Zeitung Heute : Auf der Suche nach einem Jelzin-Erben

WALTHER STÜTZLE

Boris Jelzin feuert die ganze Regierung und seinen Weggefährten Viktor Tschernomyrdin.Ihn möchte er gerne als seinen Nachfolger im Amt des Präsidenten sehenVON WALTHER STÜTZLEDie Überraschung ist komplett.Boris Jelzin feuert die ganze Regierung und weder die Betroffenen noch professionelle Kremlbeobachter hatten eine Vorahnung.Im Nachhinein wird zwar vielstimmig erklärt werden, warum der Schnitt, den Jelzin schnell und scharf gesetzt hat, vorhersehbar gewesen sei.Aber an dem wichtigsten Moment, das die Jelzin-Entscheidung gezeitigt hat, ändert das nichts: Macht und Verantwortung sind unverändert in den Händen eines Präsidenten konzentriert, der körperlich zwar stark geschwächt ist, dessen Herz aber dennoch das wichtigste in Rußland ist.Der erste frei gewählte, demokratisch legitimierte russische Präsident hat demonstriert, daß heute auch in Moskau funktioniert, was in älteren Demokratien ganz selbstverständlich ist: Ein Gewählter macht Gebrauch von seiner Macht, selbst dann wenn niemand es von ihm erwartet. Erstaunlich bleibt die Entscheidung von Jelzin dennoch.Schließlich trennt er sich nicht von irgendeiner Regierung, sondern von der seines Weggefährten Viktor Tschernomyrdin.Fünf Jahre hat ihm der gelernte Maschinist als Regierungschef gedient.Nicht wenige, auch öffentliche Demütigungen haben den Sproß einer Kosakenfamlie nicht davon abgehalten, auch dann an Bord des Jelzin-Schiffes zu bleiben und Kurs zu halten, als die Nummer Eins aus gesundheitlichen oder anderen Gründen eher zu Kursschwankungen neigte.Nun wirft ihm der Kreml-Chef vor, die Wirtschaftsreformen zu zögerlich vorangetrieben zu haben und für die zahlreichen Mißstände wie nicht ausgezahlte Löhne und Renten verantwortlich zu sein.Ganz falsch ist das nicht.Aber eben auch nicht ganz richtig.Jelzin selbst hat Tschernomyrdins Arbeit erheblich erschwert, zuletzt durch das großzügige Austeilen ungedeckter Schecks im Präsidentenwahlkampf 1996.Doch neu ist die von Jelzin praktizierte Technik nicht, Schuldige zu benennen, um von der eigenen Verantwortung abzulenken.Aber indem er den präsidentiellen Zeigefinger gegen Tschernomyrdin richtet, deuten drei Finger auf ihn selbst. Vermutlich ist es weniger die Leistungsbilanz, die Jelzin veranlaßt hat, Tschernomyrdin abzuwerfen.Wichtiger dürfte der Wunsch des Präsidenten sein, die Weichen für die Zeit nach seinem eigenen Weggang zu stellen.Nachfolge-Furcht wird sichtbar in der Jelzin-Entscheidung.Und die Hoffnung, dem eigenen Wirken ein Leben nach dem Ende des eigenen Schaffens zu geben.Eine rein russische Erscheinung ist das nicht.Auch in älteren Demokratien ist solcherlei zu beobachten.Doch in Moskau hat der Wunsch des Präsidenten, der Zeit nach ihm bereits einen Namen zu geben, ein prominentes Opfer gefordert.Getroffen hat es einen höchst erfolgreichen Ministerpräsidenten. Fünf Jahre hat Tschernomyrdin der russischen Regierung vorgestanden.Der erzielte Erfolg ist gewaltig.Der Inflation konnten Zügel angelegt werden, die Wechselkurse sind in kalkulierbar breite Korridore eingeschwenkt, die Zentralbank gar hat sich den Ruf einer "Bastion der Stabilität" erworben.Vertreter des Internationalen Währungsfonds jedenfalls veranlaßte diese Entwicklung schon im Juli 1997, öffentlich bei einer Rußland-Konferenz in Berlin davon zu sprechen, der IWF "sei stolz darauf, der russischen Regierung bei ihrer erfolgreichen Arbeit behilflich gewesen zu sein".Nicht, daß damit alle Hürden genommen wären, die Rußland auf dem Weg zu einer stabilen Nicht-Diktatur noch zu überwinden hat.Erreicht aber wurde in der fünfjährigen Amtszeit eine Situation, über die Freunde und Partner übereinstimmend urteilen, daß Rußlands Uhr nicht mehr zurückgestellt werden kann.Der eingeschlagene Reformkurs gilt bei Fachleuten in und außerhalb Regierungen als unumkehrbar.Wer das als kleine Leistung einstuft, hat die Ängste und Vorhersagen vergessen, die im Dezember 1992 den Blick der meisten Beobachter auf Rußlands Zukunft beherrschten.Viktor Tschernomyrdin hat erheblichen Anteil an diesem Ergebnis.Erfahrung und Statur haben ihn außerhalb Rußlands zu einer Quelle von Vertrauen werden lassen.Tschernomyrdins Treue gegenüber Jelzin im Putsch-Herbst des Jahres 1993 hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, in ihm einen zuverlässigen Anwalt für ein neues Rußland zu sehen.Ihm nachzufolgen verlangt mehr als nur ein jugendliches Lebensalter.

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