Zeitung Heute : Auf der Spur des Storchentodes

Veterinärmediziner der Freien Universität klären die Ursachen für erstickte Weißstorch-Nestlinge

Jan Bosschaart

Der 7. Juni 2005 war nicht nur ein schwarzer Tag für das südbrandenburgische Vetschau. Die traurige Kunde verbreitete sich auch über das Internet in ganz Deutschland und darüber hinaus: Drei zuvor piepsmuntere WeißstorchKüken verendeten vor laufender Web-Kamera in nur wenigen Stunden in ihrem „Internet-Horst“. Das vom Naturschutzbund betreute Projekt erfreut sich täglich vieler Besucher, entsprechend groß war die Anteilnahme. Als sich das traurige Schauspiel im folgenden Jahr wiederholte – auch 2006 starb die gesamte Brut des Storchenpaares – fasste der Naturschutzbund einen Entschluss: Er sammelte rund 20 000 Euro Spenden und beauftragte das Veterinärmedizinische Institut der Freien Universität mit der Aufklärung der Todesursachen.

Dort nahm sich der Doktorand Philipp Olias der toten Nestlinge an. Aber es sollte nicht bei den Vetschauer Störchen bleiben: Mehr als 100 WeißstorchKüken im Alter von einigen Wochen bis zu wenigen Monaten untersuchte der Veterinärmediziner seither – hauptsächlich in Berlin und Brandenburg. Die Aufgabe ist sogar national bedeutsam, denn der Storchenbestand in der Bundesrepublik ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken; er hat sich schließlich auf dem Niveau von rund 4000 Brutpaaren stabilisiert. Eine Zahl zum Vergleich: 1934 wurden noch fast 10 000 Brutpaare gezählt.

Nach einiger Arbeit im Labor stand als erste Diagnose fest: Fast die Hälfte der Vögel war an einer Pilzinfektion, der sogenannten Lungen-Aspergillose, gestorben. Diese bei Vögeln häufige Krankheit entsteht, wenn die Tiere Schimmelpilzsporen einatmen. Die Sporen keimen schließlich in der Lunge und bilden dort ihre Myzelien aus. Zwar wehrt sich der Körper, indem er die Entzündungsherde einkapselt, doch auf diese Weise ersticken die Störche – und zwar binnen weniger Stunden. Das dafür charakteristische Röcheln der Jungvögel in Vetschau war selbst über die Internetkamera zu hören.

Die Lungenentzündung ist nicht die einzige Methode, mit der die Pilze töten: In anderen Fällen bilden sie giftige Stoffe aus, die bei den Vögeln zu Leber- oder Nierenversagen führen.

„In jedem Jahr stirbt ein gewisser Prozentsatz an Störchen“, schränkt Philipp Olias ein, „durch Unterkühlung, Unfälle oder weil sie von Geschwistern oder den Eltern aus dem Nest geworfen werden.“ Dass so viele Tiere an Aspergillose verendeten, sei jedoch auffällig und übersteige die Zahlen, die bislang in der Fachliteratur bekannt waren, bei Weitem.

Die Frage lautete nun nicht mehr: Woran leiden die Störche? Sondern: Warum sterben so viele an den Pilzen? Also machten sich die Veterinärmediziner der Freien Universität auf die Suche nach den Ursachen. Neben Achim Gruber, Professor für Tierpathologie, beteiligten sich Michael Lierz und Hafez M. Hafez vom Institut für Geflügelkrankheiten an der Untersuchung.

Einen ersten Ansatzpunkt lieferten die hohen Fallzahlen: „Normalerweise sollte das Immunsystem der Störche mit solchen Pilzen fertig werden“, sagt Philipp Olias. „Entweder sind also die Pilze ausgesprochen aggressiv, oder das Immunsystem der Tiere ist besonders schwach ausgeprägt.“ Eine endgültige Antwort kann der Tiermediziner noch nicht präsentieren. Nach derzeitigem Wissensstand laufe es wohl auf eine Kombination mehrerer Faktoren hinaus: auf den aggressiven Pilz „Aspergillus fumigatus“, der auf Jungstörche mit geschwächtem Immunsystem treffe – und möglicherweise spiele auch der Klimawandel eine Rolle.

Um die Klima-Einflüsse besser einschätzen zu können, soll Uwe Ulbrich, Professor am Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin in die Untersuchung einbezogen werden. „Die Daten der Meteorologen zeigen für die vergangenen Jahre besonders milde Winter und warme Frühjahre. Wir vermuten hier deutliche Zusammenhänge mit den Erkrankungen, da Zahl und Verbreitung von Pilzsporen in der Umwelt durch Temperatur und Luftfeuchte stark beeinflusst werden können“, sagt Achim Gruber. Auch sei bekannt, dass Klimaveränderungen und Extremwetterlagen zu einer gesteigerten Infektanfälligkeit von Jungstörchen führen könnten. Die Vermutung, in den Lungen der toten Störche fänden sich besonders aggressive oder völlig neue Pilzstämme, habe sich hingegen nicht bewahrheitet.

Auch der Naturschutzbund musste sich von einem Verdacht verabschieden: Er hielt ein gedüngtes Erdbeerfeld in der Nähe des Vetschauer Horstes für die Ursache des Sterbens. Von dort bezögen die Störche einen Teil des Nistmaterials und schleppten auf diese Weise womöglich die tödlichen Pilzsporen ins Kinderzimmer. Philipp Olias widerlegte die Hypothese im Labor: Er entnahm unter dem Mikroskop einzelne Pilzzellen aus dem Lungengewebe der kleinen Störche, gewann den genetischen Fingerabdruck der Pilze und verglich ihn danach mit dem Genom von Pilzen aus diversen Müll- und Komposthaufen sowie Feldern der Umgebung. Bis auf einen Fall gab es keine Übereinstimmungen.

„Das war ein technisch sehr innovatives Vorgehen“, sagt Achim Gruber. Mit diesem Wissen im Hinterkopf war es für die Wissenschaftler auch keine Überraschung, dass das Abtragen des Vetschauer Horstes und ein kompletter Neuaufbau nur sehr kurzfristig Besserung brachten. Nach einem Jahr nahmen die Fälle von Lungen-Aspergillose wieder zu. Gelöst ist das Rätsel um die Todesfälle im Horst damit nicht.

Vor wenigen Wochen ist auch die Brut aus diesem Jahr gestorben, und Philipp Olias hat die Nestlinge bereits untersucht: Auch sie starben an Lungen-Aspergillose. Die Wissenschaftler der Freien Universität forschen weiter an der Krankheit. Die Vetschauer und auch die treue Internetgemeinde des Horstes werden es ihnen wohl danken.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben