Zeitung Heute : Auf der Hälfte des Weges

Bis 2011 soll die Modernisierung der S-Bahn Berlin GmbH abgeschlossen sein. Ein Interview mit dem Geschäftsführer, Günter Ruppert

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Bei der Berliner SBahn geht heute mit der feierlichen Verabschiedung der letzten Altbaufahrzeuge eine Ära zu Ende. Was bedeutet das für S-Bahn-Kunden und Ihr Unternehmen?

Für beide – Unternehmen und Kunden – ist damit eine wichtige Etappe in der Entwicklung der S-Bahn Berlin GmbH abgeschlossen worden. Nach der Gründung 1995 haben wir uns vorgenommen, den Fahrzeugpark zu erneuern, die Werkstätten zu modernisieren und das Streckennetz auszubauen, um attraktiver zu werden. Die Bahnen mussten komfortabler und schneller werden.

Und das haben Sie heute erreicht?

Das große, aus zwei Teilen bestehende Sanierungsprogramm der Fahrzeuge und der Infrastruktur ist somit zur Hälfte abgeschlossen. Der zweite Teil wird entsprechend fortgeführt – wir werden nicht auf dem heutigen Stand stehen bleiben. Wir erneuern derzeit die Stadtbahn zwischen Zoologischer Garten und Westkreuz. Dies wird fortgeführt über Westkreuz, Grunewald bis Wannsee. Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft werden wir in der Lage sein, im 90-Sekunden-Takt zu fahren.

Schon jetzt haben wir die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit auf 38,5 km/h erhöht, 42 km/h sind unser Ziel. Das bedeutet Zeitgewinn für jeden Kunden.

Mit dem Berliner Senat verhandeln Sie seit über 6 Monaten über einen neuen Verkehrsvertrag, bislang ohne konkrete Ergebnisse.

Das ist richtig. Wir hoffen, dass es bald zu einem Abschluss kommt, weil wir bis zum Fahrplanwechsel am 14. Dezember Entscheidungen fällen müssen und deshalb Klarheit und Planungssicherheit brauchen.

Bedauern Sie angesichts dieser noch unsicheren Zukunft die erheblichen Investitionen in 1 000 neue S-Bahn-Wagen der Baureihe 481?

Nein. Ich bin der Meinung, dass die Investition für die Entwicklung der Metropole notwendig war. Bis auf eine Anschubfinanzierung vom Bund in Höhe von 400 Millionen DM haben wir die Beschaffung der 500 neuen Viertelzüge aus eigenen Mitteln und Krediten selbst geleistet. Nach Auslieferung der noch verbleibenden 34 Züge werden wir insgesamt 1,7 Milliarden DM ausgegeben haben. Angesichts allein dieser enormen Investitionen dürfen wir sicher erwarten, dass es mit dem Berliner Senat noch in diesem Jahr zu einem Vertragsabschluss kommt. Die S-Bahn erwartet da nichts Außergewöhnliches. Die Investitionen in dieser Größenordnung werden auch legitimiert durch den Stadtentwicklungsplan Verkehr des Senats, der für den Verkehrsträger S-Bahn das größte Wachstumspotenzial – das hängt nicht zuletzt mit der Attraktivität und den kurzen Reisezeiten zusammen – prognostiziert.

Was sagen Sie zu Kritikern, dass bei der S-Bahn Berlin noch erhebliche Kostensenkungspotenziale bestehen?

Die Leute haben Recht. Wir waren uns mit der Gründung der GmbH im Klaren, dass bei der S-Bahn eine riesige Sanierungsaufgabe zu lösen ist: durch Lückenschlüsse, erweiterte und verbesserte Strecken, Erneuerung der Signale und Stellwerke, moderne Fahrzeuge, die Sanierung von Bahnhöfen, dem Bau von Brücken, und der Rationalisierung der Werkstätten war die gesamte Betriebstechnologie zu modernisieren. Wir haben uns vorgenommen, das im Zeitraum von 1995 bis 2011 zu schaffen und sind somit auf der Hälfte des Weges. Wir haben bereits ein großes Rationalisierungspotenzial erschlossen, das schon jetzt zu großen Kostenersparnissen geführt hat. Und das gilt auch für den weiteren Weg, den wir noch vor uns haben – in diesem Sinne haben die Kritiker Recht.

Die S-Bahn Berlin GmbH ist noch ein junges Verkehrsunternehmen. Was unterscheidet die S-Bahn Berlin von anderen Verkehrsunternehmen in der Region Berlin?

Wir wussten bei der Gründung der Gesellschaft: Flache Hierarchien, kurze Wege und intensive Kommunikation führen uns zu einem modernen, kundenorientierten Verkehrsunternehmen. Diese Unternehmensphilosophie findet ebenfalls ihren Niederschlag in einem hohen Kostenbewusstsein und großer Transparenz. So fahren unsere Führungskräfte selbstverständlich S-Bahn statt mit einem Dienst-Pkw.

Worauf führen Sie die jährlichen Fahrgastzuwächse der S-Bahn Berlin angesichts eines stagnierenden ÖPNV-Gesamtmarktes zurück?

Bei unserer Gründung 1995 hatten wir 246 Millionen Fahrgäste im Jahr, 2002 waren es 305 Millionen und nach Hochrechnungen werden es in diesem Jahr 315 Millionen sein. Die Ursache für dieses deutliche Wachstum ist die gesteigerte Attraktivität durch mehr Komfort und kürzere Reisezeiten. Das hat uns viele Sympathien bei den Fahrgästen eingebracht. Das sieht man auch daran, dass wir die Fahrgastzuwächse nicht nur auf den Umlandlinien, sondern insbesondere im Bestandsnetz, vornehmlich im Innenstadtbereich, erzielt haben.

Welche konkreten Marketing- und Vertriebsaktivitäten haben Sie in den letzten Jahren unternommen, um die Kundenzufriedenheit zu verbessern und steigende Fahrgastzahlen zu erreichen?

Mit regelmäßigen Kundenzufriedenheitsanalysen erforschen wir, womit der Fahrgast zufrieden ist und womit nicht. Davon leiten wir unsere unternehmerischen Entscheidungen ab. Im Spannungsfeld von Zufriedenheit und Wichtigkeit verbessern wir unser Angebot kontinuierlich. Das erreichen wir auch durch ein großes Service- und Vertriebsstellennetz – ergänzt durch Fahrkartenautomaten und Agenturen. Und durch unsere sehr gut angenommene Kundenzeitung punkt 3, die 14-tägig erscheint und zusammen mit dem DB Regionalverkehr herausgegeben wird, besteht eine intensive Kundenkommunikation.

Die BVG plant eine groß angelegte Überprüfung ihres Verkehrsangebotes und eine Angebotsoptimierung. Wird sich die S-Bahn Berlin an diesem Prozess beteiligen?

Eine interne Überprüfung des Verkehrsangebots bringt nichts. Das Gesamtangebot muss analysiert werden. Seit unserer Gründung hat sich vieles in der Stadt verändert: das Verkehrsangebot generell, die Wege in der Stadt, die Beschäftigungssituation und andere Einflussfaktoren. All das muss Ausgangspunkt für ein optimiertes Verkehrsangebot sein. Deshalb muss diese Überprüfung eine gemeinsame Aufgabe sein – unter Federführung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Der Senat ist Aufgabenträger und gleichzeitig Eigentümer der BVG. Er begibt sich damit in einen Spagat. Erst recht, weil die BVG derzeit finanzielle Probleme hat. Angesichts der täglichen Diskussion in Berlin über die Zukunft der BVG wird deutlich, dass offenbar die Eigentümerfunktion bislang noch einen größeren Stellenwert besitzt als die des Aufgabenträgers. Wir schlagen vor, an der Analyse und Neugestaltung des Angebots gleichberechtigt und partnerschaftlich beteiligt zu werden.

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