Zeitung Heute : Auf Biegen und Brechen Alles eine Frage des Glaubens – oder kann man messen, was Yoga mit einem macht?

Jeannette Krauth

Versprochen wird viel in den gängigen Yoga-Praxisbüchern: Die Palette reicht vom knackigen Po bis zur Optimierung der Schilddrüsenfunktion – alles eine Frage der richtigen Übung. Und so ist das Interesse groß: Vier Millionen Deutsche praktizieren Yoga, bei ihrer Krankenkasse, in der Volkshochschule oder stilecht beim Yogi.

Kann man das irgendwie messen, was Yoga mit einem macht? Der Physiologe Dietrich Ebert hat es versucht und näherte sich dem Phänomen naturwissenschaftlich. Tatsächlich fand der Mediziner positive Einflüsse auf Gehirn, Herz, Wahrnehmung und Motorik. So könne man nachweisen, dass durch Yoga die Blutlaktat- und Cortisolwerte, beides Stress-Indikatoren, sinken. Entspannung aber ist für 95 Prozent aller Yoga-Anfänger die Hauptmotivation, sie wollen abschalten lernen. Die Pause scheint gut zu tun. Messungen der Gehirnströme belegten, dass sich die Aufmerksamkeit erhöhe, sagt Dietrich Ebert.

In Schweden praktiziert sogar das Parlament nach der Methode von Göran Böll so genannten Business-Yoga. Das gilt auch in den Vereinigten Staaten als ideale Manager-Disziplin. „Weil man mit bestimmten Übungen die Konzentration steigern, die Leistungsfähigkeit und die Motivation erhöhen kann“, erklärt Katja Thomsen, die Gründerin des deutschen Netzwerks für Yogalehrer in Firmen. Bislang scheint die Botschaft noch nicht so richtig anzukommen. Leider gingen in Deutschland die Manager immer noch lieber zum Survivaltraining, beklagt Frau Thomsen.

Doch nicht nur dem gestressten Büroarbeiter scheint Yoga neue Frische zu verleihen. Der Psychologe und Yogalehrer Carsten Unger setzt auf einzelne Bestandteile des Yoga in der Therapie von Suchtkranken oder Patienten mit neurotischen Erkrankungen. Unter bestimmten Voraussetzungen könne die Selbstbeobachtung durch Meditation einem helfen, zu unterscheiden, was gut tut und was nicht, glaubt Unger. Durch Yoga distanziere man sich, schalte gewissermaßen den inneren Betrachter ein. Das könne das Selbstwertgefühl steigern, emotionale Labilität und Angstempfinden senken. Wobei, auch das sagt Unger, Yoga ersetzt keine psychotherapeutische Betreuung, es ergänzt sie allenfalls.

Wenn’s im Nacken spannt

Die bis heute umfangreichste Yoga-Studie hat die Verhaltenswissenschaftlerin und Yogalehrerin Martina Bley Mitte der 90er Jahre geleitet. Beteiligt waren das Institut für Naturheilkunde an der Freien Universität und die Charité, die Krankenkassen BKK und Barmer. Und mehr als 80 Prozent der Patienten soll es nach sechs bzw. 18 Monaten täglichen Yoga-Trainings besser gegangen sein. Mehr noch, das tägliche Yoga linderte oft noch Beschwerden an ganz anderer Stelle: Neurodermitis, Nackenverspannungen und chronische Bronchitis hätten sich in vielen Fällen gebessert. Wie erklärt sich Martina Bley die Breitbandwirkung? „Yoga ist eben ein Heilmittel mit positiven Nebenwirkungen“, sagt sie. Und das sei aus Sicht des ganzheitlichen Yogas auch völlig logisch: Schmerz oder eine Krankheit werde durch eine Disharmonie im System Mensch ausgelöst. Der Schmerz ist aber nur eine Ecke, an der sich der gestörte Energiefluss zeige. Wieder ins Gleichgewicht gebracht, gehe es dem ganzen System besser. Also auch da, wo es zwickt. Spezial-Kliniken, die mit Yoga gezielt Krankheiten behandeln, gibt es bereits in London, Turin, auch in Spanien, Argentinien und natürlich in Indien. In Deutschland arbeitet man hingegen meist prophylaktisch statt therapeutisch.

Risiken und Nebenwirkungen

Bei so vielen guten Nachrichten überrascht es fast, dass Yoga nicht ohne Risiken ist. Schon im Lehrbuch des Pradipika aus dem 12. Jahrhundert findet man ein Kapitel über unerwünschte Nebenwirkungen. Passieren kann aber nur etwas, wenn man sich falsch bewegt, der Halteapparat, die Bänder, noch nicht genug gefestigt sind. Oder wenn die Gelenke ungünstig belastet, persönliche Risiken nicht beachtet werden: Jemand mit Bluthochdruck sollte sich nicht minutenlang auf den Kopf stellen, ein Bandscheibengeschädigter kann nicht jede Rückenübung ausführen.

Damit so etwas nicht passiert, helfen nur zwei Dinge: Hinhören, wenn der Körper „Stopp“ sagt, und alle Übungen mit einem fähigen Lehrer durchgehen. Nach mehrmonatiger, intensiver Praxis gibt’s oft ein Stimmungstief, alte Verletzungen kommen hoch, das berichtet sowohl die Verhaltensforscherin Martina Bley, als auch der Yogalehrer Patrick Broome, der schon mit Madonna trainierte. „Das gehört zum Selbstreinigungs-Prozess, der durch Yoga in Gang gesetzt wird", erklärt er. Martina Bley betont, dass andere Kulturen mit solch zeitweiligen Krisen viel selbstverständlicher umgehen, dass sie zur menschlichen Entwicklung einfach dazugehören.

Wie konditionsstark die ganzheitliche Methode macht, kommt allerdings auf den Yoga-Stil an, sagt Yoga- und Fitnesstrainerin Birgit Neumann. „Ganz schnelle Yoga-Arten wie Ashtanga oder Power-Yoga treiben die Pulsfrequenz ähnlich hoch wie Joggen. Krankenkassen-Kurse sind hingegen eher leichte Kost, man dehnt, tut etwas für Beweglichkeit und Entspannung." Wer einmal wöchentlich trainiert, verändert den Körper schon. Aber wer seine Arme so in Form bringen will wie die erklärte Yoga-Anhängerin Madonna oder einen Po anstrebt wie Christy Turlington, das Model bekennt sich ebenfalls zum Yoga, der muss schon täglich trainieren, meint Birgit Neumann. Ist eben doch kein Zaubermittel.

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