Zeitung Heute : AUF DER ITB - "Lautlos über den Atlantik"

ANDREAS AUSTILAT

AUF DER ITB - "Lautlos über den Atlantik"Sechs Jahre fuhr Eugen Bentele mit Luftschiffen im Liniendienst nach Amerika.Bis zur Katastrophe von Lakehurst.Der ehemalige Maschinist erinnert sich.VON ANDREAS AUSTILAT

Abspringen? Lächerlich, viel zu tief.Das Schiff stand immer noch sechzig Meter über dem Grund."Machen konnte man da gar nichts mehr, nur noch hoffen", erinnert sich Eugen Bentele.Der Obermaschinist hoffte dreißig lange Sekunden - solange dauerte es, bis der lichterloh brennende 250-Meter-Riese endlich mit dem Heck voran auf dem Boden aufschlug.Bentele wurde aus seiner Maschinengondel geschleudert, verlor für einen kurzen Moment die Besinnung, berappelte sich wieder und rannte, das Feuer buchstäblich im Nacken.Als einer von 62 der 97 Menschen an Bord von LZ 129 - besser bekannt als die "Hindenburg" - überlebte er die Katastrophe von Lakehurst.Geblieben sind dem inzwischen 87jährigen bis heute, sechzig Jahre nach dem Unglück, die Brandnarben an Hals und Hand. Dieser 6.Mai 1937 markierte gewissermaßen das Ende der Passagier-Luftschifffahrt."Leider", fügt Bentele hinzu."Wissen Sie, fliegen ist ja ganz nett", aber mit richtigem Reisen habe dieses hektische Gehüpfe doch nicht viel zu tun.Und mit Unbehagen denkt er an seinen Flug von Stuttgart nach Berlin, wie er da saß, eingezwängt zwischen zwei Nachbarn in einer engen Sitzreihe.Und dann erzählt er von LZ 127, der "Graf Zeppelin" und LZ 129 "Hindenburg", erzählt vom Gleiten auf den Passatwinden und vom Klingeln der Maschinentelegrafen. Sechs Jahre ist Bentele im Liniendienst von Europa mal nach Rio de Janeiro, mal nach New York gefahren.Vier Tage dauerte die Überfahrt nach Süd-, zwei Tage die Passage nach Nordamerika.Tage, in denen die siebzig Passagiere jeden Luxus genossen, denn sie mußten sich nicht etwa in der kleinen Gondel unter der Hülle drängen: Restaurant, Kabinen, die Bar, Frachträume, all das fand neben den 16 Gaszellen Platz in der Hülle. Keine Vibration erschütterte das Schiff, kaum ein Laut drang aus den außen an der Hülle angebrachten Maschinengondeln - die Bentele und seine Kameraden über kleine Leitern erklettern mußten - ins Innere des Riesen, der in seiner Länge etwa fünf heutigen Jumbo-Jets entsprach.Und unter den riesigen, in den Boden eingelassenen Panoramascheiben zog in manchmal nur 250 Metern Tiefe der Ozean vorbei. Solche Erinnerungen finden auch heute noch ihre Anhänger.Bentele und ein weiterer Überlebender, der Bordkoch Alfred Grozinger, waren auf der ITB begehrte Augenzeugen aus verflossener Zeit, sogar Autogramme mußten sie schreiben.Aber immerhin, eine kleine Chance gibt es ja, an die Passagierfahrt der Zeppeline anzuknüpfen.Und nur um die geht es den echten Fans, nicht etwa um die verformbaren Gummiwürste, die nur von ihrer Hülle zusammengehalten werden und in Fachkreisen "Blimps" heißen. Wolfgang von Zeppelin, Geschäftsführer der Zeppelin Luftschifftechnik, kündigte an: Ende April werde man NT 07 der Öffentlichkeit präsentieren, mit 75 Meter Länge und Platz für 12 Passagiere deutlich kleinerer aber legitimer Nachfolger der Starrluftschiffe.Schon lägen Bestellungen für das neue Luftschiff vor, versicherte von Zeppelin, zwar nicht direkter, aber immerhin doch irgendwie verwandter Nachfahre des legendären Luftschiff-Grafen.Und Bentele, würde er wieder mitfahren? "Selbstverständlich".

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