Zeitung Heute : Auf der Suche nach der gesungenen Zeit

SYBILL MAHLKE

Das Eröffnungskonzert der Festwochen bringt mit der Begrüßung durch Bürgermeisterin Christine Bergmann eine Irritation, endet aber als erfolgreiches Auftakt-Heimspiel der Philharmoniker unter AbbadoVON SYBILL MAHLKEVierfaches Pianissimo der Violine, während die übrigen Instrumente, die es emporgetragen haben in selige Höhen, die Trompeten zumal und die Streicher, nun alle schweigen; "wie von fern" ist das letzte Solo verklungen und "äußerst langsam": der Geiger Rainer Kussmaul verabschiedet den Hauch im Decrescendo, "Gesungene Zeit" von Wolfgang Rihm.Und die Zuhörer tragen diese Stille mit, bevor der Applaus einsetzt, weil das Stück und seine Darstellung sie gebannt haben.Konzentration wird hörbar, indem der Moment einer erfüllten Nachbeobachtung sowohl der Komposition als auch dem Publikum gehört. Ein Publikum, das so reagiert, kann kein schlechtes sein.Trotzdem ist es nicht willens, eine Begrüßungsansprache höflich anzuhören, die der Bürgermeisterin Christine Bergmann zur Eröffnung der 47.Berliner Festwochen zugefallen ist.Unsere Nach-Wende-Befindlichkeit, nun zu überlegen, ob es irgendwelche Ressentiments gegen die Rednerin geben könnte, wird konterkariert von der reinen Beobachtung.Zunächst liest Bergmann, störungsfrei, über das Festival-Motto "Deutschlandbilder" und davon, daß die DDR-Führung den deutsch-deutschen Dialog, wie er schon vor mehr als zehn Jahren geplant war, nicht zuließ.Erst als die Ausführungen ins Detail der diesjährigen Festwochen gehen, kommt Ungeduld auf.Baselitz und Heisig, Goldmann, Zechlin und Henze und Rihm: da können die Kunstmenschen auf Parkett und Rängen wie die Geier werden, wenn sich ein Politiker, sei er auch noch so verdient, über eine Materie mitzuteilen sucht, von der sie mehr verstehen.Die Erfahrung lehrt, daß das Parteibuch dabei keine wesentliche Rolle spielt.Man hätte die Bürgermeisterin davor bewahren sollen, nach dem ersten kleinen Eklat auch noch auf Adorno zu sprechen zu kommen.Ihr Dank an den Festspielchef Ulrich Eckhardt, persönlicher gefaßt als in der vorgefertigten, viel zu langen Rede der Gemeinplätze, landet in einem spottlustigen Applaus, der nicht geheuer ist, bis er eindeutig gegen die Sprecherin geht.Eine Lektion in Blamage in jedem Sinn, aus der vermutlich nicht gelernt werden wird. Dafür klingt Schuberts sinfonische Musik mit den besonderen Qualitäten des Liederkomponisten, als ob sie spräche.Der Schubert-Zyklus der Festwochen wird vom Berliner Philharmonischen Orchester unter seinem Künstlerischen Leiter Claudio Abbado eingeleitet, auf dem Programm die Sinfonien Nr.7 h-Moll und Nr.8 C-Dur.Die Unvollendete spielen die Musiker "zu Ehren des Pianisten Svjatoslav Richter".Der "Tag vielfältiger Trauer" aber will es, daß der Intendant Elmar Weingarten mit dem Orchester zuerst des gerade am 6.September gestorbenen Sir Georg Solti gedenkt und mit bewegter Stimme "von seiner überbordenden Musikalität ...und von der Herzlichkeit seines Umgangs mit Musikern und Freunden", dem "Vorbild" spricht. Nach dem Bergmann-Zwischenfall ist die Atmosphäre anfangs gestört.Ein kritisches Publikum sollte vielleicht auch berücksichtigen, daß sich dergleichen von einer diskret in Celli und Kontrabässen einsetzenden Schubert-Sinfonie nicht so rasch wegradieren läßt.Die Beunruhigung entdeckt sich noch im Andante in einer kleinen Diskrepanz der momentanen Tempovorstellung, einer Seltenheit, zwischen dem Dirigenten und dem Oboisten Hansjörg Schellenberger, dessen Soli Abbado stets geneigt ist auf Händen zu tragen.Abbado macht aus dem Unvollendetsein der Sinfonie keine Gloriole, zumal die historischen Fakten dagegen sprechen.Ein Postulat aber erfüllen er und seine Musiker gern, das erstaunlich aus dem 19.Jahrhundert kommt, vom Autor des "Musikalisch-Schönen", Hanslick: "Dieser ganze Satz ist ein süßer Melodienstrom, bei aller Kraft und Genialität krystallhell." Über der Wiederentdeckung der Matthäus-Passion wird leicht vergessen, daß es auch Felix Mendelssohn Bartholdy war, der die Große C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert uraufgeführt hat.Und aus der Rezension Robert Schumanns darüber haften eher - mit der teils negativen Folge des "Ermüdenden" - die "himmlischen Längen", die er mit einem dicken Roman seines Lieblingsdichters Jean Paul vergleicht, als dies: "Schärfster Ausdruck des Einzelnen." Womöglich hat die Rezeptionsgeschichte da einiges verstellt, was strukturbewußte Aufführungen wie die Abbados und der Philharmoniker wieder ins rechte Licht holen.Die beiden Hörner verbinden sich in einstimmig feingeprägtem Gesang, und der ganze Kopfsatz bleibt bis zur Augmentation des Einleitungsthemas frei von Sentimentalität.Ein Stück Philharmoniker-Geschichte ist besonders im folgenden Andante zu beobachten, wenn Schellenberger die gebundenen Punktierungen seines hinreißenden Solos mit denen des Klarinettisten Marco Thomas verbindet.Ein "Neuer" fügt sich in den Holzbläsersatz des Orchesters, horcht hinein, wendet sich seinem Klarinettenkollegen Walter Seyfarth zu und erhebt zugleich eine Stimme der Individualität.Abbado agiert wieder als ein Meister des Übergangs, der Tempowechsel und nicht zuletzt der Generalpause, die kein Loch in der Musik ist, sondern eine Spannung. Als Künstler, dessen Werkverzeichnis von Gesängen, auch instrumentalen, blüht, paßt der Komponist Wolfgang Rihm mit seiner "Gesungenen Zeit" epochenumspannend in das Programm und steht doch für ein heutiges Donaueschingen "als Lebensform".Den bei allen feinen Reibungen und bedrängenden Zerreißproben praktisch inhaltlich nicht unterbrochenen Gesang spielt Rainer Kussmaul der Widmungsträgerin Anna-Sophie Mutter nach: in allen Klangvariationen zwischen Flautando und Vibrato, in den Doppelgriffen eine so makellose wie anrührende Leistung des Konzertmeistervirtuosen.

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