Zeitung Heute : Auf der Fernsehwelle surfen

PETER DEHN

"Die Verknüpfung von Fernsehen und Internet bietet allen Beteiligten reizvolle Perspektiven", meint Jürgen Sewczyk vom TV-Sender RTL.Die könnte Fahrt aufnehmen, denn bis zum Jahr 2010 soll, so beschloß noch die Regierung Kohl, die Digitalisierung der Fernsehverbreitung abgeschlossen sein.Aber einfach nur noch mehr Fernsehen, das holt keinen hinterm Ofen hervor.

Neue Inhalte und Dienste könnten neue Zielgruppen zum Beispiel für den elektronischen Handel erschließen.Die einfache Bedienung solcher Anwendungen und das Fernsehgerät als ihre Zentrale sind Voraussetzungen für eine sprunghafte Steigerung der privaten Internetnutzung, da waren sich die Teilnehmer des Symposiums "Fernsehen und Internet" am Dienstag in Köln einig.

Fernsehen und Computer über verschiedene Hochleistungsnetze miteinander und mit den Informationsquellen zu verknüpfen ist denn auch ein Ziel der Bemühungen des Veranstalters, der Deutschen TV-Plattform, einem Zusammenschluß von Firmen der Unterhaltungselektronik, Kommunikationstechnik und Rundfunkanstalten sowie von Forschungseinrichtungen.

Den Vorteil der "digitalen Konvergenz" sieht Stephan Gillich von Intel vor allem in dem Grundsatz "einmal produzieren - vielfach verteilen und universell darstellen".Damit will er vor allem auf die Synergien des Zusammenwirkens von traditionellem Fernsehen und Internet-Inhalten hinweisen.Bereits heute können Besitzer von Computern mit geeigneter Ausstattung den von Intel entwickelten Intercast-Dienst von ZDF und DSF nutzen, der Zusatz- und Hintergrundinfos zum TV-Programm im Internet-Stil bietet.Wünschenswert, so Gillich, sei es, solche Angebote durch schnellere Internetzugänge attraktiv zu machen.

Im Wettbewerb um Internet-Anschlüsse gewinnen die Transportmedien an Rang.Telefongesellschaften und Betreiber von Rundfunknetzen und Satellitensystemen wollen am Online-Boom partizipieren.Ihr Hauptargument: Nie wieder "weltweit warten".Aber ohne geeignete Empfangsgeräte ist da nichts zu machen.Vor kurzem, so Prof Ulrich Reimers, einer der "Väter" des Digital Video Broadcast (DVB), wurde die Spezifikation eines Kabelmodems entwickelt, das kurzfristig in großen Stückzahlen produziert werden könnte.Die Übertragungsrate betrage hier "effektiv mehr als 1 Megabit pro Sekunde".Reimers sieht die Datenübertragung über das Fernsehkabel im Wettbewerb mit der ISDN-Weiterentwicklung ADSL, die die Deutsche Telekom demnächst vor allem mit Blick auf mittelständische Unternehmen vermarkten will.Schließlich gibt es auch einen Vorschlag aus DVB-Kreisen für eine europaweit einheitliche Settopbox auf Basis eines Java-Interfaces.So einig sich alle Beteiligten darüber sind, daß dem Fernsehen mit internetähnlichen interaktiven Dienstleistungen die Zukunft gehört, so einig sind sich viele inoffiziell in der Kritik an der Telekom.Deren Vorsprung scheint in vielem - von Eigentum an den Kabelnetzen bis zu diversen einzelnen Technologien - übermächtig.

Warum, so die von der Industrie oft gestellte Frage, können wir uns in Deutschland nicht an das britische Vorbild halten? Die Empfangsgeräte für digitales Fernsehen werden dort von einer Firmenallianz geliefert.Die Verbraucher genießen so den Vorteil einer einheitlichen Technologie und die Industrie kann preisgünstig hohe Stückzahlen produzieren.

Wie sehen die Massenmärkte aus, die digitale Technologien schaffen sollen? Die Branchenweisen orakeln salomonisch: Freizeit und Arbeit bleiben getrennt.Aber ins Wohnzimmer, so Panasonics Europa-Forschungschef Wilfried Geuen, kommt Multimedia erst durch DVB."Die Architektur des Fernsehers von morgen ändert sich revolutionär, aber unsichtbar für den Benutzer".Wenn dann noch der Vertreter eines Online-Dienstes den Fernseh-Leuten bescheinigt: "Die Killer-Applikation ist auch in Zukunft das gute alte Fernsehen", wie AOL-Vizepräsident Werner Lauff dies tat, kann sich die Unterhaltungselektronik-Branche gelassen in die digitale Konvergenz einbringen.

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