Zeitung Heute : Auf dem Trockenen

SANDRA LUZINA

Die Tanzcompagnie Rubato im Theater am Halleschen Ufer "Alles fließt", sagte schon der Philosoph Heraklit."Go with the flow" sagen heute die um ihr Psychoheil besorgten Amerikaner.Fließen galt schon immer als Synonym für Lebendigkeit.Doch Wasser ist nicht nur das Lebenselement schlechthin, sondern ein besonderes Naß, das Mythomanen, Märchenfreunde und Tiefenpsychologen auf den Plan ruft.Die neue Produktion der Tanzcompagnie Rubato mit dem merkwürdigen Titel "Verschlagenes Wasser" entstand als Auftragsproduktion für den Kultursommer Rheinland-Pfalz.Doch keine Rheintöchter, keine Nixen oder Nymphen spült es auf die Bühne des Theaters am Halleschen Ufer.Am Rande sind immerhin kleine Aquarien aufgestellt.Da tröpfelt und rinnt es zu Beginn der Aufführung, wenn die Akteure Schwämme ausdrücken.Doch das kostbare Naß ist hier Mangelelement, ozeanische Gefühle werden so den ganzen Abend nicht aufkommen. Die Tänzer - vier Frauen und drei Männer - sind in Schwarz und Goldfisch-Orange gekleidet.Die Bühne wird in meergrünes Licht gebadet, doch die Akteure tauchen nun nicht in ein anderes Element ein.Bewegungsbilder des Schwimmens, Fließens, Wogens hatte die Choreographin Jutta Hell offenbar nicht im Sinn.Stattdessen dominieren an diesem Abend die stockende Bewegung, die körperliche Starre, der wiederholte Sturz.Von der Verhärtung von Körper- und Ich-Grenzen soll erzählt werden, und so sieht man die Tänzer immer wieder sich anrempeln und schubsen, drängeln und drangsalieren.Bei einem Männertrio hat das durchaus komische Effekte, doch die Ausflüge ins Burleske vermögen ansonsten nicht zu überzeugen.Die auf Kontraste angelegte, allzu absehbare Dramaturgie kombiniert heitere Szenen mit dürrer Zivilisationskritik, die oft in angedeuteten Thesen steckenbleibt.Die Komposition von Wolfgang Bley-Borkowski läßt harte elektronische Klänge mit dahinplätschernder Klaviermusik wechseln. Mit der Zeit entsteht ein Sog der Gruppenbewegung, die Bewegung kommt in Fluß, doch choreographisch wirkt das oft recht verwässert und allzu simpel.Und der Strom der Begierden, die anflutende Wünsche und Sehnsüchte? Bilder sich verströmender Körperlichkeit werden dem nach Sinnlichkeit duftenden Zuschauer bewußt vorenthalten.Die Produktion navigiert nicht durch mythisches oder tiefenpsychologisches Gewässer.Erst am Ende dockt sie sich an frei flottierenden Männerphantasien und Weiblichkeitsmythen an.Frauen und Männer befinden sich am entgegengesetzten Ufer.Die Tänzerinnen verspritzen Wasser, die Männer werden angelockt von dem Naß, baden in ihren Phantasien - eine Szene, die zumindestens eine gewisse Sinnlichkeit besitzt.Die vielfältigen Assoziationen rund ums Wasser werden an diesem Abend kaum geweckt.Die Aufführung sitzt stattdessen auf dem Trocknen.SANDRA LUZINA

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