Zeitung Heute : Auf dem Sofa zum Selbst

Barbara Bierach

Die Abkürzung PC steht nicht mehr nur für Personal Computer, sondern auch für „Political Correctness“. Was mal als diskriminierungsfreie Sprache angefangen hat, bedeutet heute fast immer ein Denkverbot. Das darf an dieser Stelle nicht stattfinden und deswegen steht hier jetzt in aller Deutlichkeit: Vorruhestand ist was Feines!

Seit der industriellen Revolution wird den Leuten erzählt, der Mensch könne sich nur durch Arbeit selbst verwirklichen. Das ist dummes Zeug, das vor allem den Arbeitgebern nutzt: Viel netter verwirklicht sich das Selbst in Muße.

Dennoch lösen Vorruhestandsregelungen bei den Betroffenen oft Unwohlsein aus. Viele der an sich ziemlich ansehnlichen Verträge werden ausgeschlagen. Wirklich, weil Verarmung droht? In der Regel sind die Kinder aus dem Haus, das Eigenheim fast bezahlt und drei Mal im Jahr geht’s nach Malle. Hier dreht es sich weniger um Geld, als um die Ehre. Viele Mitfuffziger fühlen sich leistungsfähiger als ihre eigenen Söhne. Eigentlich wollten sie gerade ansetzen, um noch mal so richtig was zu reißen, da kommt der Chef und murmelt was von „Kürzer treten“. Überdies schlagen die Ehefrauen Krach. Auch das meist nicht wegen etwaiger Einkommenseinbußen, sondern aus der Horrorvorstellung heraus, ab sofort um den Kerl herumsaugen zu müssen, wenn der jetzt nur noch auf dem Sofa sitzt.

Nach 30 oder 40 Jahren im Job sind die Leute der großen kapitalistischen Selbsthypnose „Menschwerdung findet erst durch Lohnarbeit statt“ so sehr anheim gefallen, dass sie ohne Job nichts mit sich anzufangen wissen. Schade eigentlich, denn es gibt im Leben so viel zu tun, für das keine konkrete Stellenbeschreibung vorliegt. Warum also nicht auf die Bibel hören: „Ich will sein wie eine grünende Tanne“ (Lukas 11, 42)? Die ist bekanntlich saftig, ob es was zu tun gibt oder nicht. Wer es etwas prosaischer mag, denke an den Publizisten Johannes Groß. Von dem ist das Bonmot überliefert: „Es hat noch kein Mensch auf seinem Totenbett gestöhnt: ,Oh Gott, hätte ich doch mehr Zeit im Büro verbracht‘.“

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