Audrey Niffenegger : Der Engel von Highgate

Ihr neues Buch „Die Zwillinge von Highgate“ dreht sich um einen Friedhof in London. Hier erzählt die amerikanische Bestsellerautorin Audrey Niffenegger, warum sie die britische Hauptstadt liebt.

Protokoll: Susanne Kippenberger

Audrey Niffenegger, 46, ist eigentlich Künstlerin: Am Columbia College in Chicago unterrichtet sie visuelle Buchkunst. 2001 erschien in den USA ihr erster Roman, eine Liebesgeschichte. „Die Frau des Zeitreisenden“ wurde ein Megabestseller, dessen Verfilmung 2009 in den Kinos lief. Ihr neues Buch „Die Zwillinge von Highgate“ erschien gerade im S.-FischerVerlag.

Ich mag Friedhöfe, ihre Mischung aus Verwurzelung und offenem Raum. Und Highgate ist der coolste Friedhof, den ich kenne, völlig over the top, ein von Mauern umgebener Garten des Todes. Als er 1839 gegründet wurde, kurz nachdem Queen Victoria den Thron bestiegen hatte, war gerade alles Ägyptische groß in Mode. So gibt es dort eine Art Gasse mit Gräbern, die Egyptian Avenue heißt, immer wieder sieht man den Einfluss ägyptischer Grabstätten. Der Mann, der das Ganze entworfen hat, muss einen ausgeprägten Sinn fürs Theatralische gehabt haben. Mich interessiert alles Viktorianische, in Chicago lebe ich auch in einem viktorianischen Haus – als Single in einem Haus mit vier Zimmern! Aber ich brauche Platz für mein Atelier.

Highgate liegt im Norden von London, an einem Hügel, um den sich die Wege winden, so dass man selten weit gucken kann. Auf diesen kurvigen Strecken stößt man dann immer wieder auf Überraschungen. Als der Friedhof neu war, war alles sehr gepflegt, aber im Laufe der Zeit ist die Natur etwas außer Kontrolle geraten – das sieht aus wie die Invasion des Waldes, wirklich sehr schön. In den 90er Jahren war ich zum ersten Mal dort, seitdem ist etwas aufgeräumt worden. Die „Friends of Highgate Cemetery“ haben sich vor allem um die alten Wege und die Mauern gekümmert und stabilisiert, was baufällig war.

Dieser Freundeskreis fing als Vereinigung von Leuten aus der Nachbarschaft an; sie taten sich zusammen, weil die Firma, der der Friedhof damals gehörte, die eine Hälfte einfach abgeschlossen hatte und sich nicht mehr um ihn kümmerte. Highgate wird durch eine Straße in einen alten und einen neuen Abschnitt geteilt. Friedhöfe bringen ja nur Geld, wenn man noch freie Flächen hat, die man verkaufen kann.

In den 1950er Jahren fingen die Schwierigkeiten an, auf dieser westlichen Hälfte des Friedhofs war nicht mehr genügend Platz für viele Beerdigungen, in den 80er Jahren wurde es richtig problematisch. Da gab’s viel Vandalismus. Also haben die Freunde angefangen, weekend working parties zu veranstalten, wo sie ein bisschen Ordnung machten. Der Friedhof ist ja riesig, rund 93 000 Quadratmeter groß – eine enorme Aufgabe. Der Bezirk Camden hat Highgate den Freunden dann für 50 Pfund verkauft.

Ein Friedhof spiegelt die hierarchische Struktur einer Stadt wider, es gibt feine Viertel und weniger begehrte Gegenden. An den Hauptwegen liegen die Leute mit Vermögen, aber alle Klassen wurden hier beerdigt, es gab Gräber für Findelkinder, Gruppengräber für Leute, die sich ein eigenes nicht leisten konnten. So viel Ähnlichkeit mit einer Stadt wie Père-Lachaise in Paris, wo es richtige Straßen gibt, Gebäude, sogar Straßenschilder, hat der Friedhof allerdings nicht. Highgate ist ein bisschen chaotischer.

Das Haus in meinem Roman, in dem Elspeth, ihr Freund Robert und die Zwillinge wohnen und direkt auf den Friedhof gucken, gibt es nicht. Ich habe mir die Gegend genau angeguckt, wo das Haus steht, ist in Wirklichkeit ein Parkplatz. Ich wollte nicht, dass Leser irgendwohin pilgern und die Privatsphäre von anderen stören. Deswegen habe ich auch die Freunde erst mal gefragt, ob ich den Friedhof in der Geschichte benutzen kann. Es ist ja schließlich ein privater Ort, kein öffentlicher Park. Und über den Friedhof ist nicht viel geschrieben worden, jeder der ehrenamtlichen Führer dort wusste mehr, als ich in Büchern finden konnte. Und ich möchte nicht die Rechte anderer Leute verletzen. Wenn sie dagegen gewesen wären, wäre ich wieder gegangen.

Aber Jean Pateman war ganz wunderbar, sie hat mir sehr geholfen. Sie hat den Verein der Freunde mitgegündet, bis vor kurzem war sie auch Vorsitzende. Jetzt ist sie 88 und macht immer noch spezielle Touren, besonders für Leute, die sich für das Ökosystem des Friedhofs interessieren. Da gibt’s zum Beispiel haufenweise Schmetterlinge. Jean hat mir sogar erlaubt, eine Figur im Roman nach ihr zu schaffen, Jessica. Ich habe ihr das Manuskript gezeigt, bevor ich es dem Verlag geschickt habe. Sie hat mit mir auch die Fakten überprüft. Das Buch ist ihr gewidmet.

Auf den alten westlichen Teil des Friedhofs kommt man nur mit Führungen. Als ich vor sechs Jahren mit dem Roman angefangen habe, habe ich selber eine Tour nach der anderen mitgemacht, mit bestimmt 15 verschiedenen Führern. Nach einem Jahr fragte Jean mich, ob ich das nicht selber machen wolle, inzwischen wüsste ich ja genug. Beim ersten Mal hatte ich Angst, dass ich mich verlaufen würde. Aber alle Wege führen wieder zurück zum Eingang, wenn man einfach immer nur weiterläuft, kommt man irgendwann wieder am Eingangstor an. Weil ich ja schon seit Jahren am College unterrichte, macht es mir nichts aus, vor Gruppen zu sprechen. Aber ich hatte Angst, dass ich Sachen erzähle, die nicht stimmen, oder was vergesse.

Die andere Herausforderung war es, die Gräber zu finden und genau zu wissen, wie viel Zeit ich zum Reden hatte. Man braucht ähnliche Fähigkeiten wie beim Schreiben, Führungen sind wie Erzählungen, man verwandelt auf den Touren den Friedhof in eine zusammenhängende Geschichten. Da geht’s um die Historie, einzelne Gräber, auf meiner Tour rede ich auch über Kindersterblichkeit, Armut, die Bevölkerungsexplosion. Mich interessiert die Soziologie des viktorianischen Friedhofs.

Mein Lieblingsgrab ist das von George Wombwell, da liegt ein großer Löwe drauf. Wombwell hatte im 19. Jahrhundert eine Menagerie, und Nero, der Löwe, war berühmt für seine Sanftmut, der ließ Kinder auf seinem Rücken reiten. Es gibt einige Leute auf dem Friedhof mit fantastischen Geschichten. Am Anfang habe ich viel zu viel von dem, was ich über den Friedhof wusste, in den Roman gestopft, aber die Handlung sollte ja vorwärtskommen. Robert, der im Buch ebenfalls Führungen macht, denkt genau dasselbe wie ich immer: Beweg dich! Rede nicht so lang! Die Leute wollen was sehen!

Die Besucher kommen von überall her, aber die meisten sind schon aus England. Nur Chinesen haben wir wenige, die gehen normalerweise gleich über die Straße auf die Ostseite des Friedhofs: weil da Karl Marx liegt. Auf der Seite kann man allein rumlaufen. Marx’ Grab sah ursprünglich ganz anders aus, viel schlichter. Ein flacher Stein auf dem Boden, den hatte er selbst ausgesucht, als seine Tochter starb. Aber in den 1950er Jahren fanden Anhänger, das sei nicht spektakulär genug. Also haben sie dieses Riesending mit dem gewaltigen Kopf aufgestellt.

1996 war ich das erste Mal in London. Ich war ja immer sehr arm, da war es für mich schon eine große Sache, nach New York zu fahren, von Europa ganz zu schweigen. Richtig gelebt habe ich hier nie. Aber ich komme so oft her, wie ich kann, manchmal acht-, zehnmal im Jahr. Dann wohne ich immer bei Jean in Highgate. Irgendwann würde ich mir gern ein kleines Apartment in London suchen, um einen Platz zu haben, wo ich meine Schuhe abstellen kann, dass ich nicht alles dauernd hin- und herschleppen muss. Aber es ist schön, bei Jean zu wohnen, das würde mir fehlen. Ich mache auch immer noch Friedhofsführungen, selbst wenn ich nur kurz da bin. Dann lege ich meinen Besuch so, dass zwei Wochenenden dabei sind.

Als Tourguide hat man das Privileg, alleine rumlaufen zu können, aber immer mit Walkie-Talkie. Ich mag zum Beispiel den Dickens-Weg sehr. Charles Dickens’ Familie hat drei Grabstätten auf dem Friedhof. Er selbst wurde in Westminster Abbey beerdigt, auf Kommando von Queen Victoria, aber seine Frau und einige seiner Kinder liegen hier. Ich mag Dickens’ Bücher, gehe auch deshalb gern hin, weil man da selten jemand anderen trifft. Schon als Kind habe ich ganz viele englische Bücher gelesen, die Brontës, Jane Austen, Arthur Conan Doyle, später Martin Amis, Dorothy Sayers. Interessanterweise kam das London, das ich mir vorgestellt habe, der realen Stadt ziemlich nahe. Als ich zum Beispiel das erste Mal im Green Park stand, hatte ich das Gefühl: Den kenne ich! Das Einzige, was mich wirklich überrascht hat, war die Baker Street. Das ist eine Touristenfalle.

Wenn ich in London bin, fühle ich mich wie zu Hause, obwohl es nicht mein Zuhause ist. Komischerweise komme ich mir nicht wie eine Ausländerin vor. Es ist, als hätte ich Besitzansprüche an die Stadt, weil ich über sie geschrieben habe.

Ganz am Anfang wollte ich das Buch in Chicago spielen lassen, so wie mein erster Roman, „Die Frau des Zeitreisenden“. Und zwar in einem Viertel, das ziemlich runtergekommen ist, wo mittendrin auch ein sehr großer Friedhof liegt, Graceland. Es wäre ein völlig anderes Buch geworden. Chicago als Stadt ist viel muskulöser, rauer, männlicher als London. Und dieses spezielle Viertel – da will man im Dunkeln nicht rumlaufen. Es könnte sich nicht stärker von Highgate unterscheiden. Highgate, das Viertel, in dem der Friedhof liegt, ist wie ein Dorf, da kennt jeder jeden. Ich bin eine anonymere Beziehung zu meinen Nachbarn gewöhnt.

So schön die Vorstellung ist, nach London zu ziehen: Es würde für mich nicht funktionieren. Ich bin eine lebenslange Chicagoerin, bin nie weggezogen, meine Familie lebt hier. Ich habe eine tiefe Zuneigung zu Chicago. Mich verbinden so viele Erinnerungen mit fast jedem Teil der Stadt. Es ist großartig, dort zu leben, weil man die Freiheit hat, zu machen, worauf man Lust hat, egal wie verrückt es ist. In den großen Hauptstädten der Kunst wie New York ist der Druck viel größer, sich anzupassen. Chicago ist trotzdem groß genug für unterschiedliche Kunstszenen. Da passiert vieles im Verborgenen, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mitbekommt.

Deswegen ist die Stadt für mich so fantastisch: weil ich da ganz unbeachtet an etwas arbeiten kann. Wenn es dann fertig ist, gehe ich raus damit in die Welt, nach New York oder London, und zeige, was ich gemacht habe. Das ist sehr aufregend, aber dort draußen in der Welt könnte ich nichts produzieren. In London habe ich auch nie geschrieben. Vielleicht wäre das anders, wenn ich eine eigene Wohnung hätte. Ich mache dort Notizen und Fotos, die bringe ich wie ein Eichhörnchen nach Hause und arbeite daran. Das war manchmal ein Handicap, wenn ich in Chicago saß und dachte, oh, jetzt müsste ich mal kurz was checken. Einige Male habe ich dann Freunde gebeten, hey, könntest du mal in die British Library gehen und das für mich nachschlagen? Mein nächstes Buch spielt in einem Vorort von Chicago, da muss ich nicht viel recherchieren, dort bin ich aufgewachsen.

Chicago ist durch Obama richtig populär geworden. In Paris habe ich mal ein Taxi genommen. Ich spreche praktisch kein Französisch und der Fahrer konnte kein Englisch, aber er hat mich gefragt, wo ich herkomme, und ich habe gesagt: Chicago. Er: „Oh, Obama“, ich: „ja, très bien!“ und er: „ja, très bien!“ Da hatten wir einen kleinen Moment des Glücks zusammen im Taxi.

Im Moment bin ich etwas zerrissen zwischen London und Chicago, weil ich zwei Leben lebe – parallel, aber getrennt –, und zwei Freundeskreise, einen in jeder Stadt. Als „Die Zwillinge von Highgate“ rauskam, haben wir die Premiere auf dem Friedhof gefeiert, wir hatten große Zelte im Hof aufgestellt, die schienen wie Lichter in der tiefen Dunkelheit, das war sehr sehr schön. Dazu habe ich all meine Londoner Freunde eingeladen und meine Familie. Meine Eltern waren noch nie im Ausland, abgesehen von Kanada. Brauchen wir da Pässe?, haben sie gefragt. Ja, braucht ihr. Und dann sind sie gekommen. Sieben Jahre lang habe ich mich auf dem Friedhof herumgetrieben, ihnen ständig davon erzählt und Berge von Fotos gezeigt. Und jetzt haben sie ihn endlich zu sehen gekriegt.

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