Zeitung Heute : Auf dem Weg zur Briefkastenfirma

ULF SCHLÜTER

Seit Jahren debattieren die Gewerkschaftsfunktionäre darüber, ihren Dachverband, den Deutschen Gewerkschaftsbund, stärken zu wollen.Mächtiges Sprachrohr aller Gewerkschaften solle er sein, ausgerüstet mit der entsprechenden zeitgemäßen und effektiven Aufgabenteilung zwischen den Gewerkschaften und dem DGB.Allen Bekenntnissen zum Trotz kommt die Reorganisation nicht in Gang.Bereits 1996 beim Gewerkschaftstag in Dresden wurde das Thema vertagt.1998, beim jetzigen DGB-Kongreß in Düsseldorf, sollte es endlich auf den Weg gebracht werden.Doch die Funktionäre verweigerten der DGB-Spitze das Mandat zu Reformen.Allein die Entscheidung, den Sitz der DGB-Zentrale nicht von Düsseldorf nach Berlin zu verlegen, läßt mehr als Zweifel aufkommen, ob die Einzelgewerkschaften es ernst meinen, wirklich Kompetenzen auf den DGB zu verlagern.

Täten sie es, dann hätten ihre Delegierten diesen Willen natürlich mit einer Entscheidung für Berlin bekräftigen müssen.Denn der Umzug ist allein aus politischen Erwägungen heraus notwendig.Wer aber mit angeblichen Kosten gegen die räumliche und funktionale Nähe zur Bundesregierung argumentiert, hat die Herausforderungen für die Zukunftsgestaltung der Gewerkschaften nicht begriffen.Stattdessen überwiegt der fatale Eindruck, man habe aus Rücksicht auf die - menschlich verständlichen - Forderungen von Betriebsrat und Belegschaft der Düsseldorfer DGB-Zentrale auf den Umzug verzichtet.Während andere Interessensverbände fieberhaft daran arbeiten, in der Hauptstadt vertreten zu sein, bleibt der DGB außen vor.Ein Verbindungsbüro kann nur die zweitbeste Lösung sein, wenn es darum geht, wirksam Lobbyismus zu betreiben.Es entspricht auf keinen Fall dem eigentlichen Konzept, im DGB gewerkschaftspolitische Interessen wirksam zu bündeln.

Zum Streit um die DGB-Reform kommt hinzu, daß die Gewerkschaften unter einen starken Anpassungsdruck geraten sind.Ihr Zuschnitt entspricht schon lange nicht mehr den sich unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs schnell ändernden Arbeitsbeziehungen.Die Industriegesellschaft wandelt sich in die Informationsgesellschaft.Die traditionellen Arbeitsverhältnisse in den Fabrikhallen weichen denen der international verflochtenen Unternehmen.In der rasant wachsenden Dienstleistungsbranche gibt es gewerkschaftsfreie Zonen.Immer offener wird von einer "Organisationslücke" bei Angestellten, Jugendlichen und Frauen gesprochen.Und noch immer tun sich die Gewerkschaften schwer mit der steigenden Zahl geringfügig Beschäftigter oder Scheinselbständiger.Eine tarifpolitische Antwort darauf steht aus.Modernen gewerkschaftlichen Kräften, die offen über Differenzierungen in Tarifverträgen nachdenken, steht ein mehrheitlich traditionalistisch orientierter Flügel gegenüber.Doch eine Verweigerung innovativer Regelungen wird die Gewerkschaften weiter ins Abseits drängen.Schon jetzt werden sie Mühe haben, all jene Betriebsparteien wieder einzufangen, die sich über Tarifverträge hinwegsetzen und maßgeschneiderte Verabredungen treffen.Da helfen "Visionen von der 25-Stunden-Woche" (Schulte) nicht weiter - zumal, wenn sie wirklichkeitsfremd sind.

Auch ihre acht Millionen Mark teure Wahlkampagne kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Gewerkschaften derzeit jedenfalls kaum Gestalter des Wandels sind.Ihre eigenen Reformbemühungen mögen dafür beispielhaft sein: Die erhofften Signale für einen Aufbruch sind beim DGB-Kongreß ausgeblieben.Strukturreform heißt für sie bis jetzt lediglich Fusion.Immer mehr Gewerkschaften schließen sich zusammen.Sie folgen dabei eher dem Zwang großer Finanzprobleme, ausgelöst durch schrumpfende Mitgliederzahlen, als der Einsicht, Ressourcen sinnvoll teilen zu wollen.Es könnte sein, daß am Ende dieses Prozesses nur noch vier oder fünf große Gewerkschaften übrigbleiben.Spätestens dann stellt sich die Frage, ob der DGB als gemeinsame Interessenvertretung noch notwendig ist.Die Beantwortung der Frage hängt vor allem davon ab, ob die Gewerkschaften bereit sein werden, Teile ihrer Macht tatsächlich auf den DGB zu übertragen.Tun sie es nicht, degeneriert er zu einer Briefkastenadresse: Düsseldorf, Hans-Böckler-Straße.

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