUNFT könnte uns bevorstehen.Möglicherweise trübt das Gegenlicht aber auch den Blick des Sehers auf die Wirklichkeit.

Langsam.Auch sie erzielen erstaunliche Treffer.Ganz an der Spitze der amerikanische Zukunftsforscher und langjährige Leiter des renommierten Hudson-Instituts, Herman Kahn.Seine "Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahre 2000", zusammen mit Anthony J.Wiener 1967 veröffentlicht unter dem Titel "Ihr werdet es erleben" (Original: The Year 2000 - A framework for speculation on the next thirty-three years), sind schon geeignet, das Vertrauen in wissenschaftliche, analytische und systematische Prognosen zu stärken.Kahn und Wiener haben mit ihrem Wachstumsszenario zur Weltwirtschaft und Weltbevölkerung voll ins Schwarze getroffen.1965 zählte man 3,35 Mrd.Menschen auf der Erde.Für 2000 erwarteten sie 6,39 Mrd., nahezu eine Verdopplung.6,2 Mrd.ist der "best guess" für 2000 der Weltbank heute.China bevölkerten damals erst 600 Millionen Menschen.Nach Kahn sollten es bis zur Jahrtausendwende 1,3 Mrd.Chinesen sein.Heute sind es mehr als 1,2 Mrd.

Überraschend treffsicher waren auch die Voraussagen zum künftigen wirtschaftlichen Wohlstand (gemessen als Welt-Nationalprodukt und Pro-Kopf-Einkommen).Die seinerzeit prognostizierte, von vielen belächelte Vermehrung in nur 35 Jahren um den Faktor 5 bzw.2,7 (beim Pro-Kopf-Einkommen) bis 2000 wird fast punktgenau erreicht.

Weitere markante Striche im Zukunftsbild der Herren Kahn und Wiener waren die stärkere Betonung der Fragen nach "Sinn und Zweck" des Lebens, der Aufstieg Japans zur tatsächlich drittgrößten Macht und der weitere Aufstieg Europas und Chinas, dazu der relative Niedergang der USA und der Sowjetunion.Als kluger Kopf nannte der IQ-Riese Kahn aber auch mögliche Gründe für "überraschende" Veränderungen: Ein wirtschaftlich dynamisches China (rund 10 Prozent jährliches Wachstum!), neue religiöse, philosophische und andere Massenbewegungen (der islamische Fundamentalismus?) oder mögliche neue regionale oder mehrere Nationen umfassende Organisationen.

Was lag diesen optimistischen Wachstumsszenarien an Einsichten zugrunde? Vor allem drei Grundmotive, die nach Kahn mindestens bis zur Jahrtausendgrenze ihre Magie nicht verlieren würden

Der Trieb der "haves not" oder "haves less", die Reichen einzuholen.So ist das riesige Reich der Mitte China aufgebrochen, den Rückstand zur Ersten Welt zu verringern.

Der sinkende Grenznutzen an erworbenen und genossenen Gütern, zusammen mit der unersättlichen Nachfrage nach Erlebnissen, Erfahrungen und Gesundheit.Hier kennt Wachstum keine Grenzen.

Das Wissen und die Neugier, es auch anzuwenden, wachsen mit der breiteren Bildung, dem rasanten technischen Fortschritt und dem steigenden Wettbewerbsdruck immer schneller.Die Folge: Immer intelligentere Verfahren, Produkte und Dienste.Mehr Nutzen mit immer weniger Anstrengung.

Treffsicher: Der amerikanische Zukunftsforscher Herman Kahn hat mit seinen 1967 veröffentlichten Prognosen zur Jahrtausendwende überwiegend richtig gelegen HERMAN KAHN (1922 - 1983)

Das waren die kräftigen Motoren des Wandels und der Mehrung von Wohlstand, Lebensdauer und Lebensqualität für immer mehr Menschen auf dem Globus im 20.Jahrhundert.Werden sie auch weiter wirken über die Grenze zum nächsten Jahrtausend hinaus? Viele Zweifel am weiteren Fortschritt plagen die Menschen heute.Sie fragen auch: Wie wird die schon so belastete Erde mit den Folgen einer weiterentwickelten expansiven Zivilisation nach unserem Muster fertig? Die meisten Menschen glauben, der große Problemlöser technischer Fortschritt sei nun am Ende, wirklich bahnbrechende neue Erfindungen seien nicht mehr zu erwarten.Ihre eigene, ja immer längere Lebenserfahrung könnte sie lehren, daß dies das unwahrscheinlichste Szenario ist.Der beschleunigte Strukturwandel der Innen- und Außenwelten hält nicht inne - noch nicht.

Wohin die Reise geht, das wollen wir in unserer Serie "Odyssee 2000" erkunden.50 Blicke in die Zeit nach der Jahrtausendwende von Märchenerzählern, Philosophen, Sozial- und Naturwissenschaftlern und weiteren namhaften Autoren.Lineare Entwicklungen werden uns dabei sicherlich nicht begegnen, aber doch relativ träge Systeme mit erkennbaren, dauerhaften Mustern, wie bei der Bevölkerungsentwicklung.Sie können uns ein Stück in die Zukunft leiten.

Die eigentlich spannende Frage aber ist, ob wir wie weiland Odysseus einst nach einer langen Reise in die Zukunft wieder an den Ausgangspunkt zurückkommen, und wie wir dann das "globale Dorf" antreffen.Vermutlich ist manches auch im Jahr 2112 noch so ähnlich, wie wir es heute bei der Reise in die Zukunft verlassen - aber das meiste wird uns überraschen.

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