AUF DER BE-BÜHNE : Wulffs Hauptrolle

Er hätte absagen können. Eine Diskussionsveranstaltung mit dem „Zeit“-Herausgeber vor nicht handverlesenem Publikum im „Berliner Ensemble“ ist etwas anderes als ein exakt vorbereiteter Auftritt des Staatsoberhauptes vor Diplomaten. Es könnte gefährlich werden für Christian Wulff. Wer weiß, ob peinliche Fragen kommen, womöglich fliegen Schuhe aus dem Publikum auf die Bühne. Den Bundespräsidenten verfolgt seit Wochen eine Affäre, die ihn mehr und mehr wie einen Raffke und nicht wie ein Staatsoberhaupt aussehen lässt. Das Vertrauen der Bürger schwindet. Doch Wulff will nicht kneifen, nicht aufgeben. Das Amt hinschmeißen, davonlaufen, das findet Wulff „total banal“. Er will bleiben, bis zum Ende.

Eineinhalb Stunden steht Wulff Rede und Antwort an diesem Sonntagvormittag. Er wirkt angespannt, versucht von der Affäre abzulenken, seine Amtsgeschäfte zu betonen. Er lobt die Deutschen, er spricht von der „bunten Republik“, kündigt an, als erstes deutsches Staatsoberhaupt am 5. Mai in den Niederlanden zum Gedenktag an die Befreiung vom Naziregime zu sprechen. Er sucht Normalität, will einer sein, der „ins Straucheln gekommen ist, nun aber wieder aufsteht“. Schließlich: „Wir leben nicht mehr im Mittelalter“, Scheiterhaufen gibt es nicht mehr.

Doch Wulff, der Präsident, kann Wulff, den Landeschef in Hannover, nicht abschütteln. Einen „Lügner“ hat ihn der niedersächsische Grünen-Chef Stefan Wenzel genannt, weil er im Landtag über das Engagement der Regierung beim Nord-Süd-Dialog nicht die Wahrheit gesagt habe. Wulff geht in die Offensive, verlangt seinerseits Aufklärung. Hofft er, die Verantwortung auf seinen Exsprecher Olaf Glaeseker abwälzen zu können? Nach dem Motto: Der war’s, ich bin’s nicht gewesen. Eine Selbsterkenntnis zum Schluss: „Wenn man sich selber zu sehr zum Musterknaben macht, kann man auch böse erwachen.“ asi

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