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Recep Tayyip Erdogan: Der Vorkämpfer für eine auch europäische Türkei

Ertugrul Özkök

Kasimpasa war ein bislang nicht allzu bekannter Stadtteil Istanbuls, der an der Küste des Goldenen Horns liegt. Doch seit der Wahl Recep Tayyip Erdogans zum türkischen Ministerpräsidenten hat sich das geändert. Denn in diesem Stadtteil wuchs Erdogan auf und blieb seinem Wohnviertel bis heute treu. Das zeigte sich beispielsweise auf den Hochzeiten von zwei seiner vier Kinder. Zu den Gästen gehörten nicht nur die Ministerpräsidenten Italiens und Griechenlands, Berlusconi und Karamanlis, sondern auch der Friseur, der Ladenbesitzer und Freunde aus Kasimpasa.

Erdogan, der 1954 im diesem Stadtviertel zur Welt kam, stammt aus einer konservativen Familie. Bereits als Kind entwickelte der heutige Ministerpräsident zwei Vorlieben: Fußball und Geschäftssinn. So kaufte er Altbackenes zu einem niedrigen Preis, ließ es von seiner Mutter mit Wasserdampf auffrischen und verkaufte das Gebäck an den Wochenenden auf den Fußballplätzen in seinem Stadtviertel mit Gewinn.

Doch die größte Leidenschaft des Zehnjährigen war Fußball. Dieser Sport war auch das erste Zeichen für die Rebellion gegen sein Umfeld. Denn zur damaligen Zeit galt Fußball für einige religiöse Menschen als sündhaftes Teufelswerk – auch für seinen Vater, einem Kapitän in der Binnenschifffahrt. Trotzdem kickte der junge Erdogan in der Mannschaft Erokspor in Kasimpasa, die übrigens heute noch existiert. Bereits als Schüler wurde er vom Camialti Sportclub übernommen, der zu den bedeutendsten Mannschaften der Kreisliga Kasimpasas zählte. Noch während seiner Spielzeit bei Camialti fiel er dem Sportclub IETT auf, der zu den Favoriten unter den 1. Kreisligamannschaften Istanbuls zählte. Erdogan wurde als Stürmer übernommen. Als Spieler der IETT-Mannschaft war er zugleich Angestellter der Stadtverwaltung und bezog von dieser auch sein Gehalt. 1976 wurde er mit dem Club Istanbuler Champion. Der Sieg war den Treffern von Tayyip Erdogan zu verdanken.

Noch während seiner Zeit als Fußballspieler studierte er nach Abschluss der als religiös eingestuften Priester- und Predigerschule (Imam Hatip) ab 1973 an der Wirtschafts- und Handelsakademie und engagierte sich aktiv in der Jugendpolitik der Nationalen Heilspartei (Milli Selamet Partisi-MSP). Bei einer dieser Veranstaltungen, wo er als Redner auftrat, lernte er seine zukünftige Frau Emine kennen, die er 1978 heiratete und mit der er zwei Söhne und zwei Töchter hat.

Doch der Militärputsch am 12. September 1980 veränderte sein Leben. Erdogan, 26 Jahre alt, ließ sich zum ersten Mal einen Bart wachsen. „Der Bart wird abrasiert“, befahl die neue militärische Führung der Stadtverwaltung. Doch anstatt sich zu fügen, hängte er seine Fußballkarriere an den Nagel, betätigte sich in der Privatwirtschaft und absolvierte seinen Militärdienst.

Die MSP, wegen der Erdogan in die Politik eingestiegen war, wurde verboten. An ihrer Stelle wurde die Wohlfahrtspartei (RP) gegründet. Mit dieser Partei kehrte auch Erdogan in die aktive Politik zurück. 1984 wurde er Kreisvorsitzender der Partei in Beyoglu und 1985 schließlich Vorstandsmitglied der Partei. Während seines Aufstiegs in der Politik musste er auch einige Niederlagen hinnehmen. Sowohl seine Kandidatur zum Abgeordneten im Jahre 1986 als auch die Kandidatur bei den Bürgermeisterwahlen von Beyoglu im Jahre 1989 scheiterten. Bei den Parlamentswahlen 1991 kandidierte er erneut als Abgeordneter. Dank des neuen Wahlsystems erhielt er zwar die Möglichkeit, ins Parlament einzuziehen, musste in letzter Sekunde allerdings seine Bestimmungsurkunde zum Abgeordneten wieder abgeben. Bis zu den Wahlen im März 1994 hatte er die Istanbuler Bezirksleitung seiner Partei inne. Bei diesen Wahlen wurde er zum Oberbürgermeister Istanbuls gewählt.

Wegen einer Rede 1997, in der er ein Gedicht zum Thema „Speerspitzen, Minarette und Kasernen“ vortrug, wurde er gemäß Paragraf 312 (Aufwiegelung des Volkes) zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt und musste deshalb seinen Posten als Bürgermeister aufgeben. Am 26. März 1999 trat er seine Haftstrafe an, von der er nur vier Monate verbüßte.

Mittlerweile war 1998 die Wohlfahrtspartei verboten und auch die Nachfolgerin, die Tugendpartei (Fazilet Partisi/FP) überlebte nur bis zum Juni 2001. Bereits im August gründete Erdogan mit FP-Abgeordneten die AKP und wurde deren Vorsitzender. Doch bei den Parlamentswahlen im November 2002 wurde seine Kandidatur vom Hohen Wahlrat abgelehnt.

Die AKP, die aus den Wahlen als stärkste Partei hervorging, bildete die 58. Regierung unter Führung von Abdullah Gül. Erdogan dagegen blieb weiterhin Vorsitzender der Partei. Durch Änderungen des Grundgesetzes und einiger anderer Gesetze wurde dann der Weg für eine Kandidatur Erdogans frei. Nachdem die Wahl in Siirt vom Hohen Wahlrat für ungültig erklärt wurde, konnte Erdogan bei einem erneuten Urnengang als Abgeordneter gewählt werden. Am 11. März 2003 legte Erdogan im türkischen Parlament seinen Eid ab und bildete drei Tage später die jetzige Regierung.

Der Lebensweg Erdogans ist auch ein Spiegelbild der Widersprüchlichkeiten in der türkischen Politik. Die religiös motivierte Bewegung, in der sich Erdogan politisch engagierte, hatte schon immer Probleme mit dem türkischen Militär. Aber wie das Schicksal es wollte, machten beide Militärputsche in den letzten 25 Jahren den Weg frei für seinen politischen Aufstieg.

Der Militärputsch vom 28. Februar 1998 fegte den religiösen Politiker-Guru Necmettin Erbakan von der politischen Landkarte und ebnete Erdogan den Weg zum Ministerpräsidenten. Der konservative Junge aus Kasimpasa trat als Baumeister einer liberalen Politik auf. Beharrlich sagte er immer wieder: „Ich habe mich geändert.“ Seine Gegner behaupteten indessen: „Nein, er hat sich nicht geändert, er verbirgt nur sein wahres Gesicht.“

Wie dem auch sei, Erdogan hat innerhalb von zwei Jahren grundlegende Reformen auf den Weg gebracht. Diese Reformen, die der Türkei den Weg in die EU ebnen sollen, stellen eine radikale Weichenstellung dar. Er ist zu einem der Architekten der grundlegendsten Modernisierung in der türkischen Geschichte geworden. Genauso wie damals Adnan Menderes und Turgut Özal.

Der Autor ist Chefredakteur der „Hürriyet“.

Respekt ist eine

Haltung, die das 21. Jahrhundert prägen wird. Respekt zeugt vom Prinzip der Gegenseitigkeit, lebt von der Emanzipation der Vielfalt und versteht sich als Lernfähigkeit, die einen

eigenen Standpunkt praktiziert. Der Ministerpräsident der Republik Türkei, Recep Tayyip

Erdogan, baut Brücken, deren Fundament

Respekt ist.

Wer Brücken baut, muss sich durch zweierlei

befähigen: Pioniergeist , der hilft, Distanzen zu überwinden, und Sensibilität , die weiß, was die Dinge trägt. In der

Persönlichkeit von

Recep Tayyip Erdogan vereinigen sich demokratische Überzeugung und religiöse Verwurzelung in glaubwürdiger Weise. Seine Reform-Philosophie, universelle Werte und muslimische

Tradition miteinander zu versöhnen, ist sowohl Vorbild als auch Modell.

Der Ministerpräsident der Republik Türkei ist Europäer des Jahres . Ein Europäer, für den Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geistige Heimat sind. Mit der

Verleihung der „Quadriga“ an den türkischen Ministerpräsidenten will der Verein Werkstatt Deutschland auch allen türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern Dank für ihre

Leistungen zum Wohle Deutschlands sagen,

ihnen Anerkennung

zollen und Partnerschaft

und Miteinander

demonstrieren.

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