Zeitung Heute : Auf dem Weg zum Luxus

Heinrich Heine musste bei ihrer Gründung weinen, und sein Vater ging hier mit englischem Samt Pleite. Die Interessengemeinschaft Damenoberbekleidung brachte das Geschäft nach dem Krieg in Schwung. Die Kö, Deutschlands berühmteste Allee, ist 200

-

Die Pelzjacke für nur 1600 Euro ist doch eher ein Pelzjäckchen. Vor dem Pelzjäckchen stehen zwei GanzlederMotorrad-Rocker und haben den kongenialen Kö-Blick. Der Kö-Blick ist der spezifische Gesichtsausdruck, den man spätestens beim Betreten der Düsseldorfer Königsallee aufsetzen sollte. Der Kö-Blick verbindet ein leicht übellauniges Das-hab-ichaber-schon-besser-gesehen! mit grundsätzlicher Begeisterungsfähigkeit. Vor allem aber beherrscht der Kö-Blick die Kunst der Nichtwahrnehmung. Die Ledermänner sind Virtuosen des Übersehens. Die beiden schwarzen Armani-Anzüge links neben dem Jäckchen passen einfach nicht in ihre Pupille. Was existiert und was nicht, entscheidet mein Blick. Das ist die Göttlichkeit des Kundenauges. Es ruft ins Dasein oder zurück ins Nichts. Eine ältere Dame in Beige und Himmelblau mit Hut fixiert die beiden Ledermänner trotzdem, als sei soeben die chinesische Kulturrevolution an der Kö ausgebrochen. Was sollen die denn hier essen? An der Kö gibt es keinen Burger King. Noch nicht.

Die Königsallee wird 200. Na und, sein Kino ist bald 100. Wird es aber nicht mehr, weil es noch dieses Jahr zumacht. Carsten Breuer feiert nicht mit. Er sitzt im ersten Stock seiner „Lichtburg“, wo bald ein „Starbucks“ einziehen wird und unten „Stefanel“. Breuer pfeift das Starbucks durch die Zähne, als wollten McDonald’s und Burger King zusammen seinen Schreibtisch raustragen und stattdessen eine große Friteuse aufstellen. Ist das peinlich, sagt Breuer. Nirgends sonst käme man auf die Idee, Starbucks peinlich zu finden. An der Kö schon.

Ist Düsseldorf nicht eine zufällige Ansammlung von Häusern, die sich rings um die Königsallee aufgestellt haben?

Hinter Breuer hängt das Robertde-Niro-Plakat „Reine Nervensache“. Aber Nerven hat der Kinobetreiber und selbstständige Vergoldermeister Breuer nicht mehr. Bilderrahmen-Vergoldermeister ist sein Hauptberuf. Handarbeit, uralte Technik, „über Eck gearbeitet“. Ganz seltener Beruf. Breuer hat viel Sinn für Tradition. Sonst hätte er die Lichtburg nicht mal angeschaut. Ja, wenn sie leer wäre. Ist sie aber nicht. Der selbstständige, über Eck arbeitende Vergoldermeister spielt in drei Sälen drei Dokumentarfilme auf einmal. Und die drei Säle sind immer voll. Das hat doch Stil! Ein Dokumentarfilm handelt vom Meer, „Fische und so“, einer von der Tour de France und einer darüber, wie man nach ein paar Wochen Mc Donald’s aussieht.

Wer passt auf die Kö?

Die Königsallee glaubt, was jeder Mensch von sich weiß: dass sie etwas Besonderes ist. Aber warum zerstört sie dann ihre Tradition? Und gibt es das Besondere überhaupt noch? Heute wird selbst das Exklusive homogen. Überall derselbe Luxus. Dieselben Läden, in allen Ländern, in allen Städten. Überall ist es wie zu Hause, nirgends ist es wie zu Hause, auch das ist Globalisierung.

Oder die Kö hat doch Recht: Wer keinen Burger King hat, fällt aus jedem Rahmen. Und woher kommt bloß dieses merkwürdige Gefühl, das man am Ku’damm noch nie hatte: nicht so recht in diese Straße zu passen?

Die übersehenen Armani-Anzüge und das Pelzjäckchen gehören Heinemann. Das ist der Herren- und Damenausstatter, der nicht zu merken scheint, dass es immer weniger auszustattende Herren und Damen gibt, auch in Düsseldorf. Heinemann integriert alle Buchstaben. A wie Aigner oder Armani, B wie Bogner oder Bree, C wie Chanel… Wer bei Heinemann nicht vorkommt, sollte mal über sich nachdenken. Sie kennen Heinemann nicht? Gibt es auch nur in Düsseldorf. Das ist die Kunst – total lokal sein und trotzdem weltberühmt. Und irgendwie über Eck gearbeitet wie Breuers Bilderrahmen.

Wer in Düsseldorf Erfolg haben will, dessen Name sollte mit H anfangen. Das ist ein Erfahrungswert. Im Jahr 2000 wählten die Leser der „Rheinischen Post“ den größten Düsseldorfer. Fängt auch mit H an. Konrad Henkel, der von Persil. Es gab mal einen Düsseldorfer, auch mit H, auch nicht ganz erfolglos, der hieß wie Heinemann ohne Mann und war bei der Gründungsgeschichte der Kö dabei.

Als er noch ein kleiner Junge war, kam er eines Tages auf den Marktplatz von Düsseldorf, und darauf standen schon der alte Schneider Kilian, ein noch älterer pfälzischer Invalide und viele Bürger Düsseldorfs. Sie lasen einen großen Anschlag und weinten. Der kleine Junge stellte sich dazu, weinte mit, und fragte dann den Invaliden: Warum weinen wir? Da antwortete der Invalide: Der Kurfürst lässt sich bedanken. „Und dann las er wieder, und bei den Worten: ,für die bewährte Untertanstreue’ und ,entbinden euch eurer Pflichten’, da weinte er noch stärker.“

Die Ratsherren gingen stumm und abgedankt umher, und in der Nacht träumte der Junge, dass die Blumengärten und Wiesen wie Teppiche eingerollt werden, die Sterne fallen vom Himmel, und ein alter Mann und eine alte Frau begraben den Mond. Am nächsten Morgen schien die Sonne, die Franzosen zogen mit großen Trommeln ein in Düsseldorf, der kleine Junge hatte schulfrei wegen der Huldigung der Franzosen, und dann machten die Franzosen viele neue Gesetze. Sie bestimmten auch, dass Düsseldorf keine Stadtbefestigung mehr haben dürfe.

Nun ging alles genau wie heute. Zuerst wurde eine Kommission gebildet, eine Schleifungskommission, und da so eine geschliffene Stadtbefestigung unordentlich aussieht, kam jemand auf die Idee, man könne den Wehrgraben mit Wasser füllen, links und rechts eine Straße bauen und daneben ein paar Bäume pflanzen. Fertig war die Königsallee. Und so sieht sie immer noch aus. Das französische Wort Boulevard kommt vom deutschen Wort Bollwerk und bedeutet: Straße, auf einer geschleiften Stadtwehr errichtet. Darum ist unter Carsten Breuers Lichtburg auch die alte Stadtmauer.

Eigentlich müsste die Königsallee die Königsalleen heißen, denn es sind in Wirklichkeit zwei Boulevards, und in der Mitte schwimmen trübsinnig die Düsseldorfer Karpfen, im Rhein haben sie keine Chance. Der Rhein fließt viel schneller als ein Karpfen schwimmen kann. Beide Boulevards haben also eine sehr urbane Seite und eine Karpfenseite. Manchmal kommen Menschen herüber auf die Karpfenseite, schauen zwischen den Bäumen hinunter in den Graben und haben fast denselben schnappenden Ausdruck wie die Fische. Die Königsallee ist nämlich eine sehr anstrengende Straße. Nur dass die von der linken Königsallee anders schnappen als die von der rechten Königsallee.

Auf der rechten Straße wird das Geld ausgegeben, auf der linken wird es verdient. Und weil das Grundgesetz dieser Straße die Übertreibung ist, ist das immer sehr viel. Rechts steht eine Nobelboutique, steht eine Nobelboutique, steht eine Nobelboutique. Links steht eine Bank, steht eine ... Da das Geldverdienen eine sehr diskrete Angelegenheit ist und die Banken-Häuser hochgeschlossene Sandsteinfassaden tragen, ist auf der linken Königsallee fast kein Mensch, und auf der rechten sind alle.

Die beiden Motorrad-Rocker haben doch nicht den Kö-Blick. Seine Bewegungsform ist das Gleiten. Er gleitet über alles hinweg. Die meisten Dinge dieser Welt haben auch nichts Besseres verdient. Der Kö-Blick haftet nie. Am allerwenigsten aber an Preisschildern. Es ist indiskret, andere merken zu lassen, dass man schon wieder seine Platin-Karte überzieht.

Düsseldorf ist die Heimatstadt der gehobenen Konfektion. Und, was kaum einer weiß: Heine ist der Stammvater aller Düsseldorfer Heinemänner. Nicht Heinrich direkt, sondern sein Vater Samson. Als Samson Heine nach Düsseldorf kam, um Heines Mutter zu heiraten, besaß er zwölf Reitpferde und noch viel mehr Hunde. Das war sein Kapital. Etwas später hatte er überhaupt kein Pferd mehr und nur noch einen einzigen Hund, dafür meldete die Düsseldorfer Lokalzeitung am 6. Juni 1797 die Eröffnung eines Geschäfts mit „neumodischen Waren“. Also genau das, was es an der Kö heute noch zu kaufen gibt. Samson Heines Lieblingsluxusware hieß Velveteen und war eine Art englischer Baumwollsamt, den er für den großartigsten aller Stoffe hielt, unentbehrliche Grundlage für die schönsten aller Kleider. Ohne diese Überzeugung öffnet noch heute kein einziger Laden an der Kö. Das Velveteen hatte nur einen Fehler. Es erwies sich als tendenziell unverkäuflich. Insofern ist Samson Heine auch der Vater aller Düsseldorfer Konfektionskrisen.

Die Krise an der Kö ist allgegenwärtig, aber gut getarnt. Sie schwingt als Unterton in den Gesprächen der Passanten mit. Sie schaut aus den vielen Kö-Baustellen, wo gerade ein neues Label die Spuren seines glücklosen Vorgängers tilgt.

Gibt es ein Gesetz des Scheiterns an der Kö? Das erste Risiko heißt Miete. Carsten Breuers Vermieter hatte immer gesagt: Nie im Leben müsst ihr hier raus! Das Leben war der Haken. Denn jetzt ist der Lichtburg-Vermieter tot und hinterließ eine große kinofeindliche Erbengemeinschaft. Ja, wenn wir 100000 Euro Miete im Monat zahlen könnten, sagt Breuer. Aber soll er wirklich 40 Euro Eintritt für die Fische-Doku nehmen?

Mit dem zweiten Grundgesetz des Scheiterns ist es schon schwieriger. Samson Heine und sein Sohn würden es bestimmt nicht verstehen. Nehmen wir mal den Jil-Sander-Laden. Der Jil-Sander-Laden ist sehr, sehr groß, hat ein riesiges Schaufenster, und in dem riesigen Schaufenster ist ein einziges Kleid. Das Kleid ist weiß und hat außer seiner Weiße im Grunde gar nichts, und die Puppe, die es trägt, besitzt keinen Kopf und ist auch ganz weiß, so dass man gar nicht sehen kann, wo die Puppe aufhört und das Kleid anfängt. Dem Velveteen-Händler Samson Heine würde das Herz wehtun vor Mitleid.

Für Armani dagegen ist noch Hoffnung. Armani hat zwei Puppen, zwei Taschen und zwei Schuhe, einen linken und einen rechten. Ein paar Schritte weiter hat „Exclusive Fashion“ aus Hamburg eine Filiale. Alles leuchtet so bunt, und statt zwei Puppen kann sich „Exclusive Fashion“ so viele leisten, dass kein Mensch mehr Lust hat, sie zu zählen. Endlich ein Hauch von Wohlstand. Und so reich sind die, dass sie sogar 75 Prozent Discount geben können. Samson Heine würde aufatmen. Nur eins ist merkwürdig. „Exclusive Fashion“ schreibt eine ganze Abhandlung an seine Eingangstür. Die Abhandlung trägt die Überschrift „Schließung“ und beginnt: „Wegen anhaltender wirtschaftlicher Stagnation und da keinerlei Zukunftsperspektive in Aussicht ist, müssen wir leider unsere Filiale in Düsseldorf schließen, obwohl wir sehr viel in diesem Ladengeschäft investiert haben. In Hinblick auf die Tatsache jedoch, dass die Zukunft der Wirtschaft in jeder Hinsicht düster aussieht und unter Erwägung…“ Und so geht das immer weiter. Da hat ein geborener Leitartikler versehentlich ein Konfektionsgeschäft an der Kö eröffnet.

Er hat ja Recht. Sehr viel zu lesen gibt es nicht mehr an der Kö, seit vor ein paar Monaten die Schrobsdorff’sche Buchhandlung zugemacht hat. Nach 132 Jahren. Die Schrobsdorff’sche Buchhandlung war das älteste Geschäft an der Kö. In seinem Innenhof wächst der Ginkgobaum, unter dem einst Goethe gesessen haben soll, so dass die Schrobsdorffer vor lauter Respekt ihren Laden um den Baum herumgebaut haben. Und so etwas machen die einfach zu?

Pleitegehen ist das erste Risiko an der Kö, Überfallenwerden ist das zweite. Überfallsopfer wie der Juwelier René Kern oder „Rent a Juwelier“ neigen auch zum Verfassen längerer Texte: „Brutale Raubüberfälle veranlassten erhebliche Sicherheitsmaßnahmen und diese Einzelpersonenschleuse.“ Vor „Rent a Juwelier“ stehen nun viele Passanten, die fasziniert die Einzelpersonenschleuse betrachten – wer sagt eigentlich, dass man da drin Luft bekommt? – und die Juwelen glatt darüber vergessen.

„Franzen“, der Laden für alle, die Eierlöffel aus Perlmutt brauchen, veranstaltet gerade das Gewinnspiel „Franzen sucht den Supertisch“. Düsseldorfer Damen ab 50 betrachten 32 gedeckte Tische im Laden und werfen immerzu Karten in die große „Supertisch“-Gewinnbox. Nein, um Franzen, den großen Düsseldorfer Geschirrladen, der früher ein ganz kleiner Düsseldorfer Geschirrladen war, muss man sich keine Sorgen machen.

Irgendwann weiß man, warum es auf der Königsallee so anders ist als auf dem Ku’damm. Überall sonst darf sich der Mensch passend zu diesem Sommer kleiden, wie ein zeitloses Tiefdruckgebiet eben. Aber hier schauen die Verkäufer und Passanten dann, als trüge man gar nichts. Menschen kommen nicht nur auf die Königsallee, um sich etwas zum Anziehen zu kaufen, etwa das Pelzjäckchen für 1600 Euro, Größe 34, wenn’s hochkommt, und garantiert nabelfrei. Nein, wer auf die Kö geht, zieht sich so an, dass alle sehen können, dass er schon mal auf der Kö war.

Auf der Banken-Seite läuft es sich leichter. Eine Bank, noch eine Bank. Dann kommt die „Westdeutsche Zeitung“. Die „Westdeutsche Zeitung“ ist, nachdem die Schrobsdorff’sche Buchhandlung weg ist, zusammen mit dem Leitartikler von „Exclusive Fashion“ der letzte Repräsentant des gedruckten Buchstabens an der Königsallee. Umstellt von den Repräsentanten der gedruckten Zahlen.

Sonst ist der Geist an der Kö vor allem in den Fußboden eingelassen. In der größten Ladenpassage, der Kö-Galerie, läuft der Flaneur alle paar Schritte über einen wichtigen Dichter-, Architekten- oder Musikernamen. Messingbuchstaben mit schwarzem Marmor. Die Lichtburg kriegt nun auch bald so eine schöne Platte. Darauf ist Carsten Breuer besonders stolz: Hier ruht ..., nein, „An dieser Stelle stand das Düsseldorfer Traditionskino Lichtburg.“ Heines Platte ist gleich am Eingang der Kö-Galerie. Wahrscheinlich hätte ihm das gefallen.

Er wäre ohnehin viel lieber Millionär als Dichter geworden. Düsseldorf nennt sich gern Klein-Paris. Das wusste Heine nun wirklich besser. Wenn er etwas ganz genau kannte, dann war das der Unterschied zwischen Düsseldorf und Paris. Aber dass sich der Velveteenismus in seiner Vaterstadt doch noch durchgesetzt hat! Sollen sie seinen Namen ruhig im Fußboden versenken zwischen zwei Boutiquen, solange schöne Frauenfüße drüberlaufen. An diesem Wochenende feiert sich die Königsallee mit einer großen Open-Air-Modenschau. Kurz nach dem Krieg, noch zwischen den Trümmern, hat sie das schon einmal gemacht. Organisiert von der „Interessengemeinschaft Damenoberbekleidung“. Gibt es ein verlässlicheres Zeichen für Normalität als den Luxus?

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar