Zeitung Heute : Auf der Jagd nach dem ewigen Leben

59[Arzt],ist Molekularbiologe[Arzt],Essayist.Er fo

as Jahrhundertende veranlaßt uns dazu, in weit intensiverer Weise als sonst in die Zukunft zu schauen.Wir sind weder klüger noch weitsichtiger als vor 13 oder 23 Jahren oder wann immer zu weniger spektakulären Gelegenheiten, aber wir lassen der Spekulation freieren Lauf.Der Blick wird weiter.Und wenn man gar zu unwahrscheinliche Voraussagen aussondern kann, besteht die Chance, einmal aus dem kurzschrittigen Gegenwartsdenken herauszufinden.

Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, das neue Jahrhundert als das der Biologie zu erkennen.In den Voraussagen um 1900 wurde der Siegeszug von Physik, Chemie und Elektrizitätslehre prophezeit, und obwohl nicht alle Details eintrafen, hat sich die Voraussage als Ganzes bestätigt.Wir sind immer noch im Zeitalter von Physik, Chemie und Elektronik.Biologie und Medizin werden nicht als neue Wissenschaft auftreten, sondern als neue Technologie durch den Rückgriff auf jene Wissenschaften.Und ich habe keine Illusionen darüber, daß diese Entwicklung einen Schub an mechanistisch-materialistischem Denken in die Weltanschauung bringen wird, und zwar in durchaus liberaler und demokratischer Form.Nicht Orwellsche Diktatur werden wir erleben (obwohl auch das nicht kategorisch ausgeschlossen ist), in der politische Macht sich als Herrschaft über den Körper und den von ihm abhängig gemachten Geist verwirklicht, sondern eher die schrankenlose Gültigkeit des Prinzips Individuum, als "Lebensqualität" oder "life-style" mit euphorischer Betonung versehen, und mit Anspruch auf möglichst immerwährendes Lebensglück.

Die naturwissenschaftlich experimentierende Biomedizin hat die Schritte in Richtung auf die Aufklärung der molekularen Steuerung von körperlichen Prozessen dramatisch beschleunigt.Das menschliche Genom, die Gesamtheit unserer Erbanlagen, war noch vor 25 Jahren ein theoretisches Leitbild ohne weitgreifende praktische Auswirkungen.Die Aufklärung eines einzigen unserer 100 000 Gene war ein Unternehmen, das große Institute beschäftigte und den erfolgreichen Forschern den Nobelpreis erbrachte.Heute steht die Textaufklärung aller Gene als industriemäßig geführte Katalogisierung unmittelbar bevor.Wenn es auch eine euphorische Illusion ist, daß wir dann den heiligen Gral gestürmt hätten und alles erklären könnten, so wird doch unser Grundlagenwissen über alle körperlichen Entwicklungsvorgänge von der befruchteten Eizelle bis zum Ende des Lebens sehr bald praktische Anwendbarkeit erreichen.

Neben den Hirnforschern sind es die Entwicklungsbiologen, deren Erkenntnisse die nächsten Generationen beschäftigen werden.Die Beschleunigung ist offensichtlich, grade für mich, der ich noch vor einiger Zeit sehr skeptisch war.Das Programm der wichtigen Entwicklungsprozesse wird mit Hochdruck aufgeklärt.Der unglaublich komplexe Vorgang, wie sich aus einer Zelle durch Teilung und Differenzierung zahlreiche Zellverbände, Organe nach einem weitgehend vorgeschriebenen Programm entwickeln, alles am rechten Ort und in rechter Zusammensetzung (wenn alles gut geht, was Gott sei Dank die Regel ist), das läßt sich als geregelte Selbstorganisation verstehen.

Die Zellbiologen sind dabei, die Steuerung solcher Prozesse zu erlernen.Dieser Tage wurde berichtet, daß im Experiment reife Nervenzellen so umprogrammiert werden konnten, daß Blutzellen daraus entstanden.Aus Stammzellen der embryonalen Keimscheibe wird versucht, einfache Organanlagen zu züchten, indem man die genetischen Steuersignale nachahmt.Die Kerne entwickelter Säugetierzellen konnten veranlaßt werden, nach Überimpfung in leere Eizellen und dann in ein Leihmuttertier wieder Embryonen zu werden: Wenn auch beim Klonschaf Dolly nicht alle Zweifel ausgeräumt sind - es gibt hinreichend Berichte über ähnliche und parallele Versuche, die das bisher für unmöglich Gehaltene bestätigen, nämlich ein genetisch identisches Individuum durch Verjüngung herzustellen.Narziß möchte sein einmaliges Ich durch DNS-Kopierung verewigen - welche metaphysische Enttäuschung steht im bevor, wenn er erkennt, daß seine DNS nicht seine Seele ist!

Vieles an solchen Prognosen ist noch science fiction, und die ersten Erfolge werden aus wirtschaftlichen Gründen übertrieben; aber die Möglichkeit, etwa ein aus eigenen Zellen nachgezüchtetes Herz transplantiert zu bekommen, ist nicht mehr uferlose Spekulation.Der Empfänger wird kein Spenderherz mehr benötigen, mit all den menschlich belastenden Umständen, die mit solcher Transplantation einhergehen; und es wird auch nicht mehr das Problem der Abstoßung wegen individueller Unverträglichkeit geben.So wie bei einfacher gebauten Tierarten werden Nervenzellen nachwachsen können und die Barriere überbrücken, die heute den am Rückenmark Verletzten zum dauernden Querschnittsgelähmten verurteilt.Die schwere Altersdegenerationen des Nervensystems, die Parkinsonsche Schüttellähmung zum Beispiel, werden nicht mehr trauriges Schicksal sein, sondern behandelbar durch Transplantation von "eigenen", verjüngten Nervenzellen, die die notwendigen Überträgersubstanzen abgeben, an denes es beim Kranken in bestimmten Hirnregionen fehlt.

Es rückt durchaus ins Bereich des Denkbaren, daß das klonale Wachstum einzelner Krebszellen, die zum Tumor werden und sich nach Absiedelung andere Gewebe durch entsprechende genetische Befehle regelrecht dienstbar machen, durch entsprechende Stoppsignale angehalten werden kann.Diese Geißel der Menschheit könnte ihren Schrecken verlieren.Es ist auch vorhersehbar, daß "Rezeptoren", Auffangvorrichtungen für fremde Organismen entwickelt werden, die eine natürliche Immunität gegen Malaria, Tuberkulose, Aids-Virus und andere ermöglichen, so wie wir natürlich gefeit sind gegen eine ganze Reihe von tierischen Infektionskrankheiten, die einfach keine Eintrittspforte in uns Menschen finden.

Eine Entwicklung mit dem höchsten utopischen Charisma würde einsetzen, wenn es gelänge, die genetischen Schalter in die Hand zu bekommen, die die natürliche Lebensdauer des Menschen programmieren.Bekanntlich liegt bei Abwesenheit von Krankheit und äußerer Todesursache das höchst erreichbare Alter irgendwo rund um 100 Jahre.Das um 50, 100 Jahre hinausschieben? Hier ist freilich einschränkend einzufügen, daß wir noch nicht wissen, ob das körperliche Altern auch des gesunden Menschen ein gesteuertes Programm ist (das man auch umsteuern könnte, so wie man in jenen Versuchen den Nervenzellen befehlen konnte, sich in Blutzellen umzuprogrammieren) oder ob es sich um das unausweichliche Ende eines lebenslang laufenden "Verschleißprozesses" handelt, den man in seiner Gesamtheit durch Ersatzorgane und medikamentöses Doping vielleicht hinauszögern, aber nicht vermeiden kann.

Für beide Deutungen gibt es zahlreiche Belege.Daß unser Körper langsam verschleißt, das zeigen dem Laien die Runzeln und die mürben Glieder des Alternden wie dem Spezialisten die zahlreichen DNS-Brüche im Zellkern.Das "Material" ist ständigen Beschädigungen ausgesetzt, darunter auch prinzipiell unvermeidbaren.Unsere Haut kann kaum vor den UV-Strahlen des Tageslichts bewahrt werden, und schon gar nicht jede unserer Körperzellen vor der Versorgung mit Sauerstoff.Der ist unser Lebenselixier; gleichzeitig aber entstehen ständig in kleinsten Dosen chemisch aktive Radikale, die aggressiv auch die DNS angreifen.Es gibt da in unseren Zellen Abfangmechanismen für Radikale.Aber auch sie sind nicht absolut zuverlässig, und so sammeln sich Restschäden über das ganze Leben hin an.

Andererseits gibt es auch klare Belege für ein genetisches Alternsprogramm, das mit dem Klimakterium einsetzt und mit der "Involution" im hohen Alter endet.Auch in Zellkulturen durchlaufen Zellen nur eine begrenzte Anzahl von Teilungen und stellen dann ihr Wachstum ein (falls sie nicht krebsartig entarten).Hier gibt es offensichtlich genetische Schalter und Ablaufprogramme.Beim Menschen sind sie noch weitgehend unerforscht; aber Untersuchungen an Rundwürmern und Labor-Nagetieren deuten daraufhin, daß die Schalter der Lebensuhr bald erforscht sein werden und ihre Bedeutung auch bei uns Menschen klar wird.

Hier könnte ich das euphorische Bild einer Gesellschaft malen, in der ein biotechnischer Jungbrunnen es ermöglicht, 150 Jahre und älter zu werden.Wird damit ein alter Menschheitstraum wahr werden?

Ich muß gestehen, daß ich skeptisch werde, wenn ich mir eine menschliche Gesellschaft vorstelle, in der die Menschen vielleicht potentiell unsterblich würden, so wie Bakterien- oder Hefekulturen es sind, wenn ihnen nicht ein äußeres Unglück widerfährt.Meine Skepsis bezieht sich auf die gesellschaftlichen Folgen.Eine Gesellschaft, in der wir noch Jahrhunderte nach dem Eintritt in die Rente leben? Oder der nachwachsenden Generation den Weg in ein kreatives Leben versperren? Wenn nur noch ein geringer Anteil an jungen Menschen geboren werden dürfte, damit die Bevölkerungszahl nicht explodiert? Wenn dann die Urenkel genau so alt und erfahren sind, genau so alt aussehen, wie die Vorfahren? Wenn Giuseppe Verdi noch 200 weitere Opern schreibt? Martin Heidegger doppelt so viele Bücher? Und der geniale Vincent noch Hunderte irrer Sonnenblumenfelder malt?

Das alles mag futuristische Spinnerei sein; aber es führt doch auf das Nachdenken über die tiefsinnige Absicht, die der in der Evolution erworbenen Beschränkung unserer Lebensuhr auf weniger als eine Million Stunden Lebenszeit, auf weniger als vier Milliarden Herzschläge mit sich bringt.Ich bin überzeugt, daß dem Glücksversprechen der molekularen Medizin unübersteigbare Grenzen gesetzt sind.Solage es um Linderung und Heilung von Leid geht, stehen wir in der Kontinuität eines Jahrtausende währenden Kampfes gegen die Unbilden der Natur, gegen Hunger und Kälte, gegen Infektionen und entartetes Wachstum.Die pure Verlängerung unserer kreatürlichen Endlichkeit dagegen ist ein sehr zwiespältiges Ziel, bei dessen Erreichung der Segen umschlagen kann in unerträgliche Last.Noch sind wir von solchen Zielen weit entfernt; aber nicht unvorstellbar weit.Es könnte sein, daß nicht die Risiken und Nebenwirkungen der modernen Zivilisation uns die meisten Sorgen bereiten werden, sondern ihr Erfolg.Philosophieren lernen heißt sterben lernen, so lautet ein alter Lehrsatz.Unser Leben ist auf Endlichkeit angelegt, und wir müssen einsehen, daß gerade in der kreativen Einmaligkeit sein tiefster metaphysischer Wert besteht.

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