Zeitung Heute : Auf der Faehre

ANDREAS OBST

Ein ganz gewoehnlicher Abend im Grenzgebiet zwischenSenegal und Gambia VON ANDREAS OBST

Es war nur ein kleiner Flussarm im Sueden des Senegal, wenigeKilometer vor der Grenze nach Gambia.Tagsueber war es gluehend heissgewesen, doch jetzt, zum spaeten Nachmittag ist ein kuehler Windaufgekommen, der maechtige Staubwolken aufwirbelte und auf derWasseroberflaeche huebsche Kraeusel entstehen liess.Als wir an der Faehre ankamen, hatten wir schon drei Stunden aufholprigen Strassen im Taxi von Ziguinchor hinter uns, der Hauptstadtder Casamance.Fast den ganzen Weg ueber hatten wir mit dem Fahrerueber den Fahrpreis gestritten - alle paar Kilometer war ihm eine neueBegruendung eingefallen, die schon vor der Abfahrt vereinbarte Summenachtraeglich zu erhoehen, und wir mussten ueber immer neue Gruendenachdenken, sie abzulehnen.Es war eine anstrengende Fahrt.An der Faehre war sie zunaechst zu Ende.Das Boot hatte gerade Platzfuer sechs Autos.Jetzt lag es an unserer Seite des Ufers.Ein Bushatte sich beim Versuch festgefahren, die Faehre zu verlassen.Nunstand er mit dem Heck auf den Planken aufgesetzt, mit dem Vorderteilbereits auf der Uferboeschung und liess sich nicht mehr bewegen.Anbeiden Ufern stauten sich die Fahrzeuge: altersschwache Autos, Jeeps,Kleinbusse und Sammeltaxis, vollgestopft mit Menschen, Tieren, Kistenund Koffern.Die ersten hatten ihre Fahrzeuge verlassen, sassen im Schatten derBaeume gleich am Ufer auf der Erde und beobachteten, wie sich diesenegalesischen Soldaten muehten, die zustaendig sind fuer denFaehrbetrieb: Wie sie Backsteine vor die Hinterraeder des Bussespackten, um die Bodenfreiheit des Fahrzeugs zu erhoehen, und wie dieSteine immer wieder zerbrachen, wenn der Bus anfuhr.Jedes Mal,nachdem das passiert war, rieb sich der Busfahrer mit einem grossenTuch die schweissnassen Arme.Aus den umliegenden Doerfern warenFrauen herbeigeeilt und boten Getraenke an und frische Fruechte.Nurdie Soldaten waren weiter verbissen bemueht, Backsteine vor die Raederdes Busses zu schichten.Einst hatte eine steinerne Bruecke ueber den schmalen Flussarmgefuehrt.Die Bruecke war immer noch da, und man konnte darueberlaufen oder mit dem Fahrrad fahren, nur Autos durften sie nicht mehrpassieren.Auch darauf achteten die senegalesischen Soldaten.In derMitte der Bruecke waren zwei Pfeiler geborsten.Sie standen zwar noch,sahen jedoch so aus, als haette man sie zertrennt und danach wiederachtlos zusammengesetzt.Die Bruchstellen waren deutlich zu erkennen.Es schien nur eine Frage der Zeit, wann die Bruecke endgueltigeinstuerzen wuerde.Doch noch hielt sie uns und alle die anderen, dieam Gelaender lehnten.Von hier oben hatte man den besten Blick auf dieFaehre und den festgefahrenen Bus."Das ist Afrika", stellte resigniert ein Franzose fest, der neben unswartete."Das ist Gambia", korrigierte ein anderer Reisender ausZiguinchor.Inzwischen wusste jeder an der Faehre, dass der Bus ausGambia kam und mit Beamten des gambischen Bildungsministeriums an Bordunterwegs war nach Guinea-Bissau.Sie standen beieinander undschimpften ueber die senegalesischen Soldaten, die sich bei ihrenVersuchen, den Bus freizubekommen, nicht helfen liessen.Frueher waren Senegal und Gambia eine Einheit.Erst dieKolonialmaechte England und Frankreich hatten das Gebiet untereinanderaufgeteilt - so, dass heute Gambia, das kleinste Land Afrikas, bis aufeinen schmalen Kuestenstreifen komplett von dem grossen Nachbarnumschlossen ist.Wie tief jedoch mittlerweile die Graeben zwischen denbeiden Staaten sind, wo sich seit Jahrhunderten anglophone undfrankophone Weltsicht unvereinbar gegenueberstehen, zeigte zuletzt diekurzlebige Konfoederation Senegambia, die 1989, nach nur siebengemeinsamen Jahren, wieder aufgeloest wurde.In beiden Laendern machtman bis heute die andere Seite dafuer verantwortlich.Die Diskussionen an der Faehre wurden hitziger, je laenger sich derNachmittag hinzog.Schon bald wuerde die Sonne untergehen, und dannwuerde der Faehrverkehr eingestellt - so oder so.Jeder wollte an seinReiseziel, die Senegalesen hueben wie die Menschen aus Gambia drueben.Man begann sogar schon Plaene zu diskutieren, die Plaetze in den Taxismit Passagieren von der anderen Seite zu tauschen.Dann koenntenzumindest einige der Fahrzeuge umkehren.Doch unvermittelt kam der Busfrei.Und alles, was in den letzten Stunden gesagt worden war ueberdie beiden Laender, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede, bedeutetenichts mehr.Wir erreichten unser Ziel im letzten Licht des Tages.Einganz normaler Abend im Grenzgebiet zwischen Senegal und Gambia nahmseinen Anfang.

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