Zeitung Heute : Auf den Spuren Einsteins

Seit Gründung der Kaiser Wilhelm Gesellschaft im Jahre 1911 werden in Dahlem physikalische Forschungen betrieben

Michael Engel

Stephen Hawkings wie auch Brian Greenes Bücher verkaufen sich gut, die Entstehung des Universums ist Fernsehthema. Da passen „100 Jahre Spezielle Relativitätstheorie“ gut ins Konzept. Der Nimbus des Physikers Albert Einstein ist groß – verständlich, dass sich die Nachgeborenen auf Spurensuche begeben. Auch in Dahlem hat Albert Einstein gewirkt. Außerdem gibt es zahlreiche Spuren der weltberühmten physikalischen Forschung auf dem Gelände westlich der Thielallee. Kaiser Wilhelm II. plante in Dahlem ein deutsches Oxford zu errichten und ließ ab 1911 sechs Institute der kurz zuvor gegründeten Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (KWG) erbauen. Der große Physiker lebte von April bis Ende Dezember 1914 in der Ehrenbergstraße 33 in Dahlem – nachdem er aus Zürich an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin berufen wurde. Auch hatte er in dieser Zeit ein Büro im Haberschen Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie als „wissenschaftlicher Gast“ und war später Zuhörer bei den wissenschaftlichen Veranstaltungen. Einsteins Vertrag mit der Preußischen Akademie der Wissenschaften sah vor, dass der Physiker ohne Lehrverpflichtungen war und sich deshalb seinen Forschungen gern auch von zu Hause aus widmete. Selbst als er Direktor des 1917 gegründeten Instituts für Physik der KWG wurde, leitete er die Forschungseinrichtung zunächst von seiner Schöneberger Wohnung aus. Mit dem Bau des Institutsgebäudes wurde erst zwanzig Jahre später begonnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Einstein dem Land lange den Rücken gekehrt.

Auch ohne ein eigenes Institutsgebäude wird in den Instituten der KWG in Dahlem intensive physikalische Grundlagenforschung betrieben. Einsteins Nachfolger auf dem Direktorenstuhl des Physikinstituts etwa, der niederländische Nobelpreisträger Peter Debye, widmete sich bereits Problemen der Atomphysik und ließ einen ersten Teilchenbeschleuniger einrichten. Der dafür aus Ziegeln gemauerte runde Turm in der Harnackstraße steht heute noch. Die Politik des Dritten Reiches trifft den noch jungen Hort physikalischer Forschung in Dahlem schwer. Unzählige fähige Wissenschaftler gehen ins Exil.

Die österreichische Physikerin Lise Meitner arbeitete seit 1912 bis zu ihrer Emigration 1938 am damaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie (heute Otto-Hahn-Bau der FU). Gemeinsam mit Otto Hahn und Fritz Strassmann wies sie in dem Haus an der Thielallee 63-69 nach, dass sich Uran durch Neutronenbeschuss spalten lässt. Obgleich sie für ihre Arbeit mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen wird, muss Lise Meitner 1933 ihre außerordentliche Professur am Institut aufgeben. Sie geht später ins Exil nach Schweden. Den Nobelpreis für Chemie erhält 1945 nicht sie, sondern allein Otto Hahn.

Auch am Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie entwickelte sich die Physik unter Fritz Haber bis 1933 viel versprechend. Die sich andeutenden großen wissenschaftlichen Innovationen, etwa die grundlegenden Arbeiten zur Kristallstrukturanalyse, wurden auch hier mit Hitlers Machtantritt abrupt beendet. Neben dem Direktor verließ fast die gesamte Wissenschaftlergruppe das Institut.

Für die Bedeutung der Physik in Dahlem sollte das Forschungslaboratorium für Höhenstrahlung der Friedrich-Wilhelm-Universität nicht vergessen werden. Es wurde 1935 auf dem „Obstbaugelände“ – ungefähr am Platz der jetzigen Erziehungswissenschaftlichen Bibliothek – errichtet. Der Leiter des Laboratoriums war Werner Kolhörster, der gemeinsam mit Walther Bothe an entscheidenden Entdeckungen beteiligt war, für die Bothe 1955 den Nobelpreis erhielt.

Mit der Entdeckung der Kernspaltung in Dahlem endet am 22. Dezember 1938 die „ruhige“ Phase der modernen Physik. Ein unerhörtes, allen gängigen Theorien widersprechendes, doch unwiderlegbares Phänomen erschütterte die Wissenschaft. Die theoretische Erklärung durch Lise Meitner, die inzwischen in Stockholm lebte, erfolgte wenige Wochen später. Als Physiker im In- und Ausland erkannten, dass diese Kernspaltung Energie liefern kann, begann die Fachwelt unverzüglich erste Konstruktionsprinzipien einer solchen „Uranmaschine“ zu diskutieren. In diesem ersten Kriegsjahr wurde deshalb auch das Kaiser Wilhelm Institut für Physik vom Heereswaffenamt konfisziert. Einige junge, wenig erfahrene Physiker sollten gemeinsam mit weiteren deutschen Arbeitsgruppen eine derartige Maschine entwickeln. Dies erwies sich jedoch in der Praxis als wesentlich schwieriger als erwartet. Das Projekt wurde abgebrochen, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft erhielt ihr Institut 1942 zurück, führte die Arbeiten jedoch in eigener Regie weiter.

Der Nobelpreisträger Werner Heisenberg kam von der Leipziger Universität an das besagte Institut, wo bereits der theoretische Physiker Max von der Laue und mehrere Arbeitsgruppen Debyes wirkten. Um den Turm herum entstand ein aufwändiges Laboratorium, das von dicken Betonwänden umgeben war. Diese bunkerartige Anlage sollte den geplanten Kernreaktor aufnehmen, die Betonwände vor radioaktiven Strahlen wie vor Angriffen von außen schützen. Die Forscher diskutierten, ob die Kernspaltung auch zur Entwicklung einer neuartigen Bombe mit hoher Sprengkraft dienen könnte. Der Physiker Heisenberg musste die Frage bejahen. Bei einem nicht-öffentlichen Vortrag im damaligen „Haus der Forschung“ in der Grunewaldstraße soll er darüber berichtet haben.

Damit war nun keinesfalls der Bau der Atombombe geplant, Voraussetzung dafür war der Ablauf einer kontrollierten Kettenreaktion, die erstmals dem Italiener Enrico Fermi im Dezember 1942 in Chicago gelang. Entscheidende Versuche dazu sollten 1943 in Dahlem ausgeführt werden. Bevor es dazu kam, wurde die gesamte Arbeitsgruppe mit allen Geräten und Materialien ins Württembergische verlagert. Als eine Gruppe der sowjetischen Armee bei der Einnahme Berlins in Dahlem einrückte, war die Enttäuschung riesengroß. Den Sowjets blieb nur die übliche Demontage aller Einrichtungen und ihr Abtransport in die UdSSR. Von einem sehr gut ausgestatteten Physikinstitut blieben nur noch kahle Räume. Diese wurden 1949 der neu gegründeten Freien Universität überlassen. Heute befindet sich darin das Archiv der Freien Universität.

Der Nationalsozialismus hat in ganz Berlin exzellente Forschung zerstört. Nach dem Krieg war es nicht leicht an die große Tradition, die die Physik in Berlin hatte, anzuknüpfen. Ein wichtiger Schritt war geschafft, als zu Beginn der achtziger Jahre die großen Institutskomplexe an der Arnimallee eingeweiht wurden. Von der Leistungsfähigkeit der Physik in Dahlem zeugen heute – 50 Jahre nach dem Tod Albert Einsteins – eine der Öffentlichkeit zugewandte und international angesehene Forschung, sowohl an der Freien Universität als auch der Max-Planck-Gesellschaft.

Der Autor ist Leiter des Universitätsarchivs der Freien Universität Berlin.

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