Zeitung Heute : Auf der Mauer, auf der Lauer

Auf Lanzarote haben sie ihre Häuser, Sonne und Meer, und doch bekriegen sich zwei deutsche Ehepaare seit Jahren – ein kurioser Nachbarschaftsstreit

Verena Mayer

Wie geht es eigentlich den Rentnern in Zeiten wie diesen? Danke, man kann nicht klagen. Der 65-jährige Peter H. jedenfalls hat alles, was man sich in seinem Alter wünschen kann. Eine Familie, eine gesicherte Pension (Peter H. war früher Polizeibeamter) und ein Haus auf Lanzarote. Peter H.s Gesicht ist tief gebräunt, der Gang federnd, er trägt Turnschuhe und eine dieser beigen Hosen mit Taschen an der Seite, wie man sie in den Ferien anhat. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht dieses Rentnerehepaar, das es genauso prächtig hat wie Peter H. Das Ehepaar bewohnt auf Lanzarote das Haus nebenan, und seit Ende der 80er Jahre bekriegen sich die beiden Paare. Jetzt hat der Streit auch Berlin erreicht, weil die H.s in Berlin gemeldet sind. Am Donnerstag musste sich das Amtsgericht Tiergarten damit beschäftigen.

Peter H. ist mit seiner Frau Karin Thea Elisabeth angeklagt, 62 Jahre alt und ebenfalls tief gebräunt. Sie hat zwei Krücken neben sich stehen, wirkt aber sehr angriffslustig. Wenn es um die Vorwürfe geht, die ihnen gemacht werden, tippt sie sich auf die Schläfe, ihrem Mann klopft sie immer wieder aufmunternd auf den Rücken. Dem Paar gegenüber sitzt Maria Anna J. aus Trier, eine ehemalige Pädagogin. Maria Anna J., 69, ist klein und blass, auch sie ist mit einer Krücke in den Saal 2105 gekommen. Auf dem Tisch hat sie Aktenordner mit unzähligen Fotos, die sie während der Verhandlung vor sich auflegt wie eine Patience. Auf den Fotos sind die Nachbarn und die Häuser zu sehen, Maria Anna J. hat alles fotografiert, vom Abflussrohr bis zur Hundehütte.

Es ist eine schöne Gegend auf Lanzarote. Nah am Strand, rundherum Weinberge, das nächste Haus ist 500 Meter entfernt. Die Häuser der Deutschen befinden sich auf Grundstücken, die ursprünglich zusammengehörten, dann aber getrennt verkauft wurden. Bei der Teilung nahmen es die spanischen Behörden nicht so genau, und so kam es zu einem deutsch-deutschen Grenzstreit, der inzwischen ins 15. Jahr geht. Zuerst war Familie H. da. Dann zogen die J.s ins Haus nebenan ein. Am Anfang duzte man sich noch, die Männer tranken hin und wieder ein Bier miteinander. Doch dann baute Familie J. eine Mauer zu den Nachbarn, „als Schutz nach hinten“, wie Maria Anna J. sagt. Die H.s wollten sich das nicht gefallen lassen, weil die Mauer angeblich die Grundstücksgrenze verletze. Eines folgte auf das andere, irgendwann sollen die H.s den Geräteschuppen und das Gartentor der J.s zerstört, den Briefkasten zertrümmert und das Trinkwasser mit Fäkalien verseucht haben.

Geredet haben die Familien da schon lange nicht mehr miteinander. Spanische Behörden und Gerichte mussten sich mit dem Fall befassen, mit Problemen wie „Hohlblocksteinen“ oder einer „gemauerten Türleibung des Gartenabschlusstores“. Die Anzeige, die den Prozess im Amtsgericht zur Folge hatte, hat Maria Anna J. erstattet. Vor Gericht sagt sie, die Nachbarn hätten eine ihrer Mauern zerstört, Anschlagpfosten aus der Halterung gerissen, Frau H. habe zudem mit einer Hacke auf die Mauer eingeschlagen. Maria Anna J. nimmt einen Packen Fotos und legt sie dem Richter auf den Tisch. „Familie H. ist immer weiter durch die Mauer gekommen“, sagt sie mit bebender Stimme. Auch hätten die H.s gesagt, die Mauer würde nicht mehr lange stehen, und obszöne Parolen darauf geschmiert, „Kuhweg“ zum Beispiel. Am Ende hat Peter H. eine der Hausmauern geteert und mit grüner Farbe „Wand: H.“ darauf geschrieben.

Irgendwann kam es zu Handgreiflichkeiten. Wer was getan hat, ist nicht nachzuvollziehen, aber alles ging seinen Gang: Polizei, ärztliches Attest, Anzeige, Papierkrieg. Der Richter fand die Beweise nicht ausreichend und hat Herrn und Frau H. ermattet freigesprochen. An der Kampfeslust der Rentner wird das nichts ändern, andere Verfahren sind anhängig. Wenigstens die Krücken sind bisher nicht zum Einsatz gekommen.

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