Zeitung Heute : Auf dem Trockenen

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Wolfgang Jäger hält Kurs. Sein Stahlboot liegt derzeit noch unter einer Plane, doch in zwei Wochen wird es wieder zu Wasser gelassen. Bis dahin stehen noch etliche Flächen auf der „Streichliste“. Foto: Uwe Steinert
Wolfgang Jäger hält Kurs. Sein Stahlboot liegt derzeit noch unter einer Plane, doch in zwei Wochen wird es wieder zu Wasser...Foto: uwe steinert

Unter dem Kiel ist Luft. Und noch weiter unten ein Stück brauner, abgetretener Rasen: Der 6,5 Tonnen schwere Kielkreuzer „Sine Cura“ liegt auf dem Trockenen – aufgebockt auf ein Metallgerüst und eingehüllt in Planen. Und zwar im Winterlager des Vereins Wassersportgemeinschaft Wannseehafen (WSW). Das Lager ist eine Wiese am Teltow-Kanal in Albrechts Teerofen und dort hat man das Gefühl, in ein Werk des Künstlers Christo geraten zu sein: 45 Segelschiffe, alle fast so gut eingepackt wie einst der Reichstag.

Unter der Plane beugt sich Wolfgang Jäger, Besitzer der „Sine Cura“, unter den Bauch seines Bootes und dreht an der Schiffsschraube. Ziemlich verkalkt sieht das Metall aus, mit weißlichen Ablagerungen. „Die muss ich noch sauber machen, damit sie ein bisschen hübsch aussieht“. Aber das ist nicht das einzige, was Jäger an seinem Schiff überholen und erneuern muss, bevor er wieder in See stechen kann. „Sine Cura heißt ja ,ohne Sorge’ – aber im Winter und Frühling, wenn das Boot auf dem Trockenen liegt, hat man eine Menge Sorgen damit. Da ist immer was zu tun.“ Viel Zeit hat der 63-Jährige nicht mehr, bis die Segelsaison für den Verein offiziell startet: Mitte April kommt ein großer Autokran zum Winterlager und hebt einen Tag lang alle Boote ins Wasser des Teltowkanals. Von dort aus schippern die Segler dann ins Sommerquartier des Vereins am Wannsee, gleich neben dem Strandbad auf dem Gelände der Jugendherberge. Wolfgang Jäger ist dafür verantwortlich, dass das alles reibungslos klappt, denn er ist auch Hafenmeister des Vereins. Er kümmert sich darum, dass jedes Boot an den passenden Liegeplatz gelangt. Natürlich auch sein eigenes.

Seit zehn Jahren besitzt er den Kielkreuzer. Als er ihn damals zum ersten Mal gesehen hat, dachte er: „Das oder keins, es hat so einen schön geformtem Bug. Es sieht aus wie ein richtiges Schiff, fast wie ein Panzerkreuzer. Und jetzt liebe ich es.“ Der Rumpf ist aus Stahl, das Deck aus Mahagoni. „Stahl passt ja perfekt, weil ich mein ganzes Leben mit Stahl gearbeitetet habe“, sagt der Baumaschinenverkäufer und Monteur. „Aber ich wollte nie ein Holzschiff haben – naja, jetzt habe ich ein halbes.“ Warum nicht? „Leute mit Plastikschiffen müssen kaum etwas tun, um ihren Kahn für die Saison zu überholen und Holzbootbesitzer am meisten. Das kann zum Fluch werden.“ Sein Schiff liegt irgendwo dazwischen. Aber zum Glück liebt es der Charlottenburger, die „Sine Cura“ zu hegen und zu pflegen: „Man verbringt im Winter und Frühling etwa genau so viel Zeit mit Reparaturen wie mit Segeln im Sommer.“ Und was macht er selbst? „Fast alles.“ Der Stahlbauch zum Beispiel muss mindestens alle zwei Jahre mit einem besonderen Anstrich gegen Rost geschützt werden. Auf dem Deck liegen zwei Schleifmaschinen – Jäger ist dabei das Holz abzuschleifen, bevor er es lackieren kann. Das Mahagoni-Holz soll so gegen UV-Strahlen geschützt werden.

Überall auf dem Boot stehen Dosen voller Lacke und Polituren herum – insgesamt etwa 300 Euro gibt Jäger jedes Jahr aus, um das Schiff auf die Segelsaison vorzubereiten. Oben auf dem Deck fühlt man sich unter der Plane wie in einem Zelt. Damit das Holz, dass er schon abgeschliffen und lackiert hat, nicht wieder verkratzt, hat er erstmal alte Teppiche drauf gelegt. In der Kajüte liegt ein frisch lackiertes Holzstück: „Sine Cura“ ist hineingeritzt. „Ich muss den Namen noch neu mit Blattgold belegen“, sagt Jäger. „Das glänzt am schönsten.“

So viele kleine Arbeiten, bis alles fertig ist! Der Mast muss noch mit Aluminium-Politur geputzt werden, „um ihn vor Umwelteinflüssen zu schützen.“ Und auch der einmal im Jahr fällige Ölwechsel für den Motor steht ihm noch bevor: „Das funktioniert wie beim Auto.“ Und dann sind da noch Neuerungen, die das Segeln in diesem Jahr noch angenehmer machen sollen als zuvor: Eine neue kleine Winsch für das Großsegel hat er schon anmontiert – eine Seilwinde: „Damit ich es in diesem Sommer einfacher habe. Wenn man älter wird, ist so etwas gut.“ Und ans Heck hat er einen Metallbügel geschweißt – jetzt will er darauf noch ein Solarpaneel befestigen, damit er im Sommer auch Strom hat. Wenn dann alle Handwerksarbeiten irgendwann endlich erledigt sind, kommt das Wichtigste: Bei den Arbeiten im Winter hat sich überall auf dem Schiff eine ganze Menge Unordnung eingestellt. „Natürlich muss man saubermachen und aufräumen. Wenn die Sine Cura im Wasser ist, muss wieder alles Picobello aussehen.“

Auch wenn er sich beim Werkeln am Schiff gut entspannen kann – Jäger freut sich schon sehr darauf, endlich wieder auf dem Wasser zu sein. Segeln, das braucht er, um „nach der Arbeit klar im Kopf zu werden“. Oft segelt er mit Frau und Tochter, aber am liebsten mag er es, „im Regen allein mit der Schüssel über den Teich zu schaukeln, wenn es rauer zur Sache geht.“ Und wohin geht’s? „Man kann vom Wannsee aus bis nach New York fahren“, sagt er begeistert. Allerdings ist er selbst noch nicht weiter als bis zur Schleimündung gekommen.

Infos zur Wassersportgemeinschaft Wannseehafen unter www.wsw-berlin.de

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