Zeitung Heute : Audi: Aufstieg in den Zwölfer-Club

Ingo von Dahlern

Sie gelten als die hohe Schule der Motorenbaukunst - Zwölfzylinder-Motoren. Die mit ihnen ausgestatteten Autos zählen zu den exklusivsten Spitzenmodellen. Autos, die man zwar nicht unbedingt braucht. Doch gäbe es sie nicht, wäre unsere Welt um eine faszinierende Technik ärmer. Hispano-Suiza, Horch, Jaguar/Daimler, Lagonda, Lincoln, Maybach, Packard und Rolls-Royce - sie alle gehörten einmal zu jenem elitären Zwölfer-Club, der 1997 mit dem Ausscheiden von Jaguar/Daimler auf die Mindestzahl von zwei Mitgliedern zusammenschmolz. Seitdem hat man nur noch die Wahl zwischen Stern und Propeller, wenn man ein Auto mit einem Zwölfzylinder sucht. Künftig gibt es in diesem Bund von Mercedes-Benz und BMW wieder einen Dritten. Denn der Herr der Ringe hat jetzt einen Zwölfzylinder auf die Räder gestellt, der das exklusive Angebot nicht nur um ein neues Modell erweitert, sondern damit zugleich auch ganz neue Techniken ins Spiel bringt. Denn der neue Audi A8 L 6.0 quattro W12 fällt nicht nur mit seiner komplett aus Aluminium gefertigten Karosserie und seinem permanenten Allradantrieb aus dem üblichen Rahmen, sondern auch mit seinem Motor selbst. Denn der Zusatz "W12" signalisiert eine neue Etappe im Motorenbau und eine Premiere bei den Zwölfzylinder-Serienautos.

Dieses Triebwerk ist nämlich kein klassischer V-Motor mit zwei Zylinderbänken, sondern folgt einem völlig anderen Bauprinzip. Und dabei führt das "W" sogar ein wenig in die Irre, denn der Motor des neuen Audi-Flaggschiffs ist kein klassischer W-Motor mit drei Zylinderbänken, wie ihn Audi 1991 in der Sportwagenstudie Avus präsentierte. Der neue W12 dagegen ist genau genommen ein Doppel-V-Motor, der aus zwei jener von Volkswagen entwickelten besonders kompakten VR-Motoren mit versetzten Zylindern und einem Zylinderwinkel von nur 15 Grad besteht. Zusammengefügt mit einem Zylinderwinkel von 72 Grad ergeben die zwei VR6-Motoren - VW lässt seit dem vergangenen Jahr das "R" übrigens weg - das, was jetzt als W12 bei Audi Premiere hat. Eine Premiere bei der Zylinderzahl, denn das Prinzip, zwei kompakte V-Motoren nach VW-Muster zu einer größeren Aggregat zusammenzufügen, hat Wolfsburg bereits bei einem kleineren Aggregat verwirklicht - dem Motor des Passat W8 nämlich, der aus zwei VR4-Motoren - pardon, zwei V4-Motoren - entstanden ist.

Mit dem W12 bringt die VW-Tochter Audi nun erstmals in Serie, was VW-Chef Ferdinand Piëch schon seit Mitte der Neunziger ankündigte - das Engagement von Volkswagen in der obersten Klasse des Automobilbaus. Dass es der VW-Chef mit seinen Andeutungen sehr ernst meinte, erkannte man erstmals im Herbst 1997, als Volkswagen in Tokio eine Sportwagenstudie mit W12-Mittelmotor präsentierte, der aus zwei VR6-Motoren entwickelt worden war. Und was jetzt im Audi A8 L 6.0 quattro W12 seine Premiere erlebt, wird in modifizierter Form schon bald auch unter VW-Signet angeboten werden, im neuen Luxuswagen aus der derzeit in Dresden entstehenden "Gläsernen Automobilfabrik", der derzeit noch unter dem Code "D1" entwickelt wird.

Der W12-Motor hat gegenüber klassischen V12-Motoren den großen Vorzug, extrem kompakt und, da komplett aus Aluminium und Magnesium gefertigt, auch besonders leicht zu sein. So bringt er gerade einmal 245 Kilo auf die Waage. Besonders vorteilhaft sind allerdings seine geringen Abmessungen. Denn mit einer Baulänge von gerade einmal 51,3 Zentimeter ist er nicht nur so kompakt wie der 4,2-Liter-V8 von Audi, sondern noch kürzer als der Golf-Vierzylinder. In der Breite misst der Zwölfzylinder gerade einmal 69 Zentimeter. Diese Dimensionen bieten die Chance, unter der Motorhaube des Audi A8 neben dem Motor selbst auch die für den Allradantrieb nötige Technik unterzubringen, während klassische V12-Motoren lediglich eine angetriebene Achse erlauben.

Die vier angetriebenen Räder sind bei diesem Auto durchaus ein Vorzug. Denn trotz seiner Kompaktheit ist der Audi-Zwölfzylinder ein wahres Kraftpaket. Und mit einer Leistung von 309 kW (420 PS) macht er den Audi-Zwölfzylinder sogar zum derzeit stärksten deutschen Serien-Zwölfzylinder. Der verleiht dem in der Langversion mit 5,16 Meter sehr repräsentativen neuen Flaggschiff aus Ingolstadt die Behändigkeit eines flotten Sportlers. Denn nach nur 5,8 Sekunden erreicht die Tachonadel bereits die Tempo-100-Marke, nach 20 Sekunden Tempo 200 und bei weiterem Beschleunigen würden nach insgesamt 38 Sekundenden 250 km/h erreicht. Bei diesem Tempo regelt die Maschine ab, die ohne diese elektronische Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit gut 300 km/h ermöglichte.

Möglich wird die souveräne Leistungsentfaltung durch die ungewöhnliche Drehmomentkurve dieses Triebwerks, das zwischen 3500 und 4750/min

550 Nm bereitstellt, zwischen 1800 und 5900/min fast 500 Nm und bereits knapp über der Leerlaufdrehzahl bei 900/min bereits 450 Nm. Das bedeutet, dass wenn immer man das Gaspedal betätigt, der Wagen spontan Gas annimmt und beschleunigt - und das, ohne dass man dabei besondere Geräusche aus dem Motorraum vernimmt.

Vierventiltechnik, im Ein- und Auslassbereich verstellbare Nockenwellen, zylinderselektive Klopfregelung, Abgasreinigung über vier motornahe Metallträger-Katalysatoren und als besonderes technisches Detail eine eigentlich leistungsstarken Sportwagen vorbehaltene Trockensumpfschmierung gehören zu den Kennzeichen dieses Triebwerks, das die Abgasnormen D4 und EU 4 erfüllt und mit durchschnittlich 14,6 l/100 km gemessen an seinem Leistungsniveau durchaus ökonomisch mit dem Kraftstoff umgeht.

An die vier Antriebsbsräder gelangt die Motorkraft über eine Fünfgang-Tiptronic, die speziell für den

W12 optimiert wurde. Und wenn es gilt, das Fahrzeug wirksam zu verzögern, dann werden die besonders groß dimensionierten innenbelüfteten Scheibenbremsen zusammen mit ABS und elektronischer Bremskraftverteilung aktiviert, die den Wagen schnell und spurtreu verzögern. Lediglich in der Abstimmung speziell an den Zwölfzylinder angepasst hat Audi das unveränderte Fahrwerk, das bei der Normalversion des W12 etwas sportlicher und bei der Langversion betont komfortabel ausgelegt ist und garantiert, dass man dieses Auto auch bei hohen Geschwindigkeiten und bei flotter Kurvenfahrt sicher im Griff behält. Und in Grenzsituaionen hilft die Fahrdynamikregelung ESP.

Dass die Ausstattung des Zwölfzylinders alles bieten, was die heutige Autotechnik zu bieten hat, versteht sich von selbst. Ebenso selbstverständlich ist allerdings auch, dass das seinen Preis hat. 181892 DM für die Normalversion und 206536 DM für die Langversion, deren einizges auffälliges äußeres Kennzeichen neben mehreren W12-Signets die in Chrom ausgeführten vertikalen Stäbe des Kühlergrills, die

18-Zoll-Räder und der Doppelauspuff sind. Ein rundum unaufdringliches Luxusauto also, das bei einer Produktionszahl von anfangs 500 pro Jahr sicher eine exklusive Erscheinung auf den Straßen bleiben wird.

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